• Die Türkei, die Niederlande und das Massaker: Wie Erdogan die Opfer von Srebrenica missbraucht

Die Türkei, die Niederlande und das Massaker : Wie Erdogan die Opfer von Srebrenica missbraucht

Auf infame Weise deutet der türkische Präsident Erdogan die Geschichte um. Ihm geht es darum, seine Anhänger anzuheizen. Ein Kommentar.

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Auf der Flucht vor dem Mord. Der Screenshot des niederländischen Fernsehens zeigt holländische UN-Soldaten in Potocari, Bosnien-Herzegowina, vor hunderten von moslemischen Zivilisten, die aus dem nahegelegenen Srebrenica vor serbischem Terror geflüchtet waren
Auf der Flucht vor dem Mord. Der Screenshot des niederländischen Fernsehens zeigt holländische UN-Soldaten in Potocari,...Foto: dpa

Auf Fakten kann man pfeifen. Das muss Recep Tayyip Erdogan nicht von Donald Trump lernen. „Der Geist des Faschismus“ wandere durch Europas Straßen verkündete jüngst der türkische Präsident, der die Absicht hat, ein autoritäres System zu errichten. Außerdem behauptet er jetzt, die Niederlande – die türkischen AKP-Wahlkämpfern Auftritte untersagt hatten – hätten 1995 in Srebrenica „8000 bosnische Muslime abgeschlachtet“; ein Beweis für deren „verkommenen Charakter“.

Camil Durakovic, ehemaliger Bürgermeister von Srebrenica, bezeichnet den „politischen Missbrauch“ von Srebrenica als „beleidigend und falsch.“ Und er hat Recht. Ja, das Massaker im Bosnienkrieg hat es gegeben. Akribisch haben Prozesse am UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag der bosnisch-serbischen Armee unter General Ratko Mladic die „ethnische Säuberung“ und Genozid nachgewiesen.

Ja, 400 Niederländer waren vor Ort, als das Verbrechen verübt wurde. Doch nein, keiner von ihnen war an dem Massaker beteiligt. Es waren junge UN-Blauhelmsoldaten, stationiert in der UN-Schutzzone Srebrenica. Ohne robustes Mandat, also ohne Befehl zum Einsatz von Waffen, war das „Dutchbat“, das niederländische Bataillon, im Sommer 1995 sehenden Auges dabei, als Serben ihre Gräueltaten vorbereiteten. Umgebracht haben die Niederländer dort niemanden. Einige von ihnen brachten sich allerdings später aus Verzweiflung selbst um.

Erdogan will nur die Synapsen seiner Anhänger zum Feuern bringen

1999 veröffentlichte die Uno einen schonungslos selbstkritischen Report von 600 Seiten, 2002 publizierte das niederländische Institut für Studien zu Krieg, Holocaust und Genozid (NIOD) einen Bericht, der auf 3394 Seiten Versäumnisse und Versagen der Blauhelme einräumte. Die Mörder von Srebrenica aber waren die serbischen Aggressoren.

Für den türkischen Präsidenten tut all das nichts zur Sache. Ihm geht es darum, in den Köpfen seiner Anhänger Synapsen zum Feuern zu bringen. Umso leichter gelingt das bei seinen uninformierten Landsleuten, als Srebrenica bereits seit Jahren für islamistische Propaganda missbraucht wird. Gruppen, die sich „Abu Jihad Al-Bosni“ oder „Salahuddin Al-Bosni“ nennen, rufen inzwischen zur „Wiedereroberung von Srebrenica“ auf, zur „Rache an den Ungläubigen“.

Auch die Türkei kam damals in Bosnien nicht zu Hilfe

Zorniger könnte kaum jemand über Erdogans Verzerrungen sein, als die Opfer in Bosnien. Hasan Nuhanovic, der auf den Killing Fields von Srebrenica die Eltern und seinen Bruder verlor, erinnerte jetzt in einer Kolumne für den Sender N1 in Sarajevo an die phantasmatische Propaganda der Serben, die bosnische Muslime als „Türken“ bezeichnete. Mladic etwa hatte am 11. Juli 1995 vor der Kamera in Srebrenica erklärt, der Zeitpunkt für Serben sei gekommen, „an den Türken Rache zu nehmen“. Er bezog sich auf das untergegangene, Osmanische Reich.

Weder die Türkei noch ein anderer muslimisch geprägter Staat kam damals in Bosnien zu Hilfe. Beendet wurde das Morden – nach Srebrenica – durch die Intervention der USA und das Friedensabkommen von Dayton. Hasan Nuhanovic erinnert in seinem Kommentar an ein Interview, das er dem türkischen Sender TRT vergangenen Sommer in Srebrenica gab. „Im Juli 1995“, hatte er gesagt, „hallte der Schrei der Mütter von Srebrenica zum Himmel.“ Und angefügt: „Ich weiß nicht, ob man diesen Schrei in der Türkei gehört hat.“ Damit, erinnert er sich, war sein kurzes Interview zu Ende.

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