Die Debatte über "Leihstimmen" : FDP als zweite Wahl

Im Zusammenhang mit dem Ergebnis in Niedersachsen war häufig die Rede davon, die FDP habe ihr gutes Resultat „Leihstimmen“ zu verdanken. Wie groß war ihr Einfluss wirklich?

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Die Partei von FDP-Chef Philipp Rösler feierte auch wegen der Zweitstimmenkampagne der CDU in Niedersachsen einen großen Erfolg.
Die Partei von FDP-Chef Philipp Rösler feierte auch wegen der Zweitstimmenkampagne der CDU in Niedersachsen einen großen Erfolg.Foto: dpa

Ziemlich groß – auch wenn der Begriff „Leihstimmen“ nicht ganz passt. Ihm liegt die Annahme zu Grunde, dass jeder Wähler prinzipiell ein Parteimann oder eine Parteifrau ist, die abweichend von ihrer eigentlichen Meinung die Zweitstimme einer anderen Partei „leiht“. Aber ist jeder Wähler, der mit der Erststimme die CDU, mit der zweiten die FDP wählt, wirklich ein CDU-Stammwähler, der fremdgeht? Oder nicht vielleicht ein Anhänger von Schwarz-Gelb, der am Ende den Erfolg einer bestimmten Koalition will und seine Stimmen entsprechend einsetzt?

In der Tat muss man die Niedersachsen-Wahl unter dem Blickwinkel des „Koalitionswählens“ betrachten. Nur so ist das massive Stimmensplitting zu erklären – übrigens nicht nur zwischen CDU und FDP, sondern auch bei SPD und Grünen. Der Koalitionswähler nutzt die Möglichkeit, seine beiden Stimmen – die erste für den Wahlkreiskandidaten, die zweite für die Parteiliste – so einzusetzen, dass das Ergebnis, das er sich wünscht, möglichst zustande kommt.

CDU- wie FDP-Anhänger haben das intensiv genutzt – deutlich stärker als bei der Wahl 2008. Der „Zweitstimmenaufruf“, den David McAllisters Christdemokraten und die Liberalen einsetzten, um die FDP sicher über die Fünfprozenthürde zu bringen, war erfolgreich. Dass er die CDU Stimmen kostete, ist aus Koalitionssicht kein Makel – Direktmandate verlor die CDU dadurch nicht – denn diese basieren auf den Erststimmen.

Die CDU bekam am Sonntag 42,6 Prozent der Erst- und 36 Prozent der Zweitstimmen – eine Differenz von 6,6 Prozentpunkten. So hoch war auch die Differenz bei der FDP: 3,3 und 9,9 Prozent. Auch bei SPD und Grünen gab es diesen Effekt häufiger als vor fünf Jahren. Vor allem bei den Grünen, wo Koalitionswähler durch Splitting SPD-Direktkandidaten unterstützten, um so möglicherweise Überhangmandate für die CDU zu verhindern. Die Differenz zwischen grünen Erst- (10,5 Prozent) und Zweitstimmen (13,7 Prozent) betrug 3,2 Prozentpunkte. 2008 war es nur ein Prozentpunkt.

Für 80 Prozent der FDP-Wähler vom Sonntag, so die Analyse der Forschungsgruppe Wahlen, hieß die präferierte Partei eigentlich CDU. Von diesen wiederum hätten sich 43 Prozent erst kurzfristig entschieden. Bei der Gesamtzahl der Wähler lag der Anteil der „Kurzfristentscheider“ bei nur 23 Prozent. Die FDP hat also viele „Retter in letzter Minute“ gehabt.

Was zu der Frage führt, welche Stärke die FDP eigentlich hat. Wie groß ihr „Normalpotenzial“ ist. Gemäß der Analyse der Forschungsgruppe wären es nur etwa 20 Prozent ihrer Wähler, also gut 70 000 – deutlich weniger als die gut 118 000 Männer und Frauen, die der FDP in Niedersachsen auch ihre Erststimme gaben – was immer eine größere Parteinähe bedeutet.

Andererseits ist der Anteil von Stammwählern bei allen Parteien gering – ein Sechstel der Befragten gab am Sonntag bei Infratest dimap an, dass sie immer die gleiche Partei wählten. Der Rest sind Wechselwähler, Gelegenheitswähler, Protestwähler, Spaßwähler, taktische Wähler. Und diese, nicht zuletzt die Koalitionswähler, sind laut Matthias Jung von der Forschungsgruppe, allenfalls kurz vor einerWahl demoskopisch zu erfassen, weil sie sich sehr kurzfristig entscheiden.

Die Frage nach der eigentlichen Stärke einer Partei führt daher nicht weit. Das Potenzial der FDP liegt derzeit in einer relativ weiten Spanne, es ist je nach Situation abrufbar. So erklären sich auch die großen Unterschiede zwischen Umfragen ohne näheren Bezug zu einem Wahltag (bei Forsa unlängst nur zwei Prozent für die FDP im Bund) und den auf den ersten Blick überraschenden Wahlergebnissen wie dem vom Sonntag. Letztlich ist eine Partei „eigentlich“ immer so stark wie ihr Wahlergebnis. Ist es gut, dann hat sie das aktuelle, wahlspezifische Potenzial ausgeschöpft. Wenn nicht, dann hat sie ein Problem. Albert Funk

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