Die 24-Stunden-Kita : Seelische Grausamkeit oder Erleichterung?

Die Familienministerin will 24-Stunden-Kitas fördern. Das ist ein weiterer Schritt zur Ökonomisierung der Familie, sagt Antje Sirleschtov. Falsch, die Kritik daran ist wohlfeile bürgerliche Polemik, sagt Anna Sauerbrey. Ein Pro und Contra.

von und
Rund um die Uhr betreut? Familienministerin Manuela Schwesig will 24-Stunden-Kitas von 2016 bis 2018 mit 100 Millionen Euro fördern.
Rund um die Uhr betreut? Familienministerin Manuela Schwesig will 24-Stunden-Kitas von 2016 bis 2018 mit 100 Millionen Euro...Foto: Daniel Naupold/dpa

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie brauchen ein Zuhause, die Nähe ihrer Eltern und Beständigkeit im Alltag. Oder kurz: Kinder brauchen Familien. Weshalb es richtig ist, dass über die Modernisierung des Elterngeldes Schutzräume für Familien geschaffen werden. Und über Teilzeitmodelle und den Wert von Familienarbeit diskutiert wird. Denn Familien brauchen Zeit für Gemeinsamkeit. Kinder spielen nicht auf Befehl, sie sind keine Maschinen, sie lassen sich nicht fugenlos in den Alltag einer globalisierten Gesellschaft einpassen.

Die 24-Stunden-Kita macht die Familienpolitik zu einer Unterabteilung der Wirtschaftspolitik

Die 24-Stunden-Kita aber führt genau dahin, sie ist der Einstieg in eine Gesellschaft, in der Familienpolitik zur Unterabteilung der Wirtschaftspolitik wird. Ist die 24-Stunden-Kita erst einmal eingeführt, wird sie zur Regel werden. Arbeitgeber erhalten beste Argumente, um Druck auf Eltern auszuüben. Teilzeit? Familienfreundliche Arbeitszeiten? Wozu, wenn Kinder um drei Uhr nachts zur Kita getragen werden können? Demnächst wird die völlige Verfügbarkeit von Müttern und Vätern im Produktionsprozess zum Standortvorteil erklärt.
Haben die Befürworter der Rundumbetreuung, wie etwa Manuela Schwesig und Berlins CDU, in Ostdeutschland ältere Mütter zu ihren Erfahrungen mit der Wochenkrippe und der 24-Stunden-Kita befragt? Die Entkoppelung der Familie war Staatsziel der DDR. Als „Befreiung der Frau“ hatte das August Bebel in „Die Frau und der Sozialismus“ verbrämt. In Wahrheit ist es die Ökonomisierung der Familie, eine Auflösung von individuellen Bindungen und Traditionen im Interesse kollektiver Ziele. Damals – und auch heute.

Seelische Grausamkeiten für Groß und Klein

Wie das war? Kinder wurden von Montag bis Freitag in Betreuungseinrichtungen gebracht. Oder Krankenschwestern haben nachts ihre Kinder abgegeben, acht Stunden gearbeitet, dann geschlafen und die Kleinen am Nachmittag wieder abgeholt, nur um sie in der nächsten Nacht wieder dort hinzubringen. Seelische Grausamkeiten für Groß und Klein.
Niemand im bürgerlichen Mittelstand, der sich Tagesmütter leisten kann, würde seinem Kind heute so etwas antun. Warum will ausgerechnet eine SPD-Politikerin Verkäuferinnen, Putzkräften im Hotel oder Pflegerinnen – also Geringverdienern – dieses Schicksal zumuten? Alternativen gibt es: Alleinerziehende erhalten Geld für Betreuung zu Hause, wenn sie in Schichten arbeiten. Gewerkschaften erkämpfen familienfreundliche Arbeitszeitregelungen und Hilfen für Schichtarbeiter. Und die Familienministerin kümmert sich um die Interessen der Familien und weniger um die der Wirtschaft.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

12 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben