Der Preissturz und die Folgen : Billiges Öl –  tatsächlich schön?

Rohöl ist billig wie lange nicht. Gut für die Konjunktur bei uns. Doch da gibt es auch noch die Exportländer. Dort könnte der Preisverfall weniger angenehme Folgen haben.

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Rohöl ist billig wie lange nicht.
Rohöl ist billig wie lange nicht.Foto: Reuters

Der Winter soll ziemlich kalt werden, war gerade irgendwo zu lesen. Gut, dass der Ölpreis jetzt nicht so hoch ist. Er hat sich seit einem Jahr mehr als halbiert, die amerikanische Sorte WTI kostet derzeit noch etwa 45 Dollar, die Nordseesorte Brent liegt bei knapp 48 Dollar je Barrel. So billig war Öl selten in den letzten 20 Jahren. Und der Vergleich mit früheren Preiseinbrüchen bei WTI zeigt, dass man noch einige Zeit mit niedrigen Kosten kalkulieren kann, dass die Preiserholung sogar schwächer ist als nach den Einbrüchen von 1985 und 2008. An Terminmärkten wird der Ölpreis für 2020 bei nur 60 Dollar gehandelt. Billiges Rohöl drückt neben den Heiz- und Spritkosten auch andere Preise nach unten. Bei Erdgas zum Beispiel, auch bei Kohle. Und wo Öl und Energie eingesetzt werden, um Dinge zu produzieren, sinken die Produktionskosten, könnten Produkte also billiger werden. Eigentlich doch prima, dieser Ölpreisverfall. Er ist ein Konjunkturprogramm.

Ein Experte warnt: Vorsicht!

Es gibt aber immer auch die andere Seite. Weshalb der Ökonom Rem Korteweg, der für das Centre for European Reform schreibt, einen britischen Thinktank, seine Analyse mit der Überschrift versehen hat: Vorsicht vor billigem Öl! Die andere Seite, das sind jene Staaten, aus denen das Öl kommt. Und in denen sieht die Sache dann weniger rosig aus. Man mag sich zwar darüber freuen, dass der Preisverfall dort auch korrupten, undemokratischen und in ihrer Außenpolitik schillernden Regimen schadet. Etwa im Nahen Osten. Dort wurden die hohen Einnahmen bis vor einem Jahr dazu genutzt, die Unruhe in den Bevölkerungen durch soziale Maßnahmen zu dämpfen. Jetzt gehen die Einnahmen zurück, und die Unzufriedenheit könnte wieder wachsen. „Das Risiko sozialer Unruhen könnte Regierungen dazu bringen, die Unterdrückung zu verstärken, was zu Menschenrechtsverletzungen führt, zu Terrorismus und zu Abwanderungsdruck“, schreibt Korteweg.

Neue Unruhen im Nahen Osten?

Nach seiner Analyse verdient derzeit allenfalls noch Kuwait Geld mit dem Öl. Saudi-Arabien kann die Preisflaute wegstecken, weil es massive Rücklagen hat. In Bahrain dagegen, wo eine sunnitische Minderheit die schiitische Mehrheit beherrscht, sieht es schlechter aus. Dort gab es schon im Arabischen Frühling vor einigen Jahren Spannungen. Im Irak, der zwar sehr ölreich ist, aber arm, dürften sich ausländische Firmen zurückhalten, solange das Land zu keiner Stabilität findet und der „Islamische Staat“ nicht besiegt wird. In Afrika ist Nigeria völlig vom Ölexport abhängig, das Land hat kaum finanzielle Reserven aufgebaut, und erst bei einem Ölpreis von über 100 Dollar rentiert sich dort das Geschäft mit dem schwarzen Gold. Ähnlich ist es in Russland, wo das Regime von Wladimir Putin zwar über höhere Geldreserven verfügt, die bei einem anhaltenden Niedrigpreis aber schwinden werden. Das könnte laut Korteweg die Neigung Putins zu außenpolitischen Ablenkungsmanövern steigern, weil es ihm nicht gelingt, die starke Abhängigkeit der russischen Wirtschaft von Rohstoffen zu verringern. So könnte gerade in den Nachbarregionen Europas – Afrika, Nahost, Russland – ein anhaltend niedriger Ölpreis zu Instabilitäten führen, auf die sich, so Kortewegs Empfehlung, die Europäer einstellen sollten.

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