Die Reichen der Mitte : Das wahre Vermögen von Wen Jiabao

Die Familien der chinesischen Parteielite haben nach Medienberichten Milliardenvermögen angehäuft. Wie korrupt ist die Führung Chinas?

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Unter Beobrachtung. Wen Jiabao.
Unter Beobrachtung. Wen Jiabao.Foto: dpa

Am Freitagmorgen war in Peking die neue chinesischsprachige Internetseite der „New York Times“ gesperrt. Wenig später konnten viele User in China auch die englischsprachige Homepage der Zeitung nicht mehr erreichen. Und als der Pekinger Korrespondent des Fernsehsenders „CNN“ am Abend in seinem Live-Bericht auf die jüngste Enthüllungsgeschichte der „New York Times“ angesprochen wurde, fiel plötzlich das Bild aus. „So läuft das bei ihnen“, sagt die China-Internet-Expertin Rebecca McKinnon über die chinesischen Machthaber, „sie ärgern sich, sie sperren dich.“

Die chinesische Regierung dürfte sich sowohl über den Inhalt als auch den Zeitpunkt der gestrigen Exklusivgeschichte der „New York Times“ geärgert haben. Weniger als zwei Wochen vor dem 18. Parteikongress der Kommunistischen Partei, auf dem der nur einmal in zehn Jahren vorgesehene innerparteiliche Machtwechsel vollzogen werden soll, berichtete die Zeitung über das riesige Vermögen, das die Familie des scheidenden Premierministers Wen Jiabao in den letzten Jahrzehnten angehäuft hat. Familienangehörige des Premierministers sollen über Vermögenswerte im Wert von 2,1 Milliarden Euro verfügen. Am Nachmittag kommentierte der Sprecher des chinesischen Außenministeriums, Hong Lei, die Enthüllungen mit den Worten: „Einige Berichte beschmutzen China und besitzen verborgene Motive.“

Besonders bemerkenswert erscheint das Vermögen der 90-jährigen Mutter des Premierministers. Die pensionierte Lehrerin Yang Zhiyun war während der Kulturrevolution so arm, dass sie ihren Sohn zum Schweinehüten schicken musste. Nun aber verfügt sie nach Recherchen der „New York Times“ über Vermögenswerte der Ping-An-Versicherung in Höhe von 120 Millionen Dollar. Neben seiner Frau, die an der Schaltstelle des chinesischen Edelsteingeschäftes sitzt und als Chinas „Diamanten-Königin“ gilt, verfügen auch Wen Jiabaos Sohn, seine Tochter, der jüngere Bruder und der Schwager seit einigen Jahren über ein Millionenvermögen.

Der Bericht wirft einen weiteren Schatten auf Wen Jiabao, der sich gerne als Mann des Volkes präsentiert und in den chinesischen Medien auch „Opa Wen“ genannt wird. Der Bericht eröffnet aber auch den Blick auf den immensen Reichtum der Familien der chinesischen Parteielite.

Im Sommer berichtete „Bloomberg“ bereits , dass die Familie des künftigen Parteichefs Xi Jinping über Vermögenswerte in Höhe von insgesamt 376 Millionen Dollar verfügt. Seitdem ist die Nachrichtenseite von Bloomberg in China gesperrt. Dabei betonte die Wirtschaftsnachrichtenagentur, dass sich Xi Jinping nach ihren Recherchen bisher keines Fehlverhaltens schuldig gemacht hat. Auch Wen Jiabao wird nichts Illegales vorgeworfen. Vielmehr scheinen die jeweiligen Familienmitglieder vor allem ihre Beziehungen vergoldet zu haben.

Doch dass durchaus auch Korrruption in Chinas höchster Führungselite eine Rolle spielt, zeigen die jüngsten Politikskandale. Der politisch in Ungnade gefallenen Bo Xilai soll laut Anklage riesige Summen Bestechungsgelder und illegales Eigentum für sich und seine Familie angenommen haben. Der ehemalige Parteichef aus Chongqing, der auch Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei war, soll außerdem „unziemliche sexuelle Beziehungen“ mit zahlreichen Frauen gehabt haben. Am Freitag warfen ihn Chinas Machthaber auch noch aus dem Volkskongress und machten den Weg zu einem Prozess frei. Eine Verurteilung nicht nur für seine Rolle im Skandal um den Mord seiner Frau an einem britischen Geschäftsmann gilt als sicher.

„Es ist ein Problem des politischen Systems“, sagte der Politik-Professor Zhang Ming von der Pekinger Renmin-Universität dem Tagesspiegel, „sie haben zu große Macht und zu wenig Kontrolle.“ Seiner Ansicht nach ist die Bestechung längst systemimmanent. Machtvollen Beamten werden Geld und materielle Werte angeboten, auch wenn sie nicht danach fragen. Zhang Ming sagt: „Man kann nicht mehr im System leben, ohne korrumpiert zu werden.“

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