Politik : Die Mifrifi

Gerd Appenzeller

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Die Politik benutzt teilweise noch immer die gleichen Begriffe wie früher, hat sie aber ihres Charmes beraubt. Die Mittelfristige Finanzplanung zum Beispiel. Das ist eine Vokabel, die aktuell den Versuch beschreibt, bis 2006 einen Bundeshaushalt ohne Neuverschuldung zu erreichen. Aber Hans Eichel ist nicht etwa der Erfinder einer über das einzelne Jahr hinausreichenden Etatplanung. Die hat während der Großen Koalition von 1966 bis 1969 das Licht der Welt erblickt, und sie hatte zwei Väter: den christsozialen Finanzminister Franz Josef Strauß und den sozialdemokratischen Wirtschaftsminister Karl Schiller. Schiller war Volkswirt und Professor dazu, Strauß ein Altphilologe, der die Zeichen der Zeit erkannte. Deshalb studierte er am Ende einer politischen Zwangspause (als Verteidigungsminister hatte er 1962 in der Spiegel-Affäre zurücktreten müssen) in Innsbruck, wo ihn keiner kannte, mit leichter Hand Nationalökonomie, freilich ohne Abschluss. Das Minister-Gespann aus Professor und Student wurde ob seiner Tüchtigkeit respektvoll „Plisch und Plumm“ genannt, wobei Karl Schiller schon dafür sorgte, dass nie in Vergessenheit geriet, wer von beiden der Professor war – wir erkennen hier eine frühe Variante des Koch-und-Kellner-Prinzips.

Die beiden zusammen gelten als die Erfinder der schon erwähnten Mittelfristigen Finanzplanung. Nur benutzte damals keiner diesen Begriff. Alle sprachen von der „Mifrifi“, diesem komischen Vieh. Man könnte das wieder einführen. Ach, und noch eines: Finanzminister Strauß wagte es, trotz leerer Staatskassen die Steuern zu senken und durch diese anti-zyklische Politik das Land aus einer (zugegeben kleinen) Rezession herauszuführen.

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