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Deutschland deine Baustellen : Können wir heute noch groß bauen?

09.12.2012 12:13 Uhrvon und
Neuer Hauptstadt-Airport: Entgegen früherer Erklärungen des Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Wowereit und seines Vize Matthias Platzeck (beide SPD) wird das Projekt nun doch drastisch teurer als geplant.Bilder
Neuer Hauptstadt-Airport: Entgegen früherer Erklärungen des Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Wowereit und seines Vize Matthias Platzeck (beide SPD) wird das Projekt nun doch... - Foto: dpa

Teurer als geplant, weniger Nutzen als gedacht, später fertig als gehofft: Bei Großprojekten wie dem Flughafen in Berlin oder dem Bahnhof in Stuttgart geht fast immer etwas schief. Das Versagen hat System.

Es ist egal, wen man fragt. Niemand kann exakt kalkulieren, wie teuer ein Großprojekt wird, sagt der Bau-Fachmann. Fast immer geht etwas schief und verzögert sich, sagt der Bahn-Kenner. Wir lieben es, bei Eröffnungen rote Bänder durchzuschneiden, danach kümmern wir uns nicht mehr, gibt der Abgeordnete zu.

Trotzdem stellen Politiker und Manager den Bürgern immer wieder beeindruckende Projekte in Aussicht, inklusive rascher Fertigstellung. Ein neuer Flughafen, ein neuer Bahnhof, eine neue Schienenstrecke, ein neues Konzerthaus. Am Ende wird es immer teurer und dauert länger – wenn es überhaupt klappt.

Das gilt vor allem für die beiden derzeit wichtigsten Großprojekte des Landes.

Seit Monaten versuchen die Planer beim Flughafen Berlin-Brandenburg, die Brandschutzanlage in Gang zu bekommen – bislang ohne Erfolg. Ob sie es jemals schaffen, ist ungewiss. Beim Tiefbahnhof Stuttgart 21 mühen sich die Planer, die Kosten nicht völlig ausufern zu lassen – kommenden Mittwoch müssen sie dem Aufsichtsrat der Deutschen Bahn beichten, dass das Projekt weitaus teurer wird als gedacht. Wieder einmal. Selbst einen Baustopp halten Insider derzeit für möglich, sollten sich die Bahn, der Bund, Baden-Württemberg und die Region nicht darüber einigen, wer die Mehrkosten trägt.

Rund ein Dutzend Großprojekte in Deutschland liegen derzeit hinter der Planung oder verteuern sich drastisch: etwa die Elbphilharmonie in Hamburg, der City-Tunnel in Leipzig, die ICE-Strecke durch den Thüringer Wald, der Neubau des Bundesnachrichtendienstes in Berlin. Doch keines ist so wichtig wie der Flughafen und der Bahnhof. Beide Vorhaben weisen auffällige Parallelen auf: Sie sind Prestigeobjekte der jeweiligen Landesregierungen, sie bescheren den Steuerzahlern weitaus höhere Kosten als ursprünglich gedacht – und haben trotzdem womöglich mehr Nach- als Vorteile: Wäre der Flughafen nicht in direkter Nähe zu Berlin gebaut worden, müssten sich weniger Menschen über den Fluglärm ärgern.

Hätte die Bahn nicht die Sanierung des alten Stuttgarter Kopfbahnhofs verschleppt, blieben den Bürgern jahrelanger Lärm und Dreck von der Mega-Baustelle erspart.

Zu teure Projekte sind keine Spezialität der Politik

Das Versagen hat System. Laut einer Studie der Universität Oxford, die 260 Großprojekte in den USA und Europa aus 70 Jahren verglich, kletterten in neun von zehn Fällen die Kosten stärker als vorgesehen. Die Menschen lernen aus ihren Fehlern offenbar nicht. Oder verschweigen Probleme und Misserfolge, wie zwischen den Flughafenplanern und ihren Kontrolleuren geschehen.

Oft sind die überzogenen Wunschvorstellungen von Ministern und Abgeordneten schuld, weiß Michael Knipper, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrie-Verbands. „Politiker verwenden oft politische Zahlen, um sich die Zustimmung zu einem Vorhaben zu sichern.“ Sie ließen mit längst überholten Daten arbeiten. Die Kosten werden dann unterschätzt, der Nutzen viel zu hoch angesetzt – mitunter sogar unbewusst. Wenn es am Ende doch Stück für Stück teurer wird, sind die Gewählten meist längst nicht mehr im Amt. „Das eigentliche Problem ist, dass die Politik nur in Vier-Jahres-Zyklen denkt“, weiß ein ehemaliger Bahn-Chef aus Erfahrung.

Auch die Ingenieure spielen eine wichtige Rolle. Sie geben vor, die Kosten im Griff zu haben, selbst in unsicherem Terrain mit schwierigen geologischen Bedingungen. Vor allem Tunnelbauten gelten als schwer kalkulierbar. „Vor der Spitzhacke ist es dunkel“, zitiert der Verkehrsplaner und Bahn-Kritiker Karlheinz Rössler eine Weisheit aus dem Bergbau. Auffällig ist, dass dennoch fast alle Neubauprojekte der Bahn in den vergangenen Jahren durch Mittelgebirge führen. Je teurer das Projekt, desto mehr Geld für die Planung fließt durch die Kassen des Konzerns. Stuttgart 21 mit seinen aufwendigen Bauten passt ins Bild.

Die Wirtschaft wünscht sich einen anderen Umgang mit Großvorhaben – denn der immer wiederkehrende Ärger über Mängel und Mehrkosten fällt auch auf sie zurück. „Eine offene, ehrliche Diskussion um Risiken und nötige finanzielle Rückstellungen dafür würden Debatten mit einer ganz anderen Kultur ermöglichen“, befindet Bau-Lobbyist Knipper. Dann würde es womöglich nicht immer nur teurer, sondern auch einmal billiger.

Immerhin: Zu teure Projekte sind keine Spezialität der Politik. Auch die Wirtschaft liegt mit ihren Kalkulationen oft schwer daneben. Nur elf von hundert Investitionsvorhaben aus mehreren Branchen liefern den geplanten Gewinn, indem sie im Zeit- und Kostenrahmen blieben, hat eine neue Studie der Unternehmensberatung Arthur D. Little ergeben. Jüngstes Beispiel: Siemens, das teure ICEs nicht rechtzeitig ausliefern konnte. Doch meist ersparen sich Firmen derlei Peinlichkeit – anders als die Politik können sie ihr Scheitern unter der Decke halten.

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Sie waren zusammen im Afghanistan-Einsatz. Jetzt sitzen sie auf entscheidenden Posten im Ministerium. Sie prägen das Bild, das sich die Ministerin macht. Sie bestimmen Ausrichtung, Struktur und Selbstverständnis der Truppe. Welche Folgen hat das für Deutschlands Sicherheit?
Eine Recherchekooperation des Tagesspiegels mit dem ARD-Magazin "Fakt".

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