Politik : Die Genossen tief im Keller

Vordenker im Nachlass – wo man immer Gutes über die SPD findet. Eine Spurensuche

Jürgen Schreiber[Bonn]

Als der ICE 654 Berlin-Bonn abfuhr, lag die SPD in Umfragen bei 28 Prozent. Eine Untergangs-Meldung jagte die andere: Der Tagesspiegel nannte Gerhard Schröder den „gefesselten Kanzler“. Die Süddeutsche ätzte: „An diesem Montag hat er das Soziale entdeckt.“ Oskar Lafontaine wurde mit dem Satz zitiert: „Diese SPD ist nur noch Hülle.“ Die FAZ prophezeite: „Kraftlos in den Wahlkampf“ und meinte das zerknitterte Traumpaar Müntefering und Schröder.

Genossen, wo bleibt das Positive? Muss man wirklich bis ins Bonner „Archiv der Sozialen Demokratie“ fahren, um überhaupt gute SPD-Nachrichten zu finden? Professor Michael Schneider drückt den Aufzugknopf ins dritte Untergeschoss, er hat die Hände voll mit Schlüsseln zu den Schatzkammern der Partei. Der Historiker öffnet die Metalltür zu Magazin 038 B, Raum IV, Abteilung I: wenigstens ein Ort in Deutschland, wo die Welt der Sozis noch einigermaßen heil ist. Hier wird neben weiteren 1000 Nachlässen das Vermächtnis von Willy Brandt verwahrt.

Dem Kanzler sei’s geklagt, aber die besten Jahre seiner Partei liegen nun mal im Keller der Friedrich-Ebert-Stiftung. Dort werden bei wohltemperierten 20 Grad und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit allein 400 Regalmeter „Schriftgut“ von Brandt im bestens gesicherten Depot gehütet, von den Mitarbeitern „Käfig“ genannt. Alle Vermächtnisse der SPD-Prominenz hübsch voneinander getrennt, als wirkten die alten Rivalitäten in den Katakomben fort. Brandt ist der beliebteste Genosse geblieben, Ikone einer SPD, die Seele hatte und mit einem Schuss Nostalgie in ihm den einzig wahren „Reformkanzler“ sieht. Er ist auch die Nummer 1 bei Archivanfragen, keines der im Computer erfassten 60000 Plakate aus dem Partei-Milieu wird so oft bestellt wie das des Mandoline spielenden „Willy“ mit der elegischen Miene. Das Farbfoto entstand 1976 bei einer Wanderung im Teutoburger Wald, der jugendbewegte Brandt war 63, er konnte nicht nur klimpernd das Publikum begeistern.

In seiner Ära gab es noch genug zu versprechen, das sich gut in der Werbung machte: Es ging „Voran mit Willy Brandt“, er wollte „Mehr Demokratie wagen“. Es ging um den „Blauen Himmel über der Ruhr“, die Ostpolitik, es ging um den viel zitierten Aufbruch und was die Genossen an gefühligen Sprüchen sonst in Siegeslaune versetzen konnte: „Alter ohne Sorgen, dann SPD.“ Der Slogan „Wohlstand ist für alle da“ klang, als ob es beim Klassenkampf was zu gewinnen gäbe, zumal er, wie man heute sagen würde, authentisch zum romantischen Idealismus von Brandt passte.

Sein Nachlass ist für Michael Schneider „das ausgesprochene Schmuckstück unseres Hauses“. An der Wand gleich beim Eingang die Friedensnobelpreis-Urkunde, die es gar nicht bräuchte, um Brandts Ausnahmestatus zu betonen. Die Bonner verwahren seinen Pass und Führerschein. Aus dem Abi-Zeugnis gibt Schneider die Noten „sehr gut“ für „Religion“ und „Geschichte“ preis; hingegen habe es bei Brandt in Latein gehapert. Über 100 Fotoalben fallen ins Auge, Bildchroniken von Reisen nach China oder Indien des sozialistischen Internationalen, der die Partei überhaupt erst richtig auf die politische Landkarte brachte. Dicke Ordner mit „Zuschriften aus der Bevölkerung“. Kitsch aus Ost-Berlin wird aufbewahrt, die von Honecker geschenkte „Kleine Volksbibliothek der DDR“ mit Marx und Goethe im Puppenstubenformat. Auch das „Dekameron“ wurde mitgeliefert.

Dann auf einem Schreibtisch Brandts überquellender Terminkalender mit eingelegten Zetteln; die dramatischsten Tage der SPD auf Stundentakt reduziert. Der 21. Oktober 1969: „10 Uhr: Wahl des BK (des Bundeskanzlers), anschließend Annahme der Wahl durch WB“ (Willy Brandt). „20 Uhr: Venusberg, Empfang aller Gratulanten.“ Ein epochales Ereignis, auf wenige Daten zusammengeschnurrt. Damals appellierten die Genossen an das Wir-Gefühl: „Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land, SPD, sozial.“ Aufkleber suggerierten: „100 Barzel ersetzen keinen Brandt.“ „Für Willy“ war ein beliebter Schlachtruf, man könnte bereits hier erörtern, warum sich selbst im verflixten siebten Jahr mit Schröder kein Spitzname für ihn einbürgerte, außer dem ziemlich prekären „Genosse der Bosse“. Dann schon das Ende der Ära Brandt, das ihn zur tragischen Größe machte, im Kalender kurz und schmerzhaft: „6. Mai 1974, Ministergespräch zum Fall Guillaume. 18 Uhr: Buback (Generalbundesanwalt) und Jahn (Justizminister), 21 Uhr: Grabert mit Rücktrittserklärung BK (Bundeskanzler) zu BuPrä ( Bundespräsident).“

Vom rot-grünen Beben ist im Archivtrakt wenig zu spüren. Man steht vor den Aktenbergen und könnte sich allenfalls die Frage stellen, was der faltenreiche Alte wohl zu Schröders Selbstabwicklung sagen würde. Ansonsten herrscht die wohltuende Stille einer Institution, die das Projekt Sozialdemokratie in Raum und Zeit verdichtet und das Vergangene für eine ungewisse Zukunft präpariert. Ja, dank ihrer Altvorderen erscheint die Tante SPD dort fast als ewiger Talentschuppen. Im Gegensatz zu heute fehlte es ihr nie an klingenden Namen: Pastor Heinrich Albertz, Holger Börner, Gerhard Jahn, Annemarie Renger oder ein Carlo Schmid, der Malraux übersetzte und für den kulturellen Überbau sorgte. Er ist mit 107 Metern Akten vertreten. Von Gustav Heinemann ist die Totenmaske zu sehen. Historiker Schneider gesteht flüsternd, vielen Besuchern sei Heinemann kein Begriff mehr. Der war immerhin Bundespräsident.

Vielleicht liegt es an der akuten Schröder-Misere, dass man sich im Archiv weniger durch ein Museum der Träume, als in einem Mausoleum politischer Hoffnungen bewegt. Kaum dass die Wähler am 17.März in Schleswig-Holstein die Ära von Heide Simonis beendet hatten, rollten aus Kiel drei VW-Busse mit ihren Unterlagen an. Die schon fast vergessene Frau Simonis ist mit 100 Regalmetern immerhin in Bonn weiter stark präsent.

Unter den Mitarbeitern gilt die Regel: „Bei 20 Metern hat man was in der Hand.“ Auf diese Länge (nicht zu verwechseln mit Größe) bringen es momentan amtierende Ministerinnen wie Renate und Ulla Schmidt. Peter Struck ist erst mit 16 Metern dabei. Heidemarie Wieczorek-Zeul beansprucht derer 30, so dass sich wenigstens unterirdisch ihre Bedeutung ausdrückt. Olaf Scholz, Schröders sehr kurzzeitiger Generalsekretär, hat es auf zehn Aktenmeter gebracht. Nicht der Rede wert in den SPD-Annalen.

Professor Schneider öffnet nun den „Käfig“ 035, Teilbereich Helmut Schmidt. Der Schlüssel dazu ist im Regal der SPD-Bezirke Braunschweig und Hannover versteckt, letzterer bekanntlich die Heimat des Abgeordneten Gerhard Schröder. Drinnen klebt am Stützpfeiler ein Schwarz-Weiß-Foto vom damaligen SPD-Star (Werbung: „Der bessere Mann muss Kanzler bleiben“), mit dem drahtigen Juso an der Seite. Die Aufnahme muss aus dem Wahlkampf 1980 stammen, Schröder bewarb sich erstmals für den Bundestag. Da konnte ein gestelltes Bild mit dem toughen Schmidt nicht schaden. Für die Aufnahme band der ziemlich linke Gerd sogar einen Schlips um. Interessant, wie sehr sich die beiden im Haifischlächeln gleichen. Professor Schneider wedelt jetzt mit seinem „Lieblingsstück“ aus 310 Metern Schmidt, der Erklärung zur KSZE-Konferenz von Helsinki anno 1975: mit grünem Chefstift hat er hanseatisch-kühl alle ihm von Mitarbeitern aufgeschriebenen Superlative gestrichen.

Beim Herumstreifen entsteht überhaupt der Eindruck, als würden in den Magazinen die Parteisoldaten dominieren, gestandene Genossen, Lastenträger wie Bahr, Koschnick, Wischnewski. Jedenfalls nicht die sprunghaften „Trampoline“, zu denen Schröder & Co einst von Hans-Jochen Vogel erklärt worden waren. Von dem Pflichtbesessenen sind akkurat „399,80 Aktenmeter“ erfasst, bis auf zwei Stellen hinter dem Komma genau, wie es der von ihm vorgelebten Präzision entspricht. Vogel zählt zur Kategorie der „Verfahrenshasen und Geschäftsordnungshengste“, die der Dichter Wolfgang Koeppen im Bonner „Treibhaus“ ihres Amtes walten sah. Allem voran gehört auch Herbert Wehner zu dieser Spezies, seine Erbschaft beträgt 250 Meter. In „Onkel Herberts“ Trakt ist das Kuriosum von 30 prall gefüllten Aktentaschen zu besichtigen. Die geheimnisumwitterten Mappen sind ein Mythos, unleserliche Notizen in Gabelsberger Kurzschrift lugen heraus, Verschlusssachen für die Öffentlichkeit, die bisher nur erfuhr, dass ihm seine Greta stets Apfelschnitze mitgab und nebst dem Grundgesetz die sicher auch für Schröder lehrreiche Broschüre „Was will die SPD?“ zum eisernen Gepäck gehörte. Erst 2015 dürfen die Devotionalien geöffnet werden, zu spät für Schröder, sofern der „Zuchtmeister“ ein Patentrezept für allfällige Partei-Krisen mit sich herumgeschleppt hätte.

Ist die SPD wirklich für immer im Keller, wollen wir von Professor Schneider wissen? Von solcher Symbolik hält der Wissenschaftler nicht viel. Berliner Tohuwabohu hin oder her, die 140 Jahre währende Historie seiner SPD ist für ihn „eine Erfolgsgeschichte“. 40 Kilometer dicht gedrängte Akten bilden ein Universum von Entwürfen, Skizzen, Beschlossenem und Verworfenem, in dem stets Klarheit herrschte über oben und unten. Die Bitterkeit des Machtverlustes steht im Raum, insoweit gleicht das Herumstreifen einer sentimentalen Reise ins bessere Gestern, bei dem die SPD in langer Tradition für soziale Gerechtigkeit bürgte. Unserem begeisterten Führer durch die Unterwelt zeigt sich die Partei als „maßgebliche Kraft beim Ausbau Deutschlands zu einem demokratischen Staat“, mit langem Atem zumal. Auf der Achterbahn der Gefühle empfehle er deshalb, ihre ganze Epoche zu betrachten. Wobei Schneider den wesentlichen Unterschied zu sonstigen Tiefs nicht verschweigt: Sonst sei es ums Tempo beim Ausbau sozialer Leistungen, also vorwärts gegangen. Nun gehe es zurück, insoweit werde der „Kernbereich“ angegriffen. Die Schlagworte der SPD-Misere werden von ihm als bekannt vorausgesetzt. Überdies träten erstmals „Spaltungstendenzen durch linke Wahlalternativen“ auf. Kurz: Es gibt wohl bald Nachschub für sein Archiv.

Denn ist die Regierung Schröder wirklich am Ende, darf er auf stattlichen Aktenzuwachs hoffen. Seine Institution funktioniert antizyklisch, der Bestand wächst umso rasanter, je mehr Ämter die SPD verliert. So steht der Berliner Hauptakteur bisher „noch nicht in unserer Liste“. Sofern es ihm um einen Platz in der Geschichte gehen sollte, in der Ebert-Stiftung ist er Schröder gewiss: Was von ihm bleibt – im schlimmsten Fall das Hartz IV-Formular „Antrag auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes nach dem zweiten Buch Sozialgesetzbuch(SGB II)“ – wird in einem der „Käfige“ Platz finden, erstklassige Lage im Bereich „Personenbestände“ in der Nähe Brandts ist garantiert: „Da gehört er hin.“

Schröder wäre dann der letzte der einst stolzen Riege von Brandt-Enkeln, die nach mehr oder weniger spektakulärem Höhenflug im Tiefgeschoss landen: Verwandelt in dauerhafte Papierexistenzen, aber nur noch Stoff für Historiker. Bei Sperrfristen für Dokumente von 20 Jahren wird man hier allerdings auch schnell vergessen. Erinnert ihr euch noch an Björn Engholm, Genossen?

Er kam, um CDU-Kohl das Fürchten zu lehren. Beim Bremer Parteitag 1991 unterbrach den Redner 113 Mal Beifall. Der blendend aussehende Parteivorsitzende heimste 97,4 Prozent der Delegiertenstimmen ein und hatte sensationelle Umfragewerte. Längst ist er dem öffentlichen Bewusstsein entfallen, im Archiv mit 37 Metern Materialien immerhin präsent. Darin vergraben vielleicht Engholms schönster Spruch: „Schröder sägte von hinten an meinem linken und Heidi Wieczoreck-Zeul am rechten Stuhlbein.“ Ein Hoffnungsträger a.D., der als Fußnote durch die Parteischriften geistert.

Aber was ist das denn? Beim Rundgang stoßen wir auf 40 Umzugskisten von Rudolf Scharping mit dem Aufdruck: „Restlieferung Verteidigungsministerium Hardthöhe“. Darin das Depositum eines glücklosen Kanzlerkandidaten mit Vollbart, eines glücklosen (von Lafontaine abgemeierten) SPD-Chefs, eines glücklosen Verteidigungsministers und zuvor sehr erfolgreichen Ministerpräsidenten in Mainz. Kein Mensch weiß heute mehr, dass der in Ungnade Gefallene, bevor er mit seiner Gräfin baden ging, vom „Spiegel“ schon mal als „politischer Aufsteiger des Jahres“ porträtiert worden war.

Auch der ultimative Aussteiger Oskar Lafontaine hat seinen festen Platz im Haus der Erinnerung, allerdings nur mit zehn laufenden Metern. Als Kanzlerkandidat des Jahres 1990 bürgte er für „Den neuen Weg“, den er jetzt in eine radikal andere Richtung geht: Der erste SPD-Vorsitzende, der sich aus dem Staub macht. Von dem Nestflüchter erwartet sich das Archiv allenfalls noch das Mitgliedsbuch. Grad dort unten, wo der Geist seines Förderers Willy Brandt zu schweben scheint, wirkt der Frontwechsel dramatisch, mag der SPD-Chef Müntefering den Verlust auch klein reden. Er selbst hat noch gar keinen eigenen Platz. Mit der Aura des Verlierers dürfte Müntefering, so wie es aussieht, wenig Regalfläche beanspruchen.

Während Schneider durch den roten Bau führt, ist in rheinischem Zungenschlag davon die Rede, dass eine Partei nun mal Aufstieg und Fall erlebe, „insoweit sind Niederlagen nun wirklich nichts Neues“. Er ordnet die dramatischen Verwerfungen mit der Gelassenheit des Forschers ein, dem Hochs und Tiefs gleichermaßen Lehrstoff sind. Er hat eine „Kleine Geschichte der Gewerkschaften“ verfasst, und kennt die Mühen der Ebene. Die Arbeitnehmervertreter teilen das Schicksal der Schröder-SPD, die sich auf seltsame Weise selbst aus der Zeit hat fallen lassen, indem sie sich mit der Rolle der Mangelverwalterin begnügte und Ideen durch Bürokratie ersetzte. Womöglich hat der „Kanzler der Mitte“ übersehen, dass in Gefahr und Not der Mittelweg zum Tod führt.

Seltsam, indem Professor Schneider die Vorgänge in die Historie einordnet, relativiert sich die Berliner „Zersetzungsdynamik“. Im Archiv schlägt das alte Herz der Sozialdemokratie, man muss nur den Teilbereich „EE“ ansehen, „EE“ wie Erhard Eppler. Der Nachlass des Vordenkers umfasst insbesondere dicke Papiere für die Programm- und Grundwertekommission, für Schneider ist „EE“ das „Scharnier“ zwischen SPD und Grünen gewesen. Nicht zufällig zieht Schneider dann aus einem Fach August Bebels Lederkoffer, „sein Agitationskoffer“, ein eindeutiges Zeichen, das sagen soll: Wir tragen die Geschichte weiter, Regierungen wechseln, die Sozis bleiben. In einem anderen Magazin zeigt Schneider die erste SPD-Fahne. 163 mal 189 Zentimeter groß und rot ist es das eindrucksvolle Symbol einer Partei, die eindeutig Flagge zeigte: Die Losung „Einigkeit macht stark“ ist aufgenäht, ein starker Kontrast zu Schröders Kapitulation vor Problemen und seiner Lust am eigenen Untergang. Über ihrem Bonner Stammsitz, der „Baracke“, lässt die SPD inzwischen übrigens die Telekom-Fahne wehen, freundliche Übernahme durch einen Großkonzern, der das historische Gebäude gemietet hat.

Am Ende der Dienstfahrt Bonn-Berlin ist die SPD in Umfragen um zwei weitere Punkte auf 26 Prozent gesunken.

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