Politik : Der Ungeduldige

Münchens Oberbürgermeister Ude will mit der SPD die Regentschaft der CSU im Land beenden

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Attacke. Christian Ude will bayerischer Ministerpräsident werden. Das Foto zeigt ihn beim Oktoberfest 2010. In diesem Jahr trifft er dort Horst Seehofer erstmals als seinen Konkurrenten. Foto: dapd
Attacke. Christian Ude will bayerischer Ministerpräsident werden. Das Foto zeigt ihn beim Oktoberfest 2010. In diesem Jahr trifft...Foto: dapd

Der Kandidat in spe war erst einmal entschwunden. Christian Ude machte Urlaub, in der Ägäis auf seiner Lieblingsinsel Mykonos. Am gestrigen Donnerstag nahm er seine Arbeit im Münchner Rathaus wieder auf. In den vergangenen Wochen hat der beliebte Oberbürgermeister die bayerische Landespolitik in der tiefsten Sommerpause komplett durchgerüttelt mit seiner Aktion, sich als SPD-Herausforderer von CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer zu positionieren.

Es geschah wie ein Überfall, und seitdem träumt die bayerische Opposition von einer Ablösung der CSU-Regierung – etwa in einem Bündnis aus SPD, Grünen und Freien Wählern, geführt von Ude. Aktuelle Umfragen lassen das durchaus möglich erscheinen. Zwar kommt die CSU bei allen Erhebungen deutlich über die 40-Prozent-Marke, der Koalitionspartner FDP könnte 2013 aber an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern.

„Wie hat Ihr Erfolg Sie beeinflusst?“, wurde der 63-Jährige einmal gefragt. „Man wird erst selbstbewusster und dann ungeduldiger“, antwortete er. Und weiter: „Bevor man ekelhaft wird, sollte man aussteigen.“

Das Stadium der Ungeduld hat Ude, der seit 18 Jahren im Münchner Rathaus regiert und einer der republikweit einflussreichsten Kommunalpolitiker ist, sicherlich schon erreicht. Dass er die Kandidatur von der darbenden Bayern-SPD auf dem Silbertablett serviert bekommt, wusste er. Schnell wollte er nun aber den Sack zumachen, ungeduldig wie er geworden ist.

Ude ist ein Ur-Münchner. In Schwabing ist er aufgewachsen, dort ist er immer geblieben. Der Vater war Feuilleton-Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ und schrieb noch bis ins hohe Alter Kritiken. Zunächst wurde Christian Ude selbst Redakteur, was ihn noch heute dazu veranlasst, Journalisten auf Pressekonferenzen mit „liebe Kollegen“ anzureden. Es folgten das Jura-Studium mit Prädikatsexamen, Arbeit als Anwalt, bei der er oft Mieter und wirtschaftlich Schwächere vertrat. Er war verantwortlicher Redakteur für SPD-Zeitungen, im September 1993 wurde er erstmals mit knapper absoluter Mehrheit zum Oberbürgermeister gewählt, klar setzte er sich gegen den CSU-Kandidaten Peter Gauweiler durch.

Christian Ude wird gerne als barocker Sozialdemokrat beschrieben, als Monarch von München. Doch das trifft ihn nicht ausschließlich. In jüngeren Jahren war er von hagerer Statur, ein Intellektuellensohn aus dem Schwabinger Bürgertum. Erst mit der Dauer des OB-Amtes nahm auch die Leibesfülle zu.

Geblieben sind ihm aber die Lust an spitzen Worten, Ironie und Selbstironie. Seine Reden haben viele Zwischentöne, Kultur kann ihn begeistern. So eröffnet er gerne, wie im Frühjahr, eine Ausstellung mit Werken der Münchner Star-Fotografin Herlinde Koelbl, bekannt durch ihre Langzeit-Politikerstudie „Spuren der Macht“. Für ihn ist sie natürlich die „liebe Herlinde“, die er schon aus Zeiten kennt, als sie sich noch als Autodidaktin in München gegen die Presse-Profifotografen durchsetzen musste.

Christian Ude ist mit der acht Jahre älteren Münchner Sozialdemokratin Edith von Welser-Ude verheiratet, die bei der Hochzeit sechs Kinder in die Ehe mitbrachte. Auf ihre älteren Tage arbeitet sie nun als Fotojournalistin mit einem eigenen Studio in Schwabing. Schon interessant, was die Udes so alles machen.

Im Laufe der Jahre hat Christian Ude an Autorität zugelegt – so sehr, dass man ihm eine ans Absolutistische grenzende Regierungsweise zuschreibt. Er wurde vom eher linken zum traditionell-fortschrittsgläubigen Mitte-Sozialdemokraten. In der Partei strittige Themen wie den Bau der dritten Startbahn am Flughafen oder des zweiten Tunnels für die überlastete S-Bahn unterstützt und forciert er kompromisslos. München soll wirtschaftlich voranschreiten, das ist sein Credo, es soll luxuriösen und kulturellen Glanz ausstrahlen, gleichwohl will er die ärmeren Bevölkerungsschichten nicht hinten runterfallen lassen. Die Machtverteilung zwischen den Koalitionspartnern Rot und Grün im Stadtrat ist für ihn klar, und so sieht er es auch bayernweit: Die SPD sollte „deutlich vor den Grünen liegen, wie sich das gehört und wie es sich bewährt hat“.

Richtig herrisch, polternd und ein Stück weit auch ekelhaft ist er bei der Münchner Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2018 gegenüber den Kritikern in Garmisch-Partenkirchen aufgetreten. Von München aus verkündete er, dass in Garmisch kein Bürgerentscheid gegen die Spiele möglich sei. Nicht nur seine Tonlage war dabei falsch, auch in der Sache lag er daneben – es kam zum Bürgerentscheid.

Sein Hauptthema im Landtagswahlkampf wird der Kampf gegen kommunale Privatisierungen sein, gegen den „Ausverkauf der Städte und Gemeinden“, wie er es bezeichnet. Denn nur mit einer starken, selbstbewussten kommunalen Ebene lasse sich Politik gestalten.

Christian Ude hält sich wahrscheinlich schon für den bedeutendsten aktiven Sozialdemokraten in Bayern und für den wichtigsten Münchner. Das führt zu Intimfeindschaften wie mit dem FC-Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß. In der Sache liegen die beiden häufig gar nicht weit auseinander, beide sind auch sozial sehr engagiert. Doch Hoeneß sieht sich womöglich auch als größten Mann in München – die beiden können sich nicht riechen. Als es um die Rettung des vor der Pleite stehenden 1860 München ging, bezichtigten sie sich gegenseitig öffentlich der Lüge.

„Wo Ude draufsteht, muss auch Ude drin sein“ – so stellt Ude seiner Partei Bedingungen für die Kandidatur. Er gibt schon jetzt vor, wie der Wahlkampf zu gestalten ist: So denkt er nicht daran, über die Dörfer und in die Fußgängerzonen zu ziehen. Vielmehr soll es einige Großveranstaltungen geben, „überfüllte Zelte“. Und Ude sagt, dass er nur Ministerpräsident werden würde, nicht aber Oppositionsführer oder etwa Juniorpartner der CSU in einer großen Koalition. Der Münchner CSU- Chef und Kultusminister Ludwig Spaenle bezeichnete Udes Durchmarsch als „undemokratisch“. Die Kritik mutet komisch an, sind doch gerade die Christsozialen seit jeher bekannt für undurchsichtige Pöstchenschiebereien.

Ude fliegt viel Sympathie zu, nicht nur in München. Er schaffe es, so wurde geschrieben, „die Menschen bei ihrem Wohlfühl-Lebensgefühl mitzunehmen“. Sein künftiger Gegner, Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), muss sich hingegen jedes kleine Stückchen Anerkennung durch das Wahlvolk hart erarbeiten.

Am 17. September treffen die beiden erstmals als Konkurrenten aufeinander: Christian Ude sticht auf dem Münchener Oktoberfest das erste Fass an. Er zapft die erste Maß und überreicht sie traditionsgemäß dem amtierenden bayerischen Ministerpräsidenten.

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