Politik : „Die Muslime sind längst Teil unserer Gesellschaft“

Islamwissenschaftler Udo Steinbach setzt große Hoffnungen in die Konferenz

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Herr Professor Steinbach, was erwarten Sie von dieser ersten Islamkonferenz?

Ich habe daran sehr große Erwartungen. Natürlich kann so ein Gipfel kein endgültiges Ergebnis haben. Er wird aber hoffentlich der Einstieg in einen gesellschaftspolitisch sehr wichtigen Prozess sein, der die noch immer schwierige Stellung der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland klären wird.

Was gibt es aus Ihrer Sicht zu klären?

Im wesentlichen drei Punkte: Die Integration vor allem muslimischer Jugendlicher, die rechtlich-institutionelle Stellung der muslimischen Gemeinschaft und die Gewaltfrage. Was da außerhalb Europas in der islamischen Welt geschieht, fällt eben oft auch auf die Muslime hierzulande zurück.

Zu Recht oder zu Unrecht?

Was Deutschland betrifft, sicher zu Unrecht. Allein wenn Sie sich die Stellungnahmen der Muslime im Karikaturenstreit oder zu den Kofferbombenattentaten ansehen, wird deutlich, dass es in der deutschen muslimischen Gemeinschaft eine erhebliche Entwicklung gegeben hat. Auch die Papstrede haben die deutschen und österreichischen Muslime sehr zurückhaltend kommentiert, obwohl sie durchaus klar gemacht haben, dass sie nicht unbedingt glücklich damit waren. Sie haben aber verstanden, dass es dem Papst um eine Frage ging, die in der Tat zu klären ist: das Verhältnis der Religion zu Vernunft und Gewalt.

In einem großen deutschen Blatt ist derzeit, als Zitat, die Überschrift zu lesen: „Dem Islam ist die Gewalt in die Wiege gelegt worden“ – dann gäbe es nicht viel zu klären. Stimmt der Befund?

Dass Verkündigung und Praxis des Islams auch Gewalt einschloss, das kann nun wirklich keinem historischen Zweifel unterliegen. Wir können aber eine Religion nur an der Gesamtheit der Verkündigung ihres Gründers messen. Und da zeigt sich, dass Gewalt nur ein schmales Stück der Überlieferung ausmacht, dass es aber gleichzeitig vom Propheten Mohammed großartige Aufrufe zum Frieden und zur Achtung der Menschen voreinander gibt.

Der Islam und das Grundgesetz sind also vereinbar?

Unbedingt. Jedenfalls können wir die Frage nicht unter Verweis auf die Gewalt beantworten, die in den vergangenen Jahren von Leuten begangen wurde, die sich auf den Islam beriefen.

S ie sprachen von einer Klärung der rechtlich-institutionellen Lage der muslimischen Gemeinschaft durch die Islamkonferenz. Was sollte da geschehen?

Die Muslime müssen jetzt eine Organisationsform finden, die es ihnen möglich macht, ihre kulturellen Angelegenheiten ähnlich wahrzunehmen wie dies die Kirchen und die Jüdische Gemeinde tun. Als Religionsgemeinschaft hätten sie zum Beispiel das Recht, in den Rundfunkräten vertreten zu sein.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Axel Ayyub Köhler, sprach kürzlich davon, dass Muslime sich hierzulande immer noch nicht zugehörig fühlten. Woran liegt das?

An bestimmten Verkrustungen und Vorurteilen der Mehrheitsgesellschaft, die sich hoffentlich in dem Dialog, der jetzt stattfinden wird, endlich lösen. Es ist ja interessant, wie weit verbreitet dieses Gefühl ist, eigentümlicherweise nicht nur unter Migranten, wie man an Köhler merkt, der aus einer deutschen Familie stammt.

Steht am Ende der Entwicklung, die Sie sich von der Islamkonferenz erhoffen, ein anderes Deutschland?

Das Land wird sich verändern. Die Muslime sind längst ein nicht mehr wegzudenkender Teil dieser Gesellschaft. Sie werden ihr eine spirituelle Komponente geben, die uns, der Mehrheitsgesellschaft, schon weitgehend abhanden gekommen ist.

Interview: Andrea Dernbach.

Udo Steinbach ist Direktor des Deutschen Orient-Institutes in Hamburg. 1969 gegründet, analysiert es Entwicklungen in Nordafrika, dem Nahen und Mittleren Osten sowie Zentralasien.

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