• Debatte zur Flexibilität im Strommarkt: Flexibilität ist der Schlüssel für den Erfolg der Energiewende

Debatte zur Flexibilität im Strommarkt : Flexibilität ist der Schlüssel für den Erfolg der Energiewende

Nach der Flexibilisierung der Erzeugung muss der Verbrauch folgen. Hermann Albers (BWE) fordert die Einführung flexibler Stromtarife, um entsprechende Anreize zu setzen. Ein Debattenbeitrag.

Hermann Albers
„Eine hohe Versorgungssicherheit und ein stetig steigender Anteil Erneuerbarer Energien im Strommix sind belegbar kein Widerspruch.“
„Eine hohe Versorgungssicherheit und ein stetig steigender Anteil Erneuerbarer Energien im Strommix sind belegbar kein...Foto: dpa

Deutschland hat in den vergangenen Jahren große Erfolge bei der Fortschreibung der Energiewende erzielt. Der Anteil Erneuerbarer Energien am Strommarkt liegt heute bei 30 Prozent. Insbesondere in den Bereichen der Windenergie und der Fotovoltaik wurde eine beachtliche Lernkurve durchfahren. Längst produzieren diese Erneuerbaren sauberen Strom zu konkurrenzfähigen Preisen. Zudem leisten sie einen immer größeren Beitrag zur Netzstabilität durch Bereitstellung von Systemdienstleistungen und die Verstetigung der Stromeinspeisung dank technischer Innovationen.

Hermann Albers, Präsident des Bundesverbands WindEnergie e.V.
Hermann Albers, Präsident des Bundesverbands WindEnergie e.V.Foto: BWE

In wohl keinem Land der Welt ist die Stromversorgung so sicher wie bei uns. Statistisch gesehen fällt nur an 14,9 Minuten im Jahr der Strom aus. Über drei Stunden sind es dagegen in den USA. Allein Dänemark schneidet mit 17 Minuten im europäischen Vergleich ähnlich gut ab wie wir und hat im Übrigen bereits mehr als 40 Prozent Erneuerbare Energien im Strommix. Eine hohe Versorgungssicherheit und ein stetig steigender Anteil Erneuerbarer Energien im Strommix sind also belegbar kein Widerspruch. Der Verbund mit flexiblen Gaskraftwerken und modernen KWK-Anlagen garantiert auch künftig ein kostengünstige, saubere und sichere Energieversorgung für Haushalte, Gewerbe und Industrie.

Fossile Überkapazitäten abbauen

Wir brauchen jetzt mutige politische Weichenstellungen. Noch wird der Zubau Erneuerbarer Kapazitäten in Deutschland nicht ausreichend durch die Herausnahme konventioneller Kapazitäten begleitet. In der Folge dieses Überangebots kommt es zu erheblichen Marktverzerrungen. Deutschland exportiert so viel Strom wie noch nie. Die Preise an der Strombörse sinken immer öfter gegen Null. Unter diesen Bedingungen verlieren gerade flexibel einsetzbare Gaskraftwerke und moderne KWK-Anlagen, die die Energiewende dringend braucht, ihre Wirtschaftlichkeit. Diese paradoxe Situation gilt es zu lösen.

Grünbuch zeigt richtigen Weg

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie schlägt mit dem so genannten Grünbuch im Oktober 2014 den richtigen Weg ein. Im Diskussionspapier „Ein Strommarkt für die Energiewende“ stellt die Wind- und Sonnenenergie zu Recht den Kern eines zukünftigen Energiesystems. Um diesen gruppieren sich Biomasse, Wasserkraft, Geothermie und Wärmepumpen, während leistungsstarke KWK-Technologie und effiziente Gaskraftwerke das System unterstützen. Auch den Verbrauchern wird künftig eine wichtigere Rolle zukommen bei der vollständigen Transformation des Energiesystems.

Energie 4.0

Noch spielt die digitale Revolution sich vor allem auf der Seite der Erzeuger ab. Moderne Windkraftanlagen sind beispielsweise vom Netzbetreiber aus regelbar und erbringen so wichtige Systemdienstleistungen zur Sicherung von Spannung und Frequenz im Stromnetz. Jetzt gilt es, im Rahmen einer Hightech-Strategie die Verbraucher einzubeziehen. Dazu gehören auch flexible Strompreise, die die notwendigen Preisimpulse setzen. Gibt es einen Stromüberschuss, sinkt der Preis und Kunden werden animiert zu kaufen. Im Keller des Eigenheims oder in der Küche der Mietwohnung wird die Batterie aufgeladen und später laufen Kühlschrank, Fernseher oder Kaffeemaschine darüber. Und es wird möglich, bei hoher Nachfrage wieder Strom ins Netz einzuspeisen und dann bares Geld zu verdienen. Sobald Menschen in Echtzeit an den Schwankungen der Energiepreise teilhaben können, werden sie es kreativ tun. Was im Kleinen denkbar ist, wird für große Abnehmer und die Industrie ebenfalls funktionieren. Dabei spielt auch die Eigenversorgung eine wichtige Rolle. In diesem Bereich sollte die Politik Hemmnisse abbauen und neue Anreize schaffen.

Vorreiter durch Innovation

Eine Debatte des Tagesspiegel Politikmonitorings
Eine Debatte des Tagesspiegel PolitikmonitoringsFoto: TPM

Die Energiewende löst immer neue Innovationswellen aus. Neue Produkte und Dienstleistungen werden kreiert und festigen unsere Position in den internationalen Märkten. 138.000 Menschen arbeiten im Bereich der Windenergie in Deutschland. Die Branche verzeichnet eine jährliche Bruttowertschöpfung von 14,5 Milliarden Euro. Eine Exportquote von knapp 70 Prozent belegt, wie stark deutsche Anlagen in den weltweit dynamisch wachsenden Märkten nachgefragt werden – weil präziser Maschinenbau, innovative Elektrotechnik und solide Projektierungs- und Wartungsleistungen ineinandergreifen. Auch bei Energiedienstleistungen können wir Maßstäbe setzen. Der Industriestandort Deutschland ist auf einem guten Weg, die bestehenden Herausforderungen zu bewältigen und die Energiewende erfolgreich zu gestalten. Dafür braucht es visionäre Vordenker und mutige Unternehmer ebenso wie eine aktiv agierende Politik, die die Menschen für die Energiewende begeistert.

Was zu tun ist: Vier Forderungen an die Politik

1. Alle Marktteilnehmer brauchen dringend eine Entscheidung, in welcher Reihenfolge fossile Überkapazitäten aus dem Markt genommen werden.
2. Es gilt die Sektoren Strom, Wärme und Mobilität zusammenzuführen und mit Speichern und Intelligenten Netzen zu verknüpfen. Grüner Strom muss barrierefrei nutzbar werden. Dafür gilt es, die richtigen Anreize zu setzen.
3. Das Verramschen sauberer grüner Energie am Spotmarkt passt nicht. Alle Märkte müssen für Erneuerbare Energien zugänglich sein.
4. Flexibilität muss belohnt werden. Dies gilt für die Erzeugungseinheiten wie für die Verbraucher. Gerade der Letztverbraucher – ob Haushaltskunde, Gewerbe oder Industrie – muss frei entscheiden können, wann er Strom verbraucht. Dafür sind Preisanreize notwendig, d.h. wir brauchen Tarife, die zwischen Zeiten mit Stromüber- und -unterschüssen unterscheiden.

Hermann Albers ist Präsident des Bundesverbands WindEnergie e.V.. Sein Beitrag erscheint im Rahmen der Debatte des Tagesspiegel Politikmonitorings zur Flexibilität im Strommarkt. Alle Debattenbeiträge finden Sie hier.

Robert Busch: Ein Marktmodell für Flexibilität

Clemens Triebel: Speicher statt Kohle

Jochen Schwill und Hendrik Sämisch: Die Erneuerbaren regeln das schon selbst

Barbara Minderjahn: Flexible industrielle Lasten – ein wesentlicher Beitrag im Stromsystem der Zukunft

Hans-Joachim Reck: „Nichts ist umsonst“

Urban Windelen: Flexibilität im Strommarkt muss sich rechnen - Speicher spielen entscheidende Rolle

Cordelia Thielitz: Batteriespeicher als Beitrag zu Flexibilität und Versorgungssicherheit im Strommarkt

Dirk Becker: Versorgungssicherheit: Die Energiewende darf nicht ohne eine Flexibilisierung von Erzeugung und Verbrauch gedacht werden

Hermann Falk: Flexibilität als Schlüssel für das Energiesystem der Zukunft

Eva Bulling-Schröter: Gesucht wird: Verlässlicher Partner von Sonne und Wind

Alexandra Langenheld: Mehr "Flex-Efficiency" für den Strommarkt

Julia Verlinden: Die neue Energiewelt – Flexibilität im Strommarkt als Schlüssel

Hildegard Müller: Die Energiewende braucht intelligente Lösungen

Hendrik Köstens: Die Rolle der Flexibilität im Strommarkt der Zukunft - Eine Einführung in die Debatte

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