Die Linke in den Ländern : Miss 380 Kilovolt

Petra Enders hat sich mit dem Kampf gegen eine Starkstromtrasse einen Namen gemacht. Nun wird sie Landrätin in Thüringen - als eine von drei Politikerinnen der Linkspartei

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Petra Enders ist nicht zu übersehen. Heute trägt sie ein schwarzes Kostüm, um den Hals ein rotes Tuch mit Goldfäden und große Ohrringe. In ihrer dunkelblonden Haarpracht steckt eine Sonnenbrille. Und wie an den anderen Tagen, an denen die Linkspolitikerin durch den Thüringer Landtag eilt, kommt sie auf Schuhen mit sehr hohen Absätzen daher.
In ihrer Partei hat man ihr den Namen „Miss 380 Kilovolt“ verpasst. Er ist eine Anspielung auf ihren Widerstand gegen eine Starkstromtrasse durch den Thüringer Wald. Seit Jahren kämpft die ehrenamtliche Bürgermeisterin des Städtchens Großbreitenbach im Ilmkreis gegen die Trasse, die Windstrom von Norddeutschland nach Süden leiten soll.
Was angeblich der Energiewende dient, hat zunächst einmal die politische Karriere von Enders unter Strom gesetzt. Denn bei der jüngsten Wahl der Bürgermeister und Landräte eroberte sie den Ilmkreis. Es war gleich eine dreifache Premiere für die Thüringer Linke: Auch in den Landkreisen Nordhausen und Altenburger Land stellt die Linke künftig mit Birgit Keller und Michaele Sojka die Landräte, dazu die Oberbürgermeisterin in Eisenach, Katja Wolf. Amtsbeginn ist im Juli.
Für die einstige PDS, die inzwischen zur Linken wurde, ist der Erfolg eine Art nachholende Normalisierung. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist die Partei zweitstärkste Fraktion im Thüringer Landtag, 2009 landete sie mit 27,4 Prozent knapp hinter der CDU. Doch Wahlen für Landräte oder Oberbürgermeister gewann sie noch nie.
Weil sich das nun ändert, kam selbst CDU-Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht nicht umhin, die Linke zur Wahlsiegerin zu erklären. Während die Partei bundesweit schwächelt, zahlt sich in Thüringen ihre Basisarbeit aus. „Linke haben sich in der Vergangenheit vielerorts bereits als Bürgermeister bewährt. Das haben die Wähler jetzt honoriert“, sagt Enders. Sie weiß, dass persönliche Glaubwürdigkeit dazu gehört. Ihr gehe es vor allem um Sacharbeit, sagt sie. „Da streite ich dann auch bis zum letzten, wie bei der 380-kV-Leitung. Parteipolitik dagegen steht bei mir ganz hinten an.“
Früher war sie in der SED, aber Mitglied von PDS und Linke wurde sie nicht, obwohl sie für die Partei seit 2004 im Landtag sitzt. Politikjargon regt sie auf, etwa wenn statt von „Fehlern“ davon geredet wird, „einige Stellschrauben nachzujustieren“. Das hätten die Leute satt, sagt sie. Deshalb mag sie auch ein CDU-Urgestein wie den poltrigen Innenpolitiker Wolfgang Fiedler, weil der sich von niemandem den Mund verbieten lasse.
Die 46-Jährige machte zu DDR-Zeiten eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Schreibtechnik und schloss anschließend ein Studium als Ingenieurökonomin ab. Nach der Wende baute sie einen gemeinnützigen Verein namens „Frauengruppe Großbreitenbach“ auf, um etwas gegen die grassierende Arbeitslosigkeit nach dem Aus des örtlichen Arbeitgebers zu tun. Bis heute werden 70 Mitarbeiterinnen im Sozialwesen beschäftigt. Weil sich die Frauen vom Stadtrat nicht ernstgenommen fühlten, gründeten sie kurzerhand eine Wählergemeinschaft. Die hat inzwischen die absolute Mehrheit, schon seit 1999 ist Petra Enders Bürgermeisterin. „Ich habe keine Angst vor neuen Dingen. Ich brauche Herausforderungen im Leben“, sagt sie.

Petra Enders, neue Landrätin in Thüringen
Petra Enders, neue Landrätin in ThüringenFoto: Michael Reichel/pa-dpa

Machen Frauen anders Politik? „Frauen denken in Zusammenhängen“, antwortet sie. Sie gingen nicht nur rational, sondern auch emotional an Probleme heran. Keineswegs vertraut Enders allein auf hohe Absätze, auch die Bezeichnung „Miss 380 Kilovolt“ mag sie gar nicht. „Jeanne d'Arc gefällt mir besser“, sagt sie. Eine Jeanne d'Arc vom Thüringer Wald, die in der Stichwahl im Ilmkreis mit 58 Prozent gegen Benno Kaufhold gewann, der immerhin CDU-Vize in Thüringen ist. Als neue Landrätin will Enders wegen der Starkstromtrasse nun sogar mit der Bundesregierung den Kampf aufnehmen.

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