Die Schuldenkrise in Griechenland : Gehen die Griechen wirklich mit 56 in Rente?

Luxus oder Notstand? In Griechenland liegt das Renteneintrittsalter bei 56 Jahren, in Deutschland dagegen bei 64 - so ist es zuletzt zumindest behauptet worden. Aber stimmt das wirklich? Ein Faktencheck.

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Rentner in Griechenland. Nicht jeder bekommt viel Geld.
Rentner in Griechenland. Nicht jeder bekommt viel Geld.Foto: dpa

Um deutlich zu machen, dass der gemeine Grieche und insbesondere der ältere auf Kosten der anderen EU-Staaten lebe, hatte sich der CDU-Politiker ein Millionenpublikum ausgesucht. In der Sendung „Günther Jauch“ am Sonntagabend verkündete Wolfgang Bosbach, dass der griechische Regierungschef Alexis Tsipras offeriert habe, das reale Renteneintrittsalter in seinem Land auf 56 Jahre anzuheben. In Deutschland, so Bosbach, liege es bei fast 64 Jahren.

In seinem Meinungsbeitrag im Tagesspiegel nannte Tsipras am Donnerstag ganz andere Zahlen. Ihm zufolge liegt das durchschnittliche Renteneintrittsalter griechischer Männer schon jetzt bei 64,4 Jahren und das griechischer Frauen bei 64,5 Jahren – also ganz ähnlich wie in Deutschland, wo die Männer ihm zufolge mit 65,1 und die Frauen mit 64,2 Jahren aus dem Erwerbsleben scheiden.

Mit 56 in Rente? Nur im öffentlichen Dienst

Wolfgang Bosbachs Zahl geistert seit einiger Zeit durch deutsche Medien – und sie beruht tatsächlich auch auf Angaben der griechischen Regierung. Als Auflistung über erhoffte Reformwirkungen bekamen die Kreditgeber das knapp 50-seitige Papier Anfang Juni zugeschickt. Allerdings bezieht sich die dort abgegebene 56-Jahres-Prognose für das Renteneintrittsalter der Griechen – 56,3 Jahre für 2016 und 56,7 Jahre für 2017 – nicht auf alle Rentner, sondern nur auf die des öffentlichen Dienstes. Aus diesem Sektor haben sich als Folge der Krise besonders viele arbeitslos Gewordene in den vorzeitigen Ruhestand geflüchtet – und so das Durchschnittsalter schon seit Jahren weiter nach unten gedrückt.

Für Griechenland läuft die Zeit. Doch falsche Rentenvergleiche machen Reformen nicht leichter.
Für Griechenland läuft die Zeit. Doch falsche Rentenvergleiche machen Reformen nicht leichter.Foto: dpa

Die Prognosen für einen der wichtigsten Rententräger für Privatangestellte gleich neben daneben jedenfalls lassen ein deutlich höheres Renteneintrittsalter erwarten. 2016 würde es dem Regierungspapier zufolge 60,6 Jahre betragen, 2017 läge es bei 61,5 Jahren. Und in diesen höheren Zahlen sind immer noch diejenigen enthalten, die aus Krankheitsgründen und mit Abschlägen früher in Rente gehen. Man kann sie redlicherweise nicht – wie von Bosbach & Co. praktiziert – mit dem Rentenzugangsalter deutscher Altersrentner vergleichen.

Deutsche lassen sich im Schnitt mit 62,6 Jahren verrenten - wenn man Erwerbsgeminderte einrechnet

Bezieht man die Erwerbsgeminderten ein, kommt auch Deutschland auf ein weit niedrigeres Renteneintrittsalter als in der Grexit-Debatte gerne kundgetan. Der Deutschen Rentenversicherung zufolge lag das Eintrittsalter 2014 real nicht bei „fast 64“, sondern bei 62,6 Jahren. Deutsche Männer verabschiedeten sich demnach im Schnitt mit 61,9 Jahren in den Ruhestand, Frauen mit 63,7 Jahren. Berücksichtigt man nur die Altersrenten liegt das Renteneintrittsalter der Männer dagegen bei den genannten 64, das der Frauen bei 65,8 Jahren. Wobei das Zugangsalter der Rentnerinnen ohne den „Einmaleffekt“ der neuen Mütterrenten im Jahr 2014 um 1,6 Jahre niedriger ausgefallen wäre, wie die Versicherer vermerken.

Aus Expertensicht sind Statistiken zur griechischen Rentenwirklichkeit jedoch ebenso mit Vorsicht zu genießen. Es gebe derzeit „keine wirklich verlässlichen Datenquellen“, sagt Alexander Kritikos, der als Forschungsdirektor beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin arbeitet und sich auch mit dem griechischen Rentensystem befasst.

Großzügige Regelung für griechische Mütter

Ein großes Problem etwa seien die vielen Ausnahmeregelungen für griechische Rentner. So könnten Mütter, sofern sie auf 25 Beitragsjahre kommen und ihr Kind nicht über 18 ist, bereits mit 50 in Rente gehen – und bis vor kurzem hätten dafür sogar 40 Lebensjahre und 15 Berufsjahre gereicht. Dieser Posten schlage aufgrund der hohen Zahlen „gewaltig ins Kontor“, sagt Kritikos.

Hochproblematisch sind aus der Sicht des DIW-Experten auch die so genannten Zusatzrenten, die Angestellte im oberen Einkommensbereich in halbstaatlichen Betrieben zugeschanzt bekämen. Diese machten schon mal 2000 Euro im Monat aus. Gemessen daran, dass mindestens ein Fünftel aller griechischen Rentner monatlich auf weniger als 500 Euro komme, sei dies eine extreme Ungerechtigkeit – und der unübersehbare Beleg für eine „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ auch in der Rente.

Hohe Renten durch Fünf-Jahres-Trick

Diese Spreizung in (teilweise) sehr hohe und (häufig) sehr niedrige Renten verzerrt das Gesamtbild. Generell jedoch fällt das Verhältnis zwischen Einkommen und späterer Rente dank einer eigenartigen Systemregelung für alle griechischen Rentner eher vorteilhaft aus. Bis 2012 nämlich bemaß sich die Rentenhöhe nicht wie in Deutschland am Durchschnittseinkommen über alle Berufsjahre, sondern an den fünf Jahren mit dem höchsten Gehalt. Dies führte dazu, dass Angestellte oft noch kurz vor der Pensionierung einen kräftigen Gehaltszuschlag erhielten („Fünf-Jahres-Trick“), um als Rentner deutlich besser dazustehen.

Die meisten Rentner hätten ihre Rente noch auf diese Weise berechnet bekommen, sagt Kritikos. Den Deutschen freilich dürfte dieses Prinzip nicht unbekannt sein. Beamtenpensionen richten sich hierzulande schließlich auch nach der höchsten Gehaltsstufe.

Ein weidlich genutztes Pendant zur „Rente mit 63“ gibt es in Griechenland ebenfalls – eine Regelung für so genannte „Schwerstarbeiter“. Sie dürfen schon mit Mitte 50 in den Ruhestand – und der Kreis der Anspruchsberechtigten ist sehr unscharf abgegrenzt. Angeblich, so heißt es, kämen dadurch sogar Friseure in den Genuss vorzeitiger Renten.

Griechen haben kaum Zusatzrenten

Allerdings gilt es bei derartigen Großzügigkeiten zweierlei zu berücksichtigen. Zum einen leben alte Menschen in Griechenland anders als in vielen EU-Ländern fast ausnahmslos von der gesetzlichen Rente. Schon deshalb, so Kritikos, lasse sich das griechische System kaum mit dem hiesigen vergleichen. Betriebsrenten – zumindest für Westdeutsche eine wichtige Säule der Alterssicherung – gibt es dort so gut wie gar nicht. Und da private Zusatzvorsorge vom Staat nicht gefördert wird, verfügt auch kaum ein Grieche über ein anderweitiges Zusatzeinkommen – von den Reichen mit ihrem Betongold einmal abgesehen.

Hinzu kommt: Das griechische Sozialsystem besteht im Wesentlichen aus der Rente. Angestellte erhalten, wenn sie arbeitslos werden, maximal ein Jahr lang Arbeitslosengeld. Danach bekommen sie nichts mehr, es gibt kein soziales Netz, das sie auffängt. Langzeitarbeitslose müssen vorzeitig in die Rente, um überhaupt noch ein Auskommen zu haben – oder gemeinsam von der Rente eines Familienangehörigen leben. Offiziell hat mehr als jeder vierte Grieche als Folge der Krise seine Arbeit verloren; die sozialen Verwerfungen dadurch federt, mehr schlecht als recht, vor allem die Rentenkasse ab.

Rentenkasse muss auch Arbeitslosigkeit abfedern

Im heutigen Griechenland kämen Rentner für den Lebensunterhalt ihrer Kinder auf, schreibt Tsipras im Tagesspiegel. Für „unzählige Familien“ stelle die Rente älterer Angehöriger „oftmals die einzige Einkommensquelle“ dar. Damit wirbt der Regierungschef um Verständnis, dass die Staatsausgaben für Renten und Pensionen 16,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht haben – und nicht so einfach gekürzt werden könnten. Deutschland mit seinem engmaschigen Sozialnetz kommt mit seinen Rentenausgaben (derzeit 266 Milliarden Euro im Jahr) immerhin auch auf 9,2 Prozent _ die Pensionen nicht eingerechnet. Und darüberhinaus leben hierzulande fast 740 000 Menschen über 55 von Hartz IV.

Allerdings lässt sich auch andersherum argumentieren: Wenn sich die Sozialausgaben eines Landes derart auf das Rentensystem fokussieren, wenn sich sozusagen alle Sozialfälle aus diesem Topf bedienen müssen, ist das auch ein Systemproblem. Die Lösung könne nicht sein, mit dem Hinweis darauf auf Einsparungen und schärfere Kontrollen zu verzichten, sagt Kritikos, sondern endlich ein besser funktionierendes Sozialhilfesystem auf den Weg zu bringen.

Die Troika hat Griechenland schon vor dem Wahlsieg von Syriza aufgefordert, eine Sozialhilfe nach europäischem Vorbild einzuführen - mit einem klar definierten Existenzminimum für jeden. Bisher ist diesbezüglich nicht geschehen.

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