"Die wahre Religion" (DWR) : Warum die islamistischen Hetzer verboten werden

Auf 50 Seiten begründet das Bundesinnenministerium das Verbot für das salafistische Netzwerk „Die wahre Religion“. Die Islamisten sollen bei der Rekrutierung von Dschihadisten geholfen haben.

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Razzia gegen die Vereinigung "Die wahre Religion" in Berlin
Razzia gegen die Vereinigung "Die wahre Religion" in BerlinFoto: dpa

Der Mann gilt als einer der gefährlichsten Islamisten Deutschlands. Schon 2012 ruft Ibrahim Abou-Nagie, ein gebürtiger Palästinenser, unverhohlen zum Dschihad im syrischen Bürgerkrieg auf. Bei einem Salafistentreffen in Dortmund verkündet der Hassprediger, „alle unsere Geschwister in Syrien sind Gotteskrieger. Und derjenige, der hier spendet, der rüstet einen Gotteskrieger aus.“ Solche Hetze haben Abou-Nagie und sein 2005 gegründeter Verein „Die wahre Religion“ (DWR) hochtourig weiterbetrieben. Als Vehikel diente die 2011 gestartete, bundesweite Kampagne „LIES!“, bei der Aktivisten in Fußgängerzonen deutschsprachige Gratisexemplare des Koran verteilten. Mit schaurigem Erfolg.

Mindestens 140 Salafisten sollen von Abou-Nagie und dem DWR-Verein zur Ausreise animiert worden sein, um in Syrien und dem Irak für die Terrormiliz IS und andere dschihadistische Organisation zu kämpfen. Einige starben, einige werden vermisst. So steht es in der Verbotsverfügung, die Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Dienstag bekannt gegeben hat. Der Schlag traf, wie ein hochrangiger Sicherheitsexperte sagt, „die sprichwörtliche Spinne im Netz der deutschen Salafistenszene“.

Die 50-seitige Verbotsverfügung ist harter Stoff. Es wimmelt von fanatischen, menschenfeindlichen Zitaten aus Reden und Youtube-Videos von Abou-Nagie und seinen Mitstreitern. „Möge Allah all diese zionistischen Medien und die Menschen, die dahinter sind und alles in die falsche Richtung steuern, möge Allah sie alle vernichten“, sagt Abou-Nagie in einem „Bittgebet“ in einem Film vom September 2015. Vier Monate zuvor bezeichnet Abou-Nagie in einem Video die Homoehe als „Schande für das gesamte Christentum und Schande für Europa“. Ein weiterer Prediger des Vereins deklamiert im März 2015 bei einer öffentlichen Veranstaltung, „Allah vernichte die Ungerechten! Ya Allah vernichte Amerika! Ya Allah vernichte die Juden! Ya Allah vernichte Israel!“

Saat des Hasses

Die Saat des Hasses ging nicht nur im Dschihad in Syrien und im Irak auf, sondern auch in Deutschland. In der Verbotsverfügung wird der Anschlag auf den Sikh-Tempel in Essen genannt. Junge Salafisten deponierten am 16. April vor dem Eingang einen Sprengsatz. Bei der Explosion wurde ein Sikh-Priester schwer verletzt, zwei weitere Opfer erlitten leichtere Wunden. Tatverdächtig sind Salafisten im Alter von 16 bis 20 Jahren.

Bei allen vier Beschuldigten gebe es „eindeutige Nachweise für Verbindungen zur LIES!-Kampagne“, heißt es in der Verbotsverfügung. Auf einem Foto, das in dem Papier gezeigt wird, steht einer der mutmaßlichen Täter im März 2015 neben Abou-Nagie. An einem LIES!-Stand im Ruhrgebiet.

Der durch die LIES!-Kampagne geschürte Hass richtete sich auch gegen den Tagesspiegel und die „Frankfurter Rundschau“. Nachdem die Zeitungen 2012 über die Koran-Verteilung berichtet hatten, tauchte im Internet ein Drohvideo auf, in dem Journalisten namentlich genannt und als „Affen und Schweine“ beschimpft wurden.

Unklar ist, wer die Finanziers sind

Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden zählten zum DWR-Netzwerk zumindest zeitweilig auch weitere bekannte Prediger der Salafistenszene. In der Verbotsverfügung wird unter anderem Sven Lau genannt. Der Mann aus Mönchengladbach muss sich seit September vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf verantworten, weil er eine dem IS nahestehende Terrororganisation unterstützt haben soll. Bis zu seiner Verhaftung im Dezember 2015 sei Lau immer wieder als Prediger bei Veranstaltungen von „Die wahre Religion“ aufgetreten, steht in der Verfügung. Und im Youtube-Kanal von DWR seien zahlreiche Videos mit Predigten von Lau zu finden. Außerdem seien führende Mitglieder der 2012 verbotenen Organisationen „Millatu Ibrahim“ und „DawaFFM“ für DWR und die LIES!-Kampagne tätig gewesen. Genannt wird auch der Berliner Denis Cuspert. Der Ex-Rapper ist heute beim IS als Agitator tätig.

Laut Verfügung zählten acht Personen zum engeren Führungskreis des DWR. Dem Verein werden auch „mindestens 100 Lokalverantwortliche“ zugerechnet. Das Netzwerk umfasste zudem 60 örtliche LIES!-Initiativen mit insgesamt 500 Personen. Die Kampagne breitete sich auch international aus. Erwähnt werden Großbritannien, Frankreich, Italien und weitere europäische Länder sowie Brasilien. Unklar bleibt, wer Verein und Kampagne finanziert. Hinweise, reiche Privatleute aus Saudi-Arabien und Bahrain seien die Geldgeber, seien nicht gerichtsfest zu belegen, sagen Sicherheitskreise.

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