Politik : Der Tod des Fahrlehrers

Uwe Leichsenring hat die NPD in Sachsen aufgebaut – die Partei hat eine wichtige Führungsfigur verloren

Lars Rischke[Dresden]

Es war ein ungewöhnlicher Vorgang. Vor wenigen Tagen sickerte durch, dass der NPD-Abgeordnete Uwe Leichsenring einen Bittbrief an den Fußballverein VfB Lübeck geschickt hatte. Auf einem Bogen des Dresdner Landtags bat der Rechtsextremist aus Sachsen um Karten und „VIP-Behandlung“ für ein Spiel gegen Dynamo Dresden. Dass er für die NPD im Dresdner Parlament sitzt, verschwieg er. Anfang der Woche sendete die NPD-Fraktion eine E-Mail über den Presseverteiler, in der das Verhalten ihres parlamentarischen Geschäftsführers und stellvertretenden Fraktionschefs missbilligt wurde.

Nach der Rüge versuchte Leichsenring mit einer eigenen Erklärung aller Welt und wohl vor allem seinen Gesinnungsgenossen zu erklären, dass sein Vorgehen in Ordnung gehe. Er habe mit Entscheidungsträgern ins Gespräch kommen wollen und die treffe man nun mal nicht in der Gästekurve. Am Mittwochvormittag wurde die Erklärung verbreitet. Fast zeitgleich kam der 39-Jährige bei einem schweren Verkehrsunfall nahe Pirna ums Leben. Nach Polizeiangaben war der Fahrschullehrer bei einem Überholmanöver frontal mit einem Lastwagen zusammengeprallt. Sein Auto wurde in zwei Teile gerissen. Leichsenring starb noch an der Unfallstelle. Noch am Mittwochabend versammelten sich rund 250 Personen in Pirna-Sonnenstein und marschierten zu der Unfallstelle. Veranstalter war das rechtsextreme Nationale Bündnis Dresden.

Nach den Austritten von drei Landtagsabgeordneten Ende vergangenen Jahres ist der Tod Leichsenrings für die zwölfköpfige Fraktion ein erneuter schwerer Schlag. Die NPD zeigte sich schwer geschockt und sprach von einem unfassbaren Geschehen. NPD-Fraktionschef Holger Apfel bezeichnete Leichsenring als „herausragenden Leistungsträger“ der Rechtsaußenpartei. Tatsächlich hatte der NPD-Mann die Partei in Sachsen nach dem Mauerfall maßgeblich mit aufgebaut. Und er war einer der zentralen Führungsfiguren. Besonderen Einfluss hatte Leichsenring in der Sächsischen Schweiz, einer Hochburg der Neonazis in Ostdeutschland. Für ihn rückt nun der kaum bekannte Dresdner NPD-Kreischef Rene Despang nach.

In Königstein, wo er eine Fahrschule betrieb, holte Leichsenring für die NPD bei der letzten Kommunalwahl mehr als 20 Prozent. Seit 2004 saß er auch im Kreistag in Pirna. Seit Jahren versuchen Rechtsextreme überall im Land, in die Mitte der Gesellschaft vorzudringen. Leichsenring zeigte, wie es funktioniert. Er präsentierte sich in seiner Region als adretter, biederer und erfolgreicher Unternehmer, der Gewalt verabscheut und doch nur Zucht und Ordnung will. Das kam an bei den Leuten. Schon deshalb wurde in der Partei nicht ausgeschlossen, dass Leichsenring die Partei 2009 als Spitzenkandidat in den nächsten Landtagswahlkampf führen könnte und nicht wie bei der letzten Wahl Westimport Apfel. Während sich Leichsenring auf den Marktplätzen zurückhielt, zeigte er im Parlament seine wahre Gesinnung. So sorgte er nach dem Einzug der rechtsextremen NPD in den sächsischen Landtag Ende 2004 wegen rassistischer und antisemitischer Entgleisungen immer wieder für Empörung. Das wiederum kam an bei den radikalen Rechten. Erst Anfang Mai war er wegen volksverhetzender Äußerungen von mehreren Landtagssitzungen ausgeschlossen worden. Leichsenring hatte in einer Debatte, in der Bezug auf Judendeportationen während der NS-Zeit genommen worden war, erklärt, manchmal wünsche man sich die Sonderzüge wieder.

Der Tod Leichsenrings trifft die Rechtsextremen auch deshalb hart, weil er nach Einschätzung des Verfassungsschutzes ein wichtiges Bindeglied war zwischen der NPD und militanten Skinheads. So soll er enge Kontakte zur Schlägertruppe „Skinheads Sächsische Schweiz“ unterhalten haben, auch noch nach dem Verbot der kriminellen Vereinigung.

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