Politik : Die Entscheidung fiel Heinz Schleußer schwer

Jürgen Zurheide

Die Lufthansa Maschine um 13 Uhr 45 wartete vergeblich auf den prominenten Gast. Heinz Schleußer hatte eigentlich von Düsseldorf nach Berlin fliegen wollen, in der Hauptstadt stand ein wichtiges Vorgespräch für die kommende Tarifrunde im öffentlichen Dienst auf der Tagesordnung. Doch die Arbeitgeber mußten sich ohne ihren Wortführer beraten Am frühen Morgen hatte er im Parlament noch Fragen zu Betriebsfeiern seiner Finanzbeamten auf Kosten der WestLB beantworten müssen. Bei den verschiedenen giftigen Fragen der Opposition sprangen ihm im übrigen sowohl Ministerpräsident Wolfgang Clement wie Justizminister Jochen Dieckmann bei, und am Ende war diese Fragerunde für die Christdemokraten nicht ergiebig.

Auf den Fluren wurde ohnehin nur über eine andere Sache debattiert. Das späte Bekenntnis von Heinz Schleußer hatte in den Morgenzeitungen für dicke Schlagzeilen gesorgt. "Wir haben erstmals seit langem die CDU von diesem Spitzenplatz verdrängt", stellte einer von denen fest, die sich redlich beteiligt hatten, die Genossen aus dem Tal um die WestLB-Flüge zu führen. Sicher, dass sich der neue Belastungszeuge, der 57jährige Pilot Richard Schildbach, bei seinem Hinweis auf einen neuen Schleußer-Flug in weiblicher Begleitung nach Bremen offenbar mindestens im Datum geirrt hat, entkrampfte die Lage ein wenig. "Ein Skandal", hatte Heinz Schleußer noch am späten Abend geschimpft, als klar wurde, dass er am 10. Juni 1985 im Plenum gesessen und nicht nach Bremen geflogen war, wie Schildbach zunächst außerordentlich überzeugend dargestellt hatte.

Doch selbst das veränderte höchstens die Befindlichkeit der Genossen, die seit dessen Bekenntnis vom Montag Abend zweifelten. "Wir stehen das kaum durch", lautete die interne Analyse selbst in der vertraulichen Runde am Montag Abend. "Wenn du bleibst, müssen wir die Stahlhelme aufsetzen", hatten sie Schleußer zugerufen und am Ende entschieden, dass er nicht weicht; und das, obwohl ihnen nicht verborgen geblieben war, dass er einem Rücktritt nicht völlig ausgeschlossen hatte. Heinz Schleußer weiß seit Freitag Abend, dass sich seine Lage erheblich verschlechtert hat. Gegen die Stimmen der Sozialdemokraten hatte die Ausschuß-Mehrheit von CDU und Grünen beschlossen, seine damalige Begleiterin auf die Zeugenliste zu setzen. Einen genauen Termin hat man noch nicht verabredet, aber ihm war sofort klar, dass er seine Version nicht mehr würde aufrechterhalten können - sowohl bei einem Flug 1990 über Belgrad über Split wie bei der Rückholaktion nach dem Tode von Carsten Rohwedder im Jahre 1991 war seine Begleiterin mit an Bord. "Dadurch verändert sich doch der Charakter der Reise nicht", hatte er befunden und am Ende, am späten Samstag abend entschieden:"Ja, ich kämpfe und setze den Stahlhelm auf". Zu diesem Zeitpunkt muß er noch irgendwie geglaubt haben, er könne auch andere veranlassen, sein Privatleben aus der Sache herauszuhalten. "Das hat er falsch eingeschätzt", sagt einer, der ihn gut kennt.

In den Parteiversammlungen nehmen die Genossen wenig Rücksicht. Im Ruhrrevier gibt es am Dienstag verschiedenen Konferenzen, die Parteifreunde schimpfen. "Viele fürchten einen ähnlichen Effekt wie bei Heugel in der Kommunalwahl", berichtet einer, der dabei war. All diese Nachrichten hört Heinz Schleußer, ohne Regung zu zeigen. "Ich habe subjektiv nicht das Gefühl gelogen zu haben", wiederholt er. Gegen Mittag entscheidet er, nicht nach Berlin zu fliegen. Statt dessen schließt er sich zunächst mit einem Vertrauten aus der IG Metall im Vorzimmer von Wolfgang Clement ein, danach berät man in einer etwas größeren Runde. Schleußer zieht sich anschließend in seinem Ministerium zurück, am frühen Abend schickt er Wolfgang Clement sein Rücktrittsgesuch.

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