Politik : Die Nahtwanderung

Ende April stürzte in Bangladesch eine Fabrik für Billigtextilien ein. Welche Schuld tragen die Konsumenten?, wird seither diskutiert. Als sei das entscheidend.

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2013
2013Foto: AFP

Sie lassen sich jedes Mal den „Broken Needle Record“ zeigen. Jenen Ordner, in dem die zerbrochenen Nadeln dokumentiert und aufgeklebt sind. Daneben steht, wem die wann zerbrachen.

Ihr Anfangsinteresse an den Listen war: sicherstellen, dass keine Nadelbruchstücke vernäht werden und sich später daran jemand verletzt. Aber nun nützen die ihnen auch bei der Überprüfung von Arbeitszeiten. Sie vergleichen den „Broken Needle Record“ mit den Anwesenheitslisten. Und wenn eine Näherin an einem Tag Nadeln zerbrochen hat, an dem sie laut Dienstplan nicht gearbeitet hat, fragen sie nach. So kleinteilig gehen sie vor.

Und dann bricht in Dhaka ein Haus ein, mehr als tausend Menschen sterben – und sie stehen mit in der Kritik. Sie haben doch im Auftrag deutscher Modehäuser, die in Bangladesch produzieren lassen, die Sozialstandards in den dortigen Textilfabriken geprüft. Wieso passieren trotzdem solche Unglücke?

Eine der Prüferinnen ist Maren Böhm von der Otto-Gruppe. Sie sagt, dass sie Gehaltslisten, Unfalllisten, Arbeitsverträge und auch Gabäudezertifikate kontrollieren würden. Aber was, wenn die gefälscht sind? Das erkennen sie ja nicht. Was sie erkennen, ist, ob die Notausgänge frei sind, ob Feuerlöscher hängen, die Nähmaschinen zu dicht stehen und die Sanitäranlagen sauber sind.

Maren Böhm ist eine blonde Frau, die in Bangladesch auffällt. Die Arbeiter reagieren schüchtern, wenn sie das Wort an sie richtet. Die Manager reagieren selbstbewusster, was ebenfalls ein Problem werden kann. Die Prüfsituation ist nicht einfach. „Wir sind in fremden Ländern und Kulturen unterwegs“, sagt Maren Böhm, „das müssen wir auch respektieren.“

Es gibt einen Fernsehbericht, der zeigt, wie sie durch eine Fabrik geht und einiges zu kritisieren hat, was der Fabrikmanager unverhohlen lästig findet. „Wir verstehen das Problem“, sagt er. „Wir suchen unser optimales Limit.“ Er sagt: „Wir haben diesen Gang hier frei gemacht, die Feuertreppe, wir verbessern uns.“ Maren Böhm bleibt skeptisch. So könnten sie nicht weitermachen, sagt sie. Und dass es frustrierend sei, wenn sie das Gefühl habe, die Fabrikmanager warteten nur darauf, dass sie wieder weg ist, um dann weiterzumachen wie zuvor.

Der Film ist aus dem Jahr 2010. Drei Jahre später sagt sie während eines Arbeitsbesuchs in Hamburg, dass es „eine Bewusstseinssache“ sei, ob die Manager kooperieren oder nicht. Ziel sei jedenfalls der Aufbau von stabilen, langfristigen Beziehungen zu Lieferanten, und wenn einer sich um Verbesserungen bemühe, werde das gewürdigt. Die Prüfer können ohnehin nicht 24 Stunden in den Betrieben sein, sie müssen sich ein Stück weit verlassen, wie sie sich auch ein Stück einlassen müssen auf das Andere.

Es geht um Grenzen, die sie auszuloten haben. Zwischen Fordern und nicht zu fordernd auftreten, zwischen respektvoller Duldung und fahrlässigem Geschehenlassen. Es geht um die Frage: Welche Verantwortung haben die Abnehmer von Waren aus Billiglohnländern für die dort herrschenden Produktionsbedingungen?

Die Frage ist immer da, bei jedem Billigkauf in Deutschland oder anderswo. Meist wird sie leise gestellt und überhört. Aber das ging nach dem 24. April nicht mehr, als das Rana-Plaza-Gebäude einstürzte, und aus den Trümmern neben Toten und Verletzten auch Kleidungsstücke westeuropäischer Billigmarken gezogen wurden.

Untersuchungen ergaben zwar, dass das Gebäude mit mangelhaftem Zement errichtet wurde, was auch in Bangladesch eine Straftat ist, aber da war die Debatte schon losgegangen. Sie wird von einer simplen Frage geleitet. Kann man die billigen T-Shirts nicht einfach zehn Cent teurer machen?, ist eine davon. Doch Maren Böhm sagt: „Es ist nicht richtig, die Verantwortung ausschließlich den Unternehmen zu überlassen.“ Und vielleicht wäre es wirklich gut, mal ein paar andere Fragen zu stellen.

Das kleine Bangladesch ist in kurzer Zeit von einem unbedeutenden Jute- und Shrimpsexportland zum zweitgrößten Textilproduzenten der Welt geworden und trotzdem einer der größten Entwicklungshilfeempfänger geblieben. Mehr als drei Millionen Menschen beschäftigt der Sektor heute, vor allem Frauen, was deren traditionelle Rolle verändert und somit das ganze muslimische Land. Was sie verdienen, diktiert die Regierung, die selten Anlass sieht, den Mindestlohn anzuheben. Stattdessen unterhält sie einen Geheimdienst, der sich nur mit der Textilindustrie befasst. Gewerkschaften waren lange offiziell nicht erlaubt, wer sich organisierte, sah sich Repressalien ausgesetzt. Erst jetzt, im weltweiten Aufschrei, der auf Rana Plaza folgte, wurden die Gesetze geändert, die Arbeiter können sich nun möglicherweise auch selbst um bessere Arbeitsbedingungen kümmern.

Ab den 2000er Jahren hat Bangladesch China um ein Gewerbe beerbt, an dem dort kein Interesse mehr bestand. Zu billig, zu einfach. Doch anders als in China, wo der Nähindustrie eine lenkende Regierung vorstand, gilt die politische Elite von Bangladesch, wo sich seit Jahrzehnten zwei verfeindete Parteien beim Regieren abwechseln, als handlungsunfähig und die Arbeitgebervereinigung der Textilindustrie als Staat im Staat.

Die Menschen in Bangladesch leben überwiegend auf dem Land. Ernährung und Bildung sind ein Problem, Gewalt gegen Frauen ist Alltag, Waffen werden unkontrolliert gehandelt, und es ist eng: 160 Millionen Menschen auf einer Fläche, die zweimal so groß ist wie Bayern. In diesem Umfeld wuchs die neue Industrie heran. Aus neun Textilfabriken im Jahr 1978 wurden bis heute 5000 – mit einem entsprechend wachsenden Warenverkehr. Als Folge der behördlichen Konzeptlosigkeit wurde daraus ein ununterbrochenes Verkehrschaos auf der wichtigsten Straße des Landes, die die Hauptstadt Dhaka und die Küstenstadt Chittagong verbindet, und der dringend benötigte Tiefseehafen ist nicht mal im Ansatz geplant. „Verantwortungsvolle Staatsführung“ nennt ein „Länderstrategiepapier“ der Europäischen Gemeinschaft denn auch als größtes bengalisches Manko. Und Spötter sagen, es sei im Grunde ein Wunder, dass T-Shirts aus Bangladesch überhaupt in Deutschland ankommen.

Viele Fabrikmanager sind Selfmade- Unternehmer, die mit geliehenem Geld vier Wände hochziehen, Nähmaschinen kaufen, Frauen einstellen und fertig. Eine weiterreichende betriebswirtschaftliche Ausbildung wurde kaum einem von ihnen zuteil. Und so sind sie schnell überfordert, wenn sie plötzlich mit „Social Responsibility“-Listen konfrontiert werden, die vor Auftragserteilung bitte schön abzuarbeiten wären.

Es ist auch nicht mehr so, dass die westlichen Modefirmen in Bangladesch alleine wären. Längst lassen Länder wie Russland oder China dort produzieren – oder wie es bei der Deutsch-Bangladeschischen Handelskammer in Dhaka heißt: „Die ganze Welt kommt nach Bangladesch.“ Und was macht wohl ein Textilfabrikant, der zwischen zwei Einkäufern wählen kann: einem anspruchsvollen mit teuren Extrawünschen und einem, der sich nicht in die Betriebsführung einmischt?

Die Anforderungen der westeuropäischen Firmen orientieren sich alle mehr oder weniger an den Richtlinien der ILO, der „International Labour Organisation“, 1919 gegründet, um soziale Gerechtigkeit in die Arbeitswelt zu bringen, und seit 1946 eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Zu den Richtlinien gehören unter anderem das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit, von Diskriminierung und ungleicher Bezahlung, das Recht auf Gewerkschaftsbildung und auch auf Mindestlöhne.

Aus den Standards und den dazugehörigen Standardkontrollmechanismen ist längst eine eigene umsatzstarke Berater- und Auditierungsbranche geworden. Mal finanziert von Einzelfirmen, mal von Verbänden, mal von nicht staatlichen Organisationen, mal von Staats wegen, sie heißen „Business Social Compliance Initiative“, „SA8000“ oder „Code of Conduct“.

Zu dieser Beraterbranche gehört auch Sebastian Siegele, der aber die bisher übliche Arbeitsweise mit ihrem Vorschreiben und Kontrollieren für gescheitert hält. Der Endvierziger sitzt in seinem Büro im Berliner Stadtteil Kreuzberg und sagt: „Man kann da nicht in die Fabriken gehen mit Seiten voller Standards und die dann durchsetzen wollen.“

Und: „Wenn man das mit dem Durchsetzen ernst nimmt, müsste man eigentlich Blauhelmsoldaten schicken, die Zustände würden das rechtfertigen.“

Wie Maren Böhm war auch er ja da, mehrfach, und hat gesehen wie es zugeht in den Fabriken, die in den staubigen, lauten, dreckigen Straßen der Exportzonen von Dhaka, verkommenen Wohnhäusern gleich, dicht an dicht stehen. Drinnen Neonlichter, Nähmaschinen reihenweise, es ist ein einziger Lärm. Die Betontreppen, die von Stockwerk zu Stockwerk führen, haben selten Geländer, braucht man doch nicht zum Treppensteigen. Überall stapeln sich Kartons oder Stoffbahnen, kann man ja noch mal gebrauchen. Riesige Ventilatoren blasen die stickige Luft bis zum nächsten Stromausfall durch Räume, deren Türen immer offen stehen, sonst könnte kein Mensch hier arbeiten, keine Stunde lang und schon gar nicht die üblichen zehn, zwölf Stunden oder auch mal 14 Stunden am Tag.

Die offenen Türen sind ein Grund dafür, dass sich Feuer verheerend schnell ausbreiten. Sie sind eine Sicherheitslücke, die jetzt geschlossen werden könnte. Jedenfalls ist als Reaktion auf den Einsturz von Rana Plaza ein neues Abkommen formuliert und von 38 westlichen Mode-Firmen unterzeichnet worden: für mehr Gebäudesicherheit und Feuerschutz. Und wenn nun der Einbau von Brandschutztüren verlangt wird? Siegele lacht. Dann bräuchte man auch Klimaanlagen, und die bräuchten Strom, der jetzt schon fehlt. Also würden auch Brandschutztüren offen stehen, und gewonnen wäre – nichts.

Siegele ist gelernter Schneider und studierter Bekleidungsingenieur. Er war im Rahmen eines Stipendiums der Hans-Böckler-Stiftung in China und hat 2005 seine eigene Firma gegründet: „Sustainability Agents“, die Nachhaltigkeitsagenten. Er schlägt vor: Globalisierung endlich als soziale Frage sehen und statt bei den Produktionsbedingungen bei den Fabrikmanagern und den Näherinnen persönlich ansetzen. Die fragen, wo Probleme sind und helfen beim gemeinsamen Suchen nach Lösungen. Die Menschen in Bangladesch hätten schließlich auch ein Interesse daran, dass es ihnen gut geht. Und würden ihre Bedürfnisse und Möglichkeiten besser kennen als jeder andere.

Das klingt banal. Und doch scheint es eine Erkenntnis zu sein, die sich erst noch durchsetzen muss – so wie zuvor in der Entwicklungshilfe, wo man gemerkt hat, dass allzu druckvolles Auftreten von ortsfremden vermeintlichen Autoritäten oft das Gegenteil von Kooperationsbereitschaft als Ergebnis hat. Siegele formuliert das so: „Auditierung und Monitoring kommen aus dem Qualitäts- und Finanzbereich. Mit diesen Tools lassen sich soziale Beziehungen nicht gestalten.“

Es gibt eine Studie über den Sportartikelhersteller Nike, in der Monitoringprogramme in 800 Fabriken aus 51 Ländern ausgewertet wurden. Ergebnis: Überwachung ergibt keine besseren Arbeitsbedingungen. Es hänge vielmehr von den beteiligten Personen ab, ob sich etwas ändere.

Zwischen 2007 und 2011 haben Siegele und seine „Sustainability Agents“ nach dem Dialogprinzip für die Hamburger Tchibo GmbH deren Zulieferfabriken in China gecoacht. Er sagt, manchem Fabrikmanager habe man erst beibringen müssen, wie man überhaupt mit Arbeitern rede. Weil die gar nicht vorkamen in dessen Gedankenwelt, in der es allein ums Geldmachen ging. Und dann haben die Fabrikmanager diesen Gedankenschwenk gern mitgemacht. Zufriedene Arbeiter leisten mehr und fehlen weniger. Dass sich das anders – aber auch – bezahlt macht, das haben sie gelernt.

„Bewusstseinssache“, hatte Maren Böhm das genannt.

Und wie unterschiedlich Bewusstsein sein kann, zeigt sich beim Umgang mit den Opfern von Rana Plaza. Während im Westen über Hilfszahlungen für die Opfer nachgedacht wird, heißt es, dass in Dhaka von den Überlebenden die Arbeitskarten eingesammelt würden. Ohne die sie im Zweifel nicht nachweisen können, dass sie beim Einsturz dabei waren.

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