Die nordkoreanische Bedrohung : „Rakete fliegt vorbei“

Japan muss seine Bevölkerung vor einem nordkoreanischen Fluggeschoss warnen. Die USA wollen nun den Druck auf Pjöngjang erhöhen.

Passanten gehen in Tokio an einem TV-Screen vorbei, der die Laufbahn einer nordkoreanischen Rakete zeigt.
Passanten gehen in Tokio an einem TV-Screen vorbei, der die Laufbahn einer nordkoreanischen Rakete zeigt.Foto: AFP

In der vergangenen Woche hatte sich der US-Präsident vor seinen Anhängern in Phoenix gebrüstet, seine Drohung mit „Feuer und Wut“ habe gegenüber Nordkorea Wirkung gezeigt habe. Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un „beginnt uns zu respektieren“, hatte Donald Trump gesagt. Auch US-Außenminister Rex Tillerson konstatierte für Nordkorea „ein Maß an Zurückhaltung, das wir in der Vergangenheit nicht erlebt haben“. Er hege sogar die Hoffnung auf „einen Pfad“ zum Dialog. Beide lagen falsch.

Nordkoreas Diktator Kim Jong Un hält die Regierung der USA und seine Nachbarstaaten mit Raketentests weiter in Atem. Am Dienstag schoss das verarmte und international isolierte Land eine Rakete über Nordjapan hinweg in den Pazifik. Sie zerbrach nach japanischen Angaben rund 1180 Kilometer östlich der zweitgrößten japanischen Insel Hokkaido in drei Teile und stürzte schließlich ins Meer.

Die Rakete flog rund zwei Minuten lang über japanisches Territorium. Trotzdem verzichtete die japanische Militärführung auf einen Versuch, sie abzuschießen. Die Armee sei zu der Einschätzung gekommen, dass keine Gefahr bestanden habe, sagte der japanische Verteidigungsminister Itsunori Onodera. Fernsehsender veröffentlichten allerdings eine Warnung. Viele Menschen erhielten eine Kurznachricht auf ihr Handy: „Rakete fliegt vorbei, Rakete fliegt vorbei“. Diejenigen, die sich unterhalb der Flugbahn der Rakete befanden, sollten sicherheitshalber Schutz suchen – falls einige Raketenteile herunterfallen sollten. Schnellzüge mussten ihre Fahrt unterbrechen.

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe nannte den Test eine „beispiellose, ernsthafte und schwerwiegende Bedrohung“. Moskau zeigte sich extrem besorgt. Auch die chinesische Außenamtssprecherin Hua Chunying erklärte, die Lage sei „auf der Kippe“. Der UN-Sicherheitsrat berief noch für Dienstag eine Dringlichkeitssitzung ein (nach Redaktionsschluss).

US-Präsident Donald Trump telefonierte nach dem Raketenabschuss mit Abe. Das Gespräch dauerte nach Angaben des Weißen Hauses 40 Minuten. Beide bekräftigten ihre Entschlossenheit, den Druck auf Nordkorea zu erhöhen, damit es an den Verhandlungstisch zurückkehre.

Verteidigungsexperten der „Washington Post“ und der „New York Times“ heben hervor, dass Kim seine Drohung aus der vergangenen Woche, vier Mittelstreckenraketen nach Süden in Richtung der US-Militärbasis Guam zu schießen, nicht wahrgemacht habe – offenbar um das Risiko einer militärischen Reaktion der USA zu vermindern.

Erstmals wurde die Rakete erstmals in der Nähe der Hauptstadt Pjöngjang gestartet

Neu ist der Ort des Raketenstarts. Nach bisherigen Erkenntnissen wurde die Rakete erstmals in der Nähe der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang gestartet. Das ergebe sich aus Berechnungen der Flugbahn. Zuvor hatte Nordkorea seine Raketen meist aus dünn besiedelten Regionen fern der Ballungsräume abgeschossen.

Das Regime nutzt mobile Abschussrampen. Das erschwert die Abwehrmaßnahmen und lässt auch weniger Optionen für Präventivschläge oder Gegenschläge. Ein Angriff auf die abgeschiedenen Orte, von denen Nordkorea bisher seine Raketen starten ließ, würde nur wenige zivile Opfer fordern. Ein Militärschlag gegen eine Abschussrampe nahe der Hauptstadt hätte weit reichende Folgen.

Auch dies deutet nach Meinung der Experten darauf hin, dass Kim Jong Un einen Gegenschlag der USA auf seinen Raketenstart befürchtete, aber erschweren wollte. Das Risiko, dabei nordkoreanische Zivilisten zu treffen, sollte für die USA möglichst hoch sein. Eine solche Entwicklung hätte wiederum den Druck auf den Norden erhöht, seinerseits einen Gegenschlag auf dicht besiedelte Gebiete in Südkorea zu führen. Offenbar wollte Kim Jong Un eine solche Kettenreaktion vermeiden, analysieren US-Experten.

Weiter heißt es, Kim stehe anscheinend unter hohem Druck, seine Autorität und seine militärische Schlagkraft zu beweisen. Allein in diesem Jahr habe er 18 Raketen abgefeuert. Sein Vater Kim Jong Il hatte in seinen 17 Jahren an der Macht 16 Raketen abschießen lassen.

Nordkorea gibt den USA die Schuld an der erneuten Eskalation. Der UN-Botschafter des abgeschotteten Landes, Han Tae Song, warf der Regierung in Washington am Dienstag vor, die koreanische Halbinsel auf eine „extrem starke Explosion“ zuzutreiben. Sein Land habe „jedes Recht, mit harten Gegenmaßnahmen sein Recht auf Selbstverteidigung in Anspruch nehmen“, sagte er auf einer Abrüstungskonferenz der Vereinten Nationen in Genf. „Die USA sollten komplett die Verantwortung für die katastrophalen Konsequenzen tragen, die daraus folgen.“ Han sprach den neuen Raketentest nicht direkt an, verwies jedoch auf das Militärmanöver der USA und Südkoreas.

Die beiden Länder simulieren noch bis Ende des Monats in der elftägigen Übung „Ulchi Freedom Guardian“ einen Krieg auf der koreanischen Halbinsel. Sie findet vor allem als computergestützte Simulation statt.

Der japanische Politikexperte Akira Igata von der Tama Universität sieht den Raketentest als „direkte Antwort“ auf die Militärübung an. Nordkorea wolle zudem von drei misslungen Kurzstreckentests vor einigen Tagen ablenken, sagte er bei „NK News“. Daneben solle der Raketentest kompensieren, dass Nordkorea von seiner Drohung, Guam zu attackieren zurückgeschreckt sei.

1998 und 2009 hatte Nordkorea je eine Rakete über Japan hinweg geschossen. Damals hatte Nordkorea jeweils erklärt, die Rakete habe einen Satelliten ins All tragen sollen. Eine solche Erklärung gab es diesmal nicht. (mit AFP/dpa)

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