Der Arzt von Lampedusa erzählt : "An das Leid gewöhnt man sich nie"

Pietro Bartolo hilft seit 26 Jahren den Flüchtlingen, die auf Lampedusa landen. Was an den Südküsten Europas geschieht, nennt der Arzt Völkermord.

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Sinkendes Boot vor Lampedusa - eine Aufnahme der Flüchtlingshilfsorganisation SOS Méditerranée
Sinkendes Boot vor Lampedusa - eine Aufnahme der Flüchtlingshilfsorganisation SOS MéditerranéeFoto: dpa

Die Frauen, sagt Pietro Bartolo, zahlen den höchsten Preis. Es gab nicht eine unter den Migrantinnen, die der Gynäkologe in 26 Jahren untersuchte, die auf ihrem langen Weg nach Norden nicht vergewaltigt wurde. Die vielen Schwangerschaftsbäuche, die in den Medien zu sehen sind, sind sehr oft Ergebnis der Gewalt. Gewalt, die selbst Kinder trifft, wie die Neunjährige, die sich nach dem Tod der Großmutter allein auf den Weg zur Mutter in Europa machte.

Das Leiden der Frauen

Frauen sind auch die Opfer der „Schlauchbootkrankheit“: Sie haben die schlechten Plätze in den Booten, wo ihnen auslaufendes Benzin, gemischt mit Salzwasser, die Haut verätzt. Großflächige weiße Flächen entstellen ihre Gesichter, in die Körper fräst das Gift tiefe Wunden. Bevor Bartolo die Bilder in dieser Woche in Berliner Italienischen Kulturinstitut zeigte, warnte er vor ihrer Grausamkeit.

Pietro Bartolo
Pietro BartoloFoto: Paul Katzenberger

Die Perspektive des Arztes kommt in Medien und Politik fast nie vor. Sie sieht den und die Einzelne. 300 000 Migranten hat Bartolo seit 1991 auf Lampedusa untersucht, unzählige Leichensäcke inspizieren und Proben entnehmen müssen. Nummern sind die Menschen dadurch nicht für ihn geworden und auch „an das Leid gewöhnt man sich nie“. Der Satz wurde zum Titel des Buchs, das er mit der Journalistin Lidia Tilotta geschrieben hat. Als 2013 die bis dahin größte Havarie 368 Leichen auf seine Insel spülte, da wollte er aufhören. Im gleichen Jahr hatte er einen Herzinfarkt. „Aber als ich dann wieder an der Mole stand, vergaß ich, dass ich krank war.“

Durch seine Filmrolle die Macht der Kunst entdeckt

Er sei stolz darauf, Italiener zu sein, sagt er, Bürger des Landes, „das keinen auf dem Meer gelassen hat, die Toten wie die Lebenden“. Und er ist glücklich über die Offenheit seiner Landsleute auf Lampedusa, wo Bartolo vor 61 Jahren als eines von sieben Kindern eines Fischerpaares geboren wurde; nur er konnte studieren. Seit die Balkanroute praktisch dicht ist – „eine Schande“ sagt Bartolo – ist die Gastfreundschaft der Lampeduser noch mehr gefordert. Es kommen wieder mehr Menschen übers Meer.

Bartolo muss kürzer treten; seit Erscheinen des Buchs 2016 hat er seine Familie kaum noch gesehen. Durch seinen Auftritt in dem Dokumentarfilm „Fuocoammare“ von Gianfranco Rosi, der 2016 bei der Berlinale den Goldenen Bären gewann, weiß er aber: „Die Kunst ist eine mächtige Waffe.“ Damals konnte er sein Team aufstocken. Mit dem Buch hofft er nun, die Menschen aufzurütteln, damit das Sterben an Europas Südrand endlich aufhört. Bartolo nennt es Völkermord.

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