Die Geschichte : Pablo Escobar: Killer, Staatsfeind, Volksheld

Pablo Escobar herrschte über Kolumbien: Er machte den Drogenhandel zum Big Business und wurde zum siebtreichsten Mann der Welt. Vom Leben und Sterben eines Rücksichtslosen.

Philipp Lichterbeck
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Reserve. 11.000 Waffen konfiszierte die Polizei aus dem Besitz von Pablo Escobar, darunter diese in einem Buch versteckte Pistole....Foto: James Mollison Copyright held

Wie hingeworfen liegt der Mann auf den Dachziegeln, den Körper verdreht, das T-Shirt hochgerutscht, sein Bauch quillt hervor. Aus einem Mundwinkel fließt Blut, verkrustet den Bart. Nur der Ausdruck auf dem Gesicht will nicht passen zu den Spuren der Gewalt: Mit geschlossenen Augen liegt Pablo Escobar da, er sieht friedlich aus, fast erlöst.

Während sich unten eine Menschenmenge versammelt, klettern Polizisten aufs Dach. Sie wollen sich mit Escobar fotografieren lassen, knien über ihm, so als hätten sie gerade ein wildes Tier erlegt. Mit einer Hand scheint Escobar noch nach einer Pistole gegriffen zu haben. Vielleicht aber hat einer der Beamten das Halfter mit der Glock neben ihn geschoben, um zu sagen: Seht her, wie gefährlich er war, bis zum Schluss.

Pablo Escobars Mutter trifft ein. Sie lacht zunächst über den erneuten Dilettantismus der Polizei. Der Leibwächter ihres Sohnes, Limón, liegt tot auf dem Rasen, und sie glaubt, die Polizei halte Limón für Pablo. Doch dann wird der schlaffe Körper ihres toten Sohnes vom Dach gehievt. Drei Kugeln haben ihn getroffen: eine in den Rücken, eine ins Bein und die dritte, die tödliche, erwischte Pablo Escobar im rechten Ohr und flog zum linken wieder hinaus.

Lange hatte die Welt auf diesen Schuss gewartet. Der mächtigste Drogenhändler aller Zeiten wurde am 2. Dezember 1993 gegen 15 Uhr in der Carrera 79a im Medellíner Mittelklasseviertel Los Olivos getötet. Er starb einen Tag nach seinem 44. Geburtstag, den er mit einem Joint, seiner Großkusine Luzmila und seinem letzten Leibwächter gefeiert hatte. Dass bei der kleinen Zeremonie eine Fliege um Escobar herumgeschwirrt war, hatte Luzmila als schlechtes Omen gewertet: Es war „eine von denen, die sich auf Leichen setzen“.

So erzählte sie es dem britischen Fotografen James Mollison, der in Kolumbien nach unbekannten Aufnahmen aus dem Leben des Drogenbarons geforscht hat. Nun ist sein „Escobar - der Drogenbaron" (Heyne Verlag, München) betiteltes Buch auf Deutsch erschienen: Bilder aus Polizeiakten und von Escobars Leibfotografen, Schnappschüsse von Familienfeiern, seiner Killerbande und seinem Zoo. Niemand würde beim Betrachten darauf kommen, dass dieser übergewichtige, nachlässig gekleidete Mann mit dem schläfrigen Blick einmal der Vorgänger Osama bin Ladens war: der meistgesuchte Mann der Welt. Eine Dekade lang narrte er kolumbianische und US-Spezialeinheiten – und verkaufte gleichzeitig Tonnen von Kokain in die USA.

Märchenhaft war Escobars Reichtum. 1989 belegte er den siebten Platz in der „Forbes“-Liste der wohlhabendsten Menschen. Gleichzeitig stilisierte er sich zum Wohltäter und wurde von den Armen seiner Heimatstadt Medellín verehrt. Derselbe Mann, der teilnahmslos Tausende ermorden ließ, baute 400 Häuser für die Bewohner einer Müllhalde. Im „Barrio Pablo Escobar“ prangen seine Porträts immer noch neben denen der Heiligen Jungfrau und dem Jesuskind.

Im Westen gehört Escobar heute zu den mythischen Figuren Lateinamerikas, steht in einer Reihe mit Che Guevara und Evita Peron. Dabei wird schnell vergessen, dass Escobar der erste Drogenterrorist war, der einen ganzen Staat an den Rand des Zusammenbruchs brachte. Er flutete Kolumbien mit schmutzigem Geld, allein zwischen 1976 und 1980 verdoppelten sich die Bankguthaben in den vier größten Städten des Landes. Größte Ironie der Geschichte: Kolumbiens aktueller Präsident Álvaro Uribe hatte in den 80ern gute Kontakte zu Escobar und ist heute Washingtons engster Verbündeter im „Krieg gegen die Drogen“.

Falsch wäre es allerdings, Escobars Aufstieg ausschließlich seiner kriminellen Energie zuzuschreiben. „Escobar war das Produkt einer Zeit und einer Gesellschaft“, schreibt Mark Bowden, Autor des Buches „Killing Pablo“.

Pablo Emilio Escobar Gaviria wird am 1. Dezember 1949 als drittes von sieben Kindern in einem Dorf in der Provinz Antioquia geboren. Der Vater ist Landbesitzer, die Mutter Grundschullehrerin. Die Verhältnisse in Kolumbien sind chaotisch. Wenige Familien kontrollieren den Staat und seine Ressourcen, als der Präsidentschaftskandidat Jorge Gaitán („Ich bin das Volk!“) antritt, die Ungerechtigkeit in Kolumbien zu bekämpfen – und ermordet wird. Der Tod Gaitáns stürzt Kolumbien ins Chaos, rund 200.000 Menschen verlieren in den folgenden Jahren gewaltsam ihr Leben. Die Kolumbianer bezeichnen die Periode heute als „La Violencia“ – die Gewalt. Ein staatliches Machtmonopol existiert nicht, Sicherheit können nur die Familien und ihre Verbündeten gewähren – dies ist die früheste Erfahrung, die Pablo Escobar macht. Und er ist fasziniert von den Geschichten der Banditen, die vom Volk für ihr vermeintliches Rebellentum bewundert werden.Schon als Teenager verlässt Pablo die Schule und teilt seiner Mutter mit: „Ich will groß rauskommen.“ Seine Karriere beginnt er mit dem Verkauf gefälschter Lotterielose, geschmuggelter Zigaretten und mit Raubüberfällen. Noch vor seinem 20. Geburtstag ist Escobar Chef einer Diebesbande, die Autos stiehlt und den Bürgern Medellíns Versicherungen gegen Autodiebstahl andreht. Wenn ihm jemand Geld schuldet, wird der Schuldner entführt und falls der ausstehende Betrag nicht eintrifft umgebracht. Kidnapping, so stellt Escobar fest, ist eine lukrative Einnahmequelle, und im Sommer 1971 entführt er den Textilmagnaten Diego Echavarria, der bei den Arbeitern Medellíns als Ausbeuter gilt. Sechs Wochen später wird Echavarria trotz Zahlung von 50 000 Dollar stranguliert aufgefunden.

Vermutlich bliebe Escobar ein Krimineller mittleren Kalibers, wenn nicht das Kokain Mitte der 70er zur Modedroge in den USA würde. Es wird nach dem Öl das zweitwichtigste Exportprodukt Kolumbiens. 1980 setzen die Kartelle allein in Südflorida zehn Milliarden Dollar mit dem Pulver um. Es ist charakteristisch für Escobar, wie er das Geschäft an sich reißt. 1975 tötet er Fabio Restrepo, den wichtigsten Drogenboss Medellíns. Dessen Leute werden informiert, dass sie von nun an für Escobar arbeiten. Die Erfahrung, dass ihm etwas verweigert wird, kennt Escobar nicht. Als er 1976 die 15-jährige Victoria Henao heiraten will, spielt sie noch mit Puppen. Doch Escobar erkauft sich den Segen für die Hochzeit vom Medellíner Bischof. Nebenher hat er unzählige Geliebte. Wird eine von ihnen schwanger, schickt Escobar einen Abtreibungsarzt oder einen Killer.

Sein Geld zählt Escobar in Milliarden. Das größte Problem seiner Piloten besteht manchmal darin, genug Platz für die Dollars in ihren Propellermaschinen zu finden. Escobar parkt sein Geld in der Schweiz, investiert in Immobilien, kauft Hubschrauber und unterstützt die Medellíner Fußballmannschaft Atlético Nacional, die 1989 als erstes kolumbianisches Team die Copa Libertadores gewinnt, Südamerikas Pendant zur europäischen Champions League. Erst kürzlich hat Escobars Sohn Juan Pablo enthüllt, dass sein Vater auf der Flucht einmal zwei Millionen Dollar verbrannte, um die Familie mit dem Feuer warm zu halten.

1979 baut Escobar die „Hacienda Los Nápoles“ östlich von Medellín. Bei den Partys auf dem 300 Hektar großen Anwesen lässt er Schönheitsköniginnen nackt um die Wette rennen – die Siegerinnen bekommen einen Sportwagen. Einen Angestellten, der beim Stehlen von Besteck erwischt wird, stößt er gefesselt in den Pool. In seinem Privatzoo hält Escobar 200 exotische Tierarten, darunter Elefanten, Löwen, Nashörner. Heute ist Nápoles verwahrlost, die Häuser sind von Schatzsuchern zerschlagen worden. Nur 16 Nilpferde leben noch in einem der Seen.

Anfang der 80er Jahre ist Escobar auf dem Höhepunkt seiner Macht angelangt. Und „er glaubte fest daran, dass Kokain bald legalisiert werden würde“, erzählt der Fotograf James Mollison, der für sein Buch Escobars letzten lebenden Killer, „Popeye“, im Gefängnis getroffen hat. „Er hätte dann das Monopol gehabt.“ Doch dann tritt 1981 ein Auslieferungsabkommen zwischen Kolumbien und den USA in Kraft, die den „War on Drugs“ ausgerufen haben. Nichts fürchtet Escobar mehr als die amerikanische Justiz. „Lieber ein Grab in Kolumbien als ein Gefängnis in den USA“, meint er. Um Immunität zu erlangen, lässt er sich ins Parlament wählen, wird bei seiner ersten Sitzung jedoch wieder hinauskomplimentiert.

Verbittert startet Escobar einen jahrelangen Krieg gegen das „unpatriotische“ Auslieferungsabkommen. Und betreibt weiter seine Geschäfte: Zeitweilig kontrolliert er 80 Prozent des weltweiten Kokainhandels. Mit astronomischen Summen ausgestattet, lässt er 1989 den Terror gegen den Staat eskalieren: Im August erschießen seine Killer den linksliberalen Präsidentschaftskandidaten Luis Carlos Galán. Im November explodiert Avianca-Flug 203, auf dem Escobar den Nachfolger Galáns vermutet. Und im Dezember wird auf seinen Befehl das Hauptquartier des Geheimdienstes DAS in die Luft gesprengt. Es erscheint da nur wie ein Detail, dass Escobar im gleichen Jahr auch den neuen Polizeichef Medellíns erschießen lässt. Während eines Verhörs hatte er Pablos Frau untersagt, der kleinen Tochter das Fläschchen zu geben.

1991 hat Escobar den Staat in die Knie gezwungen, und ein geschmierter Kongress kassiert das Auslieferungsgesetz. Drei Stunden nach der Entscheidung stellt sich Escobar der Justiz, um sich aus der Schusslinie zu nehmen. Zuvor aber setzt er durch, dass er in dem Anwesen La Catedral in der Nähe Medellíns untergebracht wird. Kaum in diesem, eigens für ihn geschaffenen Gefängnis festgesetzt, besticht Escobar die Wärter, die fortan beide Augen zudrücken, wenn Lieferwagen mit Champagner und Prostituierten eintreffen. Einmal kommt sogar die Mannschaft von Atlético Nacional zu einem Spiel vorbei, das Escobar und seine Leibwächter im Elfmeterschießen gewinnen. Im Tor von Atlético steht Kolumbiens Nationaltorwart René Higuita, der für die Lockenfrisur und seine spektakulären Paraden berühmt ist.

Escobars Einnahmen sprudeln unterdessen weiter. Als er von zwei Kollegen hintergangen wird und Escobar sie in La Catedral ermordet, beschließt die Regierung, ihn verlegen zu lassen. Doch Escobar entwischt. Von nun an ist er ein Gejagter. Spezialeinheiten und die mysteriöse Killerbande Los Pepes sind hinter ihm her. Die Pepes werden von den Castaño-Brüdern geführt. Jahre zuvor hatten sie und ihre paramilitärische Truppe mit Escobar gegen linke Guerillas gekämpft, nun erscheint die Verbindung nicht mehr opportun. Mit heimlicher Unterstützung einer kolumbianischen Eliteeinheit ermorden die Pepes systematisch alle Bekannten Escobars und zerstören seine Häuser. Seine Rückzugsmöglichkeiten schwinden.

US-Überwachungsteams weisen dann die richtige Spur, und am 2. Dezember 1993 schnappt die Falle zu. Escobar hatte zu lange mit seinem Sohn telefoniert. Das Haus wird geortet, gestürmt, Escobar erschossen. Auf seiner Beerdigung kommt es zu Tumulten, als die Menge versucht, den Leichnam zu berühren.

Was bleibt? Escobars Gegner übernahmen das Geschäft, und der Kokainhandel befeuert bis heute den Krieg linker Guerillas und rechter Paramilitärs gegen den Staat und untereinander. Kurz nach Escobars Tod schrieb das Magazin „Semana“: „Früher kannte die Welt Kolumbien als Land des Kaffees.“ Er aber machte es zum Inbegriff des „Narcostaats“ und etablierte den Drogenhandel als einen der lukrativsten Wirtschaftszweige der Welt.

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