Politik : Der österreichische Schriftsteller Franzobel über die Wahl in Österreich

Franzobel ist Schriftsteller ("Trottelkongress") u

Im Prinzip ist die Schlange ja ein schönes Tier: faszinierende Ornamente auf der Haut, einen Giftzahn in der Westentasche, vorne drauf ein Horn, und hinten rumpelt es. Klein hat sie angefangen, die Schlange FPÖ, fünf Prozent, und niemand hat ihr dieses große Fressen zugetraut. Aber wie die Schlange war auch die FPÖ fähig, ihren Unterkiefer auszuhängen und große Tiere zu verschlingen, gar zu verdauen. Erst hielt sie einen Apfel hin, Österreich zuerst, dann biss sie zu.

Jahrzehntelang haben die anderen Tiere auf die Schlange eingehackt, die FPÖ ist schon historisch die Partei der rehabilitierten Nazis, dann wurde sie kurz liberal. Und dann kam er, der große Kapazunder-Hai, der die Schlange aus dem Sumpf gefischt und wieder aufgepäppelt hat. Und heute ist die Schlange keine Schlange mehr, sondern ein gar nicht linder Tatzelwurm, der bald schon jeden dritten Österreicher repräsentiert.

Im Zeitalter der Talk-Show-Demokratie reicht es schon, wenn einer halbwegs reden kann, vernünftig angezogen ist, ein strahlendes Lachen und Charisma hat. Und Haider hat das alles vielleicht noch etwas mehr als alle anderen. Wie lange wäre er bei einer anderen Partei schon Kanzler? Bei den Wilden König? Wie sonst keiner versteht er es zu polarisieren, die Menschen emotional zu treffen, ihnen mit den geschicktesten Wahlplakaten unter die Haut zu gehen - in welchem Sinn auch immer. Es reicht, wenn einer Kreide isst und sagt, seht, ich bin gar keine windige Schlange, wie man immer und immer wieder behauptet hat, ich bin ein Fuchs, einer, der die fetten Gänse (Staatsreserven) mit euch teilt. Glaubwürdig und staatstragend. Und schon kommen alle, die es ohnehin nie glauben wollten, aus ihren Löchern und stellen sich dem angeblichen Fuchs in die Anhänger-Schlange, treten sich dabei selber auf die Füße, waren, wie sie behaupten, immer schon "Illegale".

In einer Abenteuer- und Erlebnisdemokratie reicht es bereits, wenn einem einer den fetten Hammel und den blauen Himmel verspricht, schon schalten alle ihr Hirn aus und rennen ihm brüllend hinterher: Abwechslung, etwas erleben, alles ändern, wir sind mit dabei.

Aber muss in unserem idyllischen Republik-Wäldchen wirklich so viel umgerannt werden, oder ist das bloß ein Pflanz der Hauruck-Ideologie? Blüht der Wohlstand nicht bei uns? Sind wir nicht das sechststinkreichste Land der Welt? Niedrigste Inflationsrate, Rekordbeschäftigung, Touristen, kulturelles Erbe, Natur, innovative Wirtschaft, Umweltbewusstsein, Kunst, im Vergleich mit fast allen anderen Ländern keine Probleme. Keine!

Weshalb also dieses Halali? Dieses ungustiöse öffentliche Bekennen zur Jagdgesellschaft, zu den Treibern, Hetzern und Waldbeißern? Ist es der tiefkatholische Wunsch nach dem Es-kann-nur-besser-werden-Paradies? Oder das den Österreichern ins Fleisch gewachsene Minderwertigkeitsgefühl: Ist nichts, kann nicht sein, olles Oarsch. Oder einfach der Wunsch, wo dabei zu sein, zu gewinnen. Waggoneffekt?

Jedenfalls muss es etwas Emotionales sein, etwas, das unter der Gürtellinie liegt, denn die Argumente sind es eher nicht. Vielleicht eine Art kindlich-kindische Lust am jahrelang Verbotenen? Am Bösen? Vielleicht ist ja der Schlangenbändiger die Verkörperung einer kollektiven österreichischen Verdrängung, das Wurmloch, die Summe aller kleinen Bräune in uns, die sich plötzlich konziliant und staatstragend nadelsteif gibt. Na bitte, so braun sind wir ja gar nicht, dürfen wir gleich auch unsere Läuterung erfahren. Jedenfalls ist da einer, da, mitten im Gesichter-Memory, der je nach Rechnung vielleicht erfolgreichste Politiker der zweiten Republik. Einer.

Was für einer? Ein Vereinzelter, allein Gelassener? Ein Stirner Max? Ein Individual? Nein, ein Aufrührer und Rudelführer, ein gebräunter Gruppenbildner, von dem nächsten, habe ich mir vorschwärmen lassen, sogar Serbinnen und Kroatinnen träumen. Schlange als Libido. Und so einer soll schlecht sein? Einer, der Schluss macht mit den Missständen, einer, der auf alles eine Antwort hat, eine Kläranlage für den Sumpf, ein Fuchs für den Gänsestall. Und jeder wurde von seiner Waldschrat-Bande so lange ausgesondert, bis es viele durchtränkt hatte, jeder, der gegen ihn ist, profitiert selbst von Pfründen und Proporz. Und wenn Künstler wie die Hühner aufschreien, dann nur deshalb, weil sie selbst um ihre Körndln fürchten, weil innerhalb des Kunststalls das Feindbild Kinderschreck noch keinem geschadet hat. Im Gegenteil.

Wir leben in einer Headlinerepublik. Gegen H.J. zu sein ist nicht mehr originell oder trendig, hat sich abgenutzt. Man hat es satt, dass ihm immer wieder seine abgeworfenen Schlangenhäute entgegengehalten werden, seine Aussagen zur ordentlichen Beschäftigungspolitik im Dritten Reich, seine Krumpendorfer Rede. Viel schicker ist es, den Sumpf in sich selbst zusammenzutragen und sich in die Seilschaft des Gipfelstürmers einzuhaken, rauf auf die Hütte, lasst uns schunkeln gehen. Lasst uns Leut aufhängen, die schwarzen Drogendealer kommen zu den grünen Krokodilen nach Schönbrunn, ins Leukoplastland, und Kindergrapscher werden zwangsbeschnitten. Lasst uns Autobahnen bauen und Gefängnisse. Hurra. Jedem das seine, uns ein Olympiasiegerautogramm. Hauptsache Abwechslung.

Aber spätestens mit diesem Wahlkampf hat es sich ausgefettet. Die Geschichte vom großen Abschmierer ist in sich selbst ausgerutscht. Viktor Adam und Wolfgang Eva haben es verabsäumt, die Schlange mit Argumenten abzureiben. Im Gegenteil, sie haben sich auf deren Niveau begeben, wollten auch züngeln und Gift spritzen, aber darin sind sie der Schlange natürlich unterlegen. Keine Gnade. Der Weg heraus aus der Republik ist schon geebnet. Und willig laufen die Schafe hinterher.

Wird man das, was man wünscht, sobald man es hat, wieder wegwünschen? Den Ausverkauf Österreichs, den Polizeistaat, die Verrohung der Sitten? Und der Kinderscheck? Wird er tatsächlich eingeführt, werde auch ich noch mehr Franzobelitos in die Welt setzen. "Kein Stein wird auf dem anderen bleiben", hat Peter Westenthaler gesagt, und das sollte man wörtlich nehmen! Aber nun ist es fast bereits zu spät, haben sich die Adams und Evas der großen Koalition bereits am Apfelschlögl der nur auf Emotion bedachten Politik verkutzt. Prompt sind sie aus dem Paradies politischer Kultur geworfen worden und auf dem Misthaufen dumpfer Angstmacherei gelandet.

Hat ein derart wie Germteig aufgegangener Staat wie Österreich es wirklich notwendig, dass sich eine international beachtete faschistoide Politik unter ihm auftut? Und was sind denn die im Wahlkampf präsentierten Schlager für rückwärts gewandte Gesänge? Arbeit für alle? Der sichere Weg. Was tut man sich da an? Wo führt das hin? Der Staat wird mehr und mehr dazu umgebaut, den Leuten das Fürchten beizubringen.

Vielleicht ist deshalb den gar nicht unschuldigen Großparteien diese unglaubliche Verunmöglichung von Sachthemen zugunsten einer Hammer-und-Schlögl-Emotionalisierung gar nicht unsympathisch. Vielleicht lassen sie sich wirklich lieber vertreiben, als das zu verteidigen, wofür sie immer wieder unsere Stimmen genommen haben. Ist mit dieser Medusen-Demokratie wirklich noch ein Staat zu machen? Hoffentlich.Franzobel ist Schriftsteller ("Trottelkongress") und lebt in Wien. Soeben erschien "Met ana anders schworzn Tinten. Dulti-Dialektgedichte" (Bibliothek der Provinz).

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