Die Ukraine nach dem Krieg : Wenn Helfer nicht helfen dürfen

Separatisten in der Ostukraine haben die Arbeit der Hilfsorganisationen gestoppt – die UN warnen angesichts des nahenden Winters vor den Folgen.

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Ein ukrainischer Soldat in einer zerstörten Schule im Dorf Pisky in der Nähe der ostukrainischen Stadt Donezk. Nach UN-Angaben wurden in der Ostukraine etwa 200 Schulen bei den Kämpfen zerstört oder beschädigt.
Ein ukrainischer Soldat in einer zerstörten Schule im Dorf Pisky in der Nähe der ostukrainischen Stadt Donezk. Nach UN-Angaben...Foto: Anatoli Stepanov/AFP

Im Osten der Ukraine droht in diesem Winter eine humanitäre Krise. Die Temperaturen sinken im Donbass nachts schon jetzt auf unter null Grad, der erste Schnee könnte bald fallen. Im Krieg zwischen den von Russland unterstützten Separatisten und der ukrainischen Armee wurden nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 7800 Menschen getötet, 1,5 Millionen Menschen sind als Binnenflüchtlinge auf Hilfe angewiesen. Bis zu 100000 Menschen bräuchten dringend Winterhilfe, erklärte das UN-Büro zur Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) in einem am Wochenende veröffentlichten Bericht. Doch helfen dürfen die Helfer nicht: Sie werden an ihrer Arbeit gehindert.

Die Separatisten in Donezk und Luhansk haben internationale Hilfsorganisationen angewiesen, ihre Arbeit einzustellen, bis sie neu registriert worden sind. Die meisten Einsätze seien ab dem 21. Juli zum Stillstand gekommen, berichtet die UN-Behörde. Deshalb hätten viele Menschen wenig oder gar keinen Zugang zu Hilfe. Vor zehn Tagen erhielten die Vereinten Nationen von den selbst erklärten Machthabern in Luhansk die Erlaubnis, ihre Arbeit in der Region wieder aufzunehmen. Allerdings seien außer den UN bisher keine anderen internationalen Hilfsorganisationen in Luhansk registriert worden.

In Donezk dürfen derzeit nur zwei Organisationen humanitäre Hilfe leisten. Die UN haben dagegen noch kein grünes Licht erhalten, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Für die Menschen in der Ostukraine haben diese bürokratischen Hürden spürbare Folgen: 16000 Tonnen mit Hilfsgütern, darunter Lebensmittel und Medikamente, können nach UN-Angaben derzeit nicht verteilt werden. Die Mediziner von „Ärzte ohne Grenzen“ erhielten vor zwei Wochen den Bescheid, dass sie im Donezker Gebiet nicht mehr arbeiten dürfen. „Diese Entscheidung wird lebensbedrohliche Folgen für die Patienten haben, die Ärzte ohne Grenzen nun zurücklässt“, sagte der für Einsätze zuständige Direktor Bart Janssens. Die Organisation war nach eigenen Angaben mit mobilen Kliniken an Orten im Einsatz, aus denen Ärzte und Krankenschwestern geflohen waren und in deren Apotheken die Regale leer blieben. Patienten mit Diabetes beispielsweise erhielten von den ausländischen Helfern das dringend benötigte Insulin.

In einer Umfrage unter Binnenflüchtlingen in fünf ostukrainischen Bezirken berichtete im Sommer jeder Fünfte, dass das Haus seiner Familie durch den Krieg entweder zerstört oder schwer beschädigt worden sei. Auf diese Menschen konzentrieren sich die Helfer nun besonders, damit sie bei Temperaturen, die im Winter auf minus zwanzig Grad fallen können, ein Dach über dem Kopf und ein geheiztes Zimmer haben. Doch wegen der Ausweisung der Hilfsorganisationen haben nach Schätzungen der UN 30000 Menschen in den von Separatisten kontrollierten Gebieten keine Winterhilfe erhalten können.

Gefahr droht auch durch Landminen

Nach mehr als einem Jahr Krieg in der Ostukraine hält die am 1. September begonnene Waffenruhe weitgehend. Dennoch zählten die UN allein im Monat September neun getötete Zivilisten und 34 Verletzte. Die meisten von ihnen wurden Opfer von Landminen, Sprengfallen oder explosiven Kampfmittelrückständen. „Wenn der Winter kommt, besteht das Risiko, dass die Opferzahlen steigen, weil sich Zivilisten auf der Suche nach Brennholz zunehmend in stark kontaminierte Gegenden wagen könnten“, heißt es in dem Bericht des OCHA.

Eine weitere Gefahr sieht die UN-Organisation auch darin, dass die Bereiche rund um die Checkpoints zum Separatistengebiet stark vermint seien. An diesen Checkpoints bilden sich derzeit lange Schlangen, Zivilisten müssen in der Kälte bis zu 24 Stunden ausharren, bis sie die frühere Frontlinie überqueren können. An manchen Orten versuchten die Menschen offenbar bereits, die Checkpoints zu umgehen – und gerieten in vermintes Gelände. Beide Seiten haben längst mit der Minenräumung begonnen, doch bis die Gefahr gebannt ist, wird es noch dauern: Schätzungen zufolge könnten mindestens 30000 Hektar Land in der Ostukraine vermint sein.

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