Der Europol-Chef im Porträt : Kampf gegen das Verbrechen

Geschätzt 100 Milliarden Euro Umsatz machen kriminelle Vereinigungen jährlich. Der Europol-Chef Rob Wainwright hat ihnen den Kampf angesagt. Ein schwieriges Unterfangen, denn nicht selten gibt es politische Bedenken gegen seine Methoden.

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Waffenhandel ist nur eines von vielen Gebieten, auf dem kriminelle Vereinigungen tätig sind.
Waffenhandel ist nur eines von vielen Gebieten, auf dem kriminelle Vereinigungen tätig sind.Foto: dpa

Sobald er über jeden Verdacht erhabene Zahlen zitiert, wechselt Europol-Direktor Rob Wainwright von Moll zu Dur. Dann hört sich seine Stimme anders an, so, als hätte er mitten im Satz die Tonart geändert. Konkrete Zahlen bedeuten Sicherheit, sie sind, um im Bild zu bleiben, die Noten in Dur. Als Europol-Chef muss er sich aber oft auf Dunkelziffern stützen. Das sind Noten in Moll.

Denn von Unternehmen der organisierten Kriminalität werden weder Bilanzen veröffentlicht noch Körperschaftssteuern bezahlt, weshalb nur eines sicher ist: dass man Sicheres nicht weiß. Das trifft zwar auf viele Dunkelfelder des Verbrechens zu, aber manche Hochrechnungen kommen der Realität näher als andere und lassen sich dann überprüfen, wenn am Ende eines Jahres die Polizeiliche Kriminalstatistik verglichen wird mit den Prognosen aus dem Lagebild des Vorjahres. Statistiken vom Bundeskriminalamt oder von Europol ebenso wie von Scotland Yard oder der Bundespolizei benutzen Schaubilder und Charts, die auf ermittelten Verbrechen, verurteilten Tätern und befreiten Opfern basieren. Nur Fakten werden gezählt.

Aktuelle Zahlen aus Deutschland

Die neuen Zahlen für Deutschland, die Bundesinnenminister Thomas de Maizière am Mittwoch vorgestellt hat, liegen laut Lagebild des Bundeskriminalamtes über Ermittlungsverfahren aus dem Hellfeld – 9155 Tatverdächtige 2013 im Vergleich zu 7973 im Jahr zuvor – um rund 15 Prozent höher als im Vorjahr. Der Schaden sank zwar, betrug aber immerhin noch 714 Millionen Euro. Das Dunkelfeld ist naturgemäß nicht mitberechnet, wird aber von Experten als riesig eingeschätzt wird. Der Gesamtumsatz von organisierten Banden in Europa wird auf hundert Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Am meisten verdienen die kriminellen Organisationen im Rauschgifthandel, dicht gefolgt vom Menschenhandel und Geschäften mit gefälschten Arzneimitteln.

Wenn Rob Wainwright von den Händlern spricht, beugt er sich vor, als würde er ihnen im nächsten Moment Handschellen anlegen können. Die Melodie seiner Sprache verliert den Klang ihrer walisischen Heimat. Feine Unterschiede zum Oxfordenglisch, das in den oberen Rängen von MI 5 und bei Scotland Yard gebräuchlich ist, würde ein Deutscher selbstverständlich nie bemerken. Der Mann an Wainwrights Seite, Police Officer Steve Harvey, horcht automatisch auf, wenn die Klangfarben plötzlich dunkler werden. Harvey war bis zu seinem Abschied aus Den Haag viele Jahre lang Chef der „Organised Crime Networks Unit“ , Abteilung O.8 von Europol, zur Bekämpfung von OK-Banden in Südosteuropa und auf dem Balkan. Gemeinsam mit Experten aus EU-Mitgliedsstaaten hat er konkrete Strategien entwickelt. Sie werden je nach aktuellen Lageberichten der Nationen, wie jetzt dem Bericht aus Deutschland, laufend taktisch verbessert und per Update dem neuesten Stand der Überwachungstechnik angepasst.

Eine Karriere für die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität

Wainwrights veröffentlichter Lebenslauf liest sich, als habe er schon früh auf den Europol-Chefsessel hingearbeitet: Er habe sich nach seinem Studium mit Szenarien von möglichen Terroristenattentaten, mit Analysen krimineller Organisationen und mit Strategien gegen illegale Einwanderung beschäftigt, bevor er 2006 die internationale Abteilung der „Serious Organised Crime Agency“ (SOCA) in London übernahm und drei Jahre später zum Nachfolger des Deutschen Max-Peter Ratzel an die Spitze von Europol berufen wurde. Doch Wesentliches bleibt in diesem Lebenslauf unerwähnt: Seine militärische Ausbildung bei einer Spezialeinheit wie zum Beispiel der SAS oder Einsätze wie etwa gegen die IRA-Terroristen fallen wahrscheinlich außerdem unter das für Staatsbeamte besonderer Art geltende Schweigegebot.

Der Law-Enforcement-Manager Rob Wainwright managt Europas Sicherheit, indem er Recht und Ordnung durchsetzt gegen Gesetzesbrecher. Das hat er trainiert. Bei SOCA. Seine einstigen Aufgaben dort sind ebenfalls ziemlich vage umschrieben. Er habe eine internationale Abteilung geleitet und 20 000 Ermittlungen koordiniert, bevor er zu Europol wechselte. Mit der Bezeichnung „internationale Abteilung“ ist genau die Spezialeinheit gemeint, die sich klandestin im Netzwerk internationaler krimineller Organisationen bewegte. Seinen Anspruch, wo immer es machbar sei, bei kleinen oder auch gern mal großen Siegen im Namen der Gerechtigkeit mitzuhelfen, brachte er ebenso mit nach Den Haag wie die Erfahrungen über Methoden, Taktiken und Strategien der organisierten Kriminalität – immer verbunden mit der im Studium trainierten intellektuellen Fähigkeit zu cooler Analyse. Aktuelle Gefahren und künftige Bedrohungen in Europa sind seitdem sein Metier.

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