Die Affäre des Bundespräsidenten : Wulffs Parallelwelt

28.01.2012 19:06 Uhrvon
  • Christian Wulff sorgt auch nach seinem Rücktritt immer wieder für Schlagzeilen: zum Beispiel wenn es um sein Ehrensold oder das Büro mit Mitarbeitern geht. - Foto: dpa
  • Nach bezahlten Urlauben und anderen Skandalen: Christian Wulffs Ex-Frau gerät auch in den Fokus der Ermittlungen. Die Juristin wurde von einer Anwaltskanzlei angestellt - hat aber... - Foto: dapd
  • Anfang März wird das Haus des Ex-Bundespräsidenten in Großburgwedel durchsucht. Sein Computer wird beschlagnahmt. - Foto: dpa

Bundespräsident Wulff absolviert offizielle Termine und wähnt alles in Ordnung. Ist das so? Das Volk isst „Wulff-Brötchen“, für die es nicht zahlt, und Politiker wollen keine „Wulffer“ sein.

Der Bundespräsident und der "Lügner" existieren parallel

Der Bundespräsident und der „Lügner“ existierten also parallel. Das kann nicht so bleiben. Einer von beiden muss irgendwann aufgeben.

Als Christian Wulff vergangenen Sonntag auf Einladung der Wochenzeitung „Die Zeit“ bei einer Matinee im Berliner Ensemble saß, machte er deutlich, dass er vorhabe, die Berichte über seine Amtsjahre in Hannover weiter zu ertragen. Er glaubt, dass es vorbeigehen, dass alles vergessen werden wird. Dass er „aufstehen kann“, wie einer, der gestrauchelt ist, und man ihn später fürs Geschichtsbuch messen wird an den Taten, die er in seinem Amt noch vollbringen will. Das Urteil über seine Präsidentschaft, sagt er, solle nicht jetzt, sondern nach seiner Amtszeit, also 2015, gefällt werden.

In den nächsten Monaten, das hat sein Amt angekündigt, will er eine Reihe Auslandsreisen antreten. Er will das grelle Bild seiner selbst mit präsidialer Normalität übermalen. Doch kann einer wie er die Glaubwürdigkeit überhaupt noch zurückgewinnen, nach allem, was in diesen sieben Wochen geschehen ist?

In Berlin endet an diesem Sonntag die Bauernmesse „Grüne Woche“. Eine Woche lang trafen sich hier Landwirte, Hersteller von Lebensmitteln, Winzer. Man aß, man trank, man redete. So war es immer. Doch in diesem Jahr war es anders. Da bot ein Bäcker aus Delmenhorst neben Milchzöpfen und Graubrot auch ein „Wulff-Brötchen“ an. Mitnehmen, ohne zu bezahlen. Und die Leute? Sie griffen grinsend zu. Der Bäcker musste sich nicht rechtfertigen, musste keinem erklären, was „wulffen“ heißt. Jedes Kind weiß, was das bedeutet.

Im Nordosten der Republik geht man noch weiter. Da kann man Wetten auf ihn abgeben. „Wie lange noch?“, lockt der Radiosender „Antenne Mecklenburg-Vorpommern“ seine Hörer an die Rundfunkempfänger. Als sei es ein Volkssport, Christian Wulff aus dem Bellevue zu vertreiben, sollen sie tippen, wie lange er noch durchhält. Wer mitmachen will, nennt ein Rücktrittsdatum: morgen, übermorgen, nächsten Monat. Und kann dafür einen „Kurztrip für zwei Personen nach Berlin“ gewinnen. Das Ende des Präsidenten als Marketing-Gag. Der Verfall an Autorität des Mannes, dessen Amt traditionell große Autorität besitzt, geht rasant. Und der Karneval kommt erst noch.

Im Rheinischen bereitet man sich auf Rosenmontag vor. Die Affäre Wulff, verkündeten die Jecken dieser Tage, sei „selbstverständlich“ das Thema der Umzüge. Als Pappmaschee-Hasen auf der Schlachtbank mit Beil im Nacken hat man ihn schon gezimmert, und das wird nicht das bitterste sein, wenn die Kölner oder die Mainzer Karnevalisten erst richtig in Fahrt kommen.

Und sogar im fernen Abu Dhabi grölte vergangenen Dienstag eine ganze Wirtschaftsdelegation, die mit dem deutschen Gesundheitsminister angereist war, spontan los, als sie im feinen Palace-Hotel mit den Worten begrüßt wurde, höchste deutsche Staatsgäste seien an diesem prunkvollen Ort schon abgestiegen. Gemeint waren: Karl-Theodor zu Guttenberg und Christian Wulff. Zu denen wollte man nicht gehören.

Die Menschen haben ein Gespür für ihre Repräsentanten, wenn es darum geht, was richtig, was anständig, was würdig ist. Liegen sie im Falle Wulff richtig, steht das Urteil über diesen Präsidenten bereits nach diesen sieben Wochen fest.

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