Was taugen Wahlwetten und wissenschaftliche Prognosemodelle?

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Demoskopie : Steckt die Wahlforschung in der Krise?
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Nur ein Würfelspiel? Oder sind Prognosen besser als ihr Ruf?
Nur ein Würfelspiel? Oder sind Prognosen besser als ihr Ruf?Foto: dpa

Konkurrenz bekommt die klassische Demoskopie seit einigen Jahren von zwei Seiten: den Wahlbörsen und der Wissenschaft. Wetten gelten seit langem als zuverlässige Indikatoren, jedenfalls wenn genügend Teilnehmer mitmachen und wenn auch Geld eingesetzt werden muss. Wahlbörsen gibt es einige im Internet. Parteien werden dort gehandelt wie Aktien. Zum Beispiel bei „Prognosys“, wo (Stand: 23. August abends) Schwarz-Gelb abgewählt wird und die Alternative für Deutschland knapp in den Bundestag einzieht. Bei „wahlfieber.de“ oder „interwetten.com“ wird eine Vielzahl von Wahlwetten angeboten. Auch Spiegel-Online veranstaltet eine Wahlwette, sogar mit Preisen, das bringt Kundschaft und Klicks. Aktuell liegt die Opposition dort klar vor Schwarz-Gelb. Die Ergebnisse von Wahlwetten liegen freilich oft relativ nahe an den Umfragen – die sind nun einmal die am einfachsten zu verfolgende Quelle für die Einschätzungen der Wettenteilnehmer.

Wie korrekt ist das "Kanzler-Modell"?

Von Wissenschaftlern gibt es mehrere statistische Prognosemodelle. Einen originellen, aber nach eigener Aussage sehr präzisen Ansatz, das Wahlergebnis vorauszusagen, haben die Politologen Thomas Gschwend und Harald Norpoth gefunden - das "Kanzler-Modell". Sie präsentieren keine Zahlen für die einzelnen Parteien, sondern prognostizieren den Erfolg oder Misserfolg der Regierungskoalition. Bei der ersten Anwendung 2002 sagten sie 47,1 Prozent für Rot-Grün voraus, also das exakte Endergebnis vom Wahlabend – „möglicherweise Anfängerglück“, wie Gschwend und Norpoth zugestehen. Auch 2005 lagen die Politologen nicht weit weg vom Ergebnis (42 Prozent für die abgewählte rot-grüne Koalition, tatsächlich waren es 42,3). 2009 war die Prognose weniger exakt, aber der Wahlsieg von Schwarz-Gelb wurde Wochen vor der Wahl vorausgesagt. Für alle Wahlen seit 1949 (im Nachhinein berechnet) habe die durchschnittliche Abweichung bei 1,1 Prozent gelegen, schreiben Gschwend und Norpoth. Die Wahrscheinlichkeit, richtig zu liegen, wird mit 96 Prozent beziffert. Das Prognosemodell basiert auf drei Faktoren: dem längerfristigen Wählerrückhalt der Regierungsparteien, der „Abnutzung im Amt“ (schließlich hat noch jede Regierungspartei irgendwann nachgelassen), vor allem aber der Popularität des amtierenden Kanzlers kurz vor der Wahl (basierend auf dem Politbarometer). Laut Gschwend und Norpoth gewinnt die schwarz-gelbe Koalition  im September die Wahl komfortabel, möglicherweise sogar mit der absoluten Mehrheit der Stimmen. Das Modell ist letztlich aber auch an Umfragedaten gebunden, statt der Sonntagsfrage ist es die „Kanzlerfrage“, der entscheidende Bedeutung zukommt. Im letzten Politbarometer lag Merkel mit 63 Prozent Zustimmung deutlich vor ihrem Herausforderer Steinbrück (29 Prozent).

Ist das relative Wachstum ausschlaggebend?

Ein anderes wissenschaftliches Prognosemodell haben Mark Kayser und Arndt Leininger von der Hertie School of Governance in Berlin ausbaldowert. Es ist ein Modell, das vor allem die wirtschaftliche Situation im Wahljahr als Basis hat – genauer: das Wachstum, und zwar im Vergleich zu Frankreich, Großbritannien und Italien. Es heißt daher „Benchmarking-Modell“. Kayser und Leininger gehen davon aus, dass die Beichterstattung über die Wirtschaftslage positiver ausfällt, wen die Situation im Vergleich zu benachbarten Ländern besser ist. Und das ist im Sommer 2013, trotz der mageren Wachstumsraten, der Fall. Auch hier spielt der längerfristige Rückhalt der Regierungsparteien eine Rolle, dazu der aktuelle Anteil der Wähler, die sich mit den Regierungsparteien identifizieren (dafür sind Umfragedaten nötig), zudem auch hier ein „Abnutzungseffekt“. Aus den vier Variablen berechnen Kayser und Leininger das wahrscheinliche Ergebnis für die amtierende Koalition. Angewendet auf die zurückliegenden Wahlen seit 1980 habe die größte Abweichung bei 1,8 Prozentpunkten vom tatsächlichen Wahlergebnis gelegen, und zwar für die Wahl 2005. Für den 22. September prognostizieren Kayser und Leininger 47,05 Prozent für die Union und die FDP zusammen. Und das reicht mit hoher Wahrscheinlichkeit für ein Weiterregieren von Schwarz-Gelb. Gestützt wird das dadurch, dass die Einschätzung der Wirtschaftslage im Politbarometer derzeit so gut ist wie nie zuvor seit 1996.

So sind zu den klassischen Umfragen eine ganze Reihe von Konkurrenten getreten. Den Schnitt all dieser Stimmungsbilder und Wetten und Prognosen (plus selbst erhobene Befragungen von Politologen und Journalisten) ermittelt das Portal „Pollyvote“, das Wissenschaftler der Universität München betreiben. Aktueller Stand dort: Union 39,6, SPD 24,7, Grüne 12,6, Linke 7,3, FDP 6,0, AfD 3,5, Piraten 2,9. Im Vergleich dazu das aktuelle Politbarometer: Union 41, SPD 25, Grüne 13, Linke 8, FDP 6, AfD und Piraten unter 3.

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