Politik : Der transatlantische Graben

Nach einer Studie des German Marshall Fund ist den Amerikanern Asien inzwischen wichtiger als Europa

von

Berlin - Wann immer es in den vergangenen Jahren um die künftigen transatlantischen Beziehungen ging, war es das Angstszenario vor allem der Deutschen: Dass sich die Vereinigten Staaten, irritiert und frustriert von Europa, lieber gen ihren Westen und damit nach Asien neigen. Anlass für Missverständnisse und Ärger gab es in der zurückliegenden Dekade genug, vom Irakkrieg über den Nahostkonflikt bis zur Finanzkrise und der Frage, wer daran Schuld hat. Nun ist der Beleg für die vermeintliche Entfremdung da. Eine Mehrheit der Amerikaner (51 Prozent), und besonders die jüngeren, ist der Auffassung, dass das Verhältnis zu Asien ihren Interessen deutlich mehr nutzt als das zu Europa (38 Prozent). Die Europäer wiederum sehen das genau andersherum. Hier setzt eine leichte Mehrheit immer noch auf die USA als wichtigsten Partner. Das ist das Ergebnis der Studie „Transatlantic Trends 2011“, die der German Marshall Fund und die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik am Mittwoch in Berlin vorstellten.

Beschleunigt hat diese Entwicklung nach Ansicht von Quentin Peel, Berlin- Korrespondent der „Financial Times“, die andauernde Schuldenkrise in Europa. „Washington ist zunehmend frustriert über die Tatsache, dass die Europäer ihre Probleme nicht in den Griff kriegen“. Und im Grunde verstünden die Amerikaner bis heute nicht, wie das komplizierte politische Gebilde Europa funktioniere. Für die bereits zum zehnten Mal erstellte Studie wurden zwischen dem 25. Mai und dem 17. Juni 2011 jeweils rund 1000 Personen in the USA, der Türkei und in zwölf EU-Mitgliedsstaaten befragt.

Besonders klar zeigen sich die Unterschiede auf beiden Seiten des Atlantiks auch in der Beurteilung des Nahostkonflikts. Ist eine Mehrheit der Amerikaner der Meinung, dass die Lösung des jahrzehntelangen Konflikts darin besteht, mehr Druck auf die Palästinenser auszuüben, wollen die Europäer eher Israel zum Handeln bewegen (siehe Grafik). Überraschend für manche auch die deutsche Haltung: 46 Prozent der befragten Bundesbürger wollen den Druck auf Israel verstärken, nur 20 Prozent den auf die Palästinenser. „Dieses Ergebnis steht in starkem Kontrast zur offiziellen Haltung Deutschlands“, sagt Constanze Stelzenmüller, Außenpolitikexpertin beim German Marshall Fund.

Dass unterschiedliche Bewertungen auf beiden Seiten des Atlantiks aber nicht immer trennend sein müssen, sondern dem Verhältnis sogar helfen können, zeigt ein anderes Ergebnis der Studie: Die Europäer sind deutlich zufriedener mit Barack Obama als die Amerikaner selbst. Drei Viertel der befragten Europäer finden die Außenpolitik des US-Präsidenten gut. In seinem eigenen Land sehen das nur 54 Prozent so, naturgemäß deutlich mehr Demokraten als Republikaner. „Barack Obama ist der beste Präsident, den Europa nie hatte“, sagt Quentin Peel.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben