Politik : Die Welt als Dilemma

Alles so komplex hier! Nicht nur die morgigen Bundestagswahlen stellen viele Menschen vor ein großes Problem. Die heutige Informationsgesellschaft hat zwar viele einfache Fragen – aber kaum noch einfache Antworten.

2008 Foto: dpa
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Was wählen? Klingt wie eine einfache Frage, ist es aber nicht – was nicht nur für die morgigen Bundestagswahlen gilt. Je mehr Informationen es zu den Wahlalternativen und deren Konsequenzen gibt, desto schwieriger wird es, Antworten zu finden. Das gilt nicht nur für die Entscheidung zwischen politischen Parteien. Seit per Internet schrankenlos und niedrigschwellig Informationen zu allem zirkulieren, hat sich das Problem „Fragen: ja, Antworten: nein“ auch auf alle Lebensbereiche ausgeweitet: Was essen? Was anziehen? Wie vorwärtsbewegen? Wohin verreisen? Überhaupt verreisen?

Die Welt ist zum Dilemma geworden. Alles ist Pest oder Cholera. Zum letzten Vorwahltag eine wahllose Auswahl:

ERNÄHRUNG

Jahrelang hieß es, am nachhaltigsten und klimaschonend verhalte sich, wer regionale Produkte einkaufe. Wegen der kurzen Wege zwischen Herstellungsort und Verbraucher. Doch in einer Studie der Universität Gießen zeigte sich nun, dass das nur in der Saison gilt. Der Apfel aus Deutschland ist im September in Ordnung, im April aber nicht mehr. Dann hat er so lange im gekühlten Lagerhaus gelegen und damit Energie verbraucht, dass der aus Übersee herantransportierte Apfel besser abschneidet. Dessen CO2-Ausstoß ist minimal, weil er in riesigen Mengen transportiert wird. Außerdem sind im Lagerhausapfel im Frühjahr keine Vitamine mehr enthalten.

Das Problem findet sich auch beim Kopfsalat: Der im deutschen Gewächshaus während des Winters gezüchtete Kopfsalat habe eine schlechtere Klimabilanz als der aus südlichen Ländern importierte, der unter echter Sonne wuchs, heißt es beispielsweise bei der Organisation Foodwatch. Und was ist mit den Entscheidungsproblemen an der Wurstfront: eingeschweißter Bio-Aufschnitt oder frisch geschnittenen ohne Bio-Siegel? Nein, so pauschal lasse sich das nicht beantworten, heißt es dazu bei Foodwatch, das erfordere den Blick auf diverse Parameter, von Wasserverbrauch oder Gewässerschutz bis zu Schlachthofbefunden.

Einfach dagegen sind immer nur die Wege zu neuen Fragen. Zum Verzehr von Hühnchenfleisch – schön mager, darum zu empfehlen – gehört beispielsweise das Wissen um die oft miserablen Aufzuchtbedingungen des Federviehs. Doch das ist längst nicht alles: Weil Verbraucher am liebsten Hühnerbrüste und -schenkel essen, wird der Rest an Drittweltländer verkauft – und das zu Preisen, die konkurrenzlos sind. Die Folge: Der örtliche Bauer im Drittweltland hat am heimischen Markt keine Chance mehr, sein Geflügel loszuwerden. Er kann die Preise nicht bieten. So macht der deutsche Hühnchenesser die Märkte in fernen Ländern kaputt. Und animiert die Geflügelzüchter zum Optimieren ihrer Hühnertiere, Stichwort: Qualzucht. Das Wort gibt es wirklich.

Dann also Fisch? Mal schnell um Ecke zum Sushi-Imbiss? Geht ja auch nicht – wegen der Überfischung der Meere. Zwar gibt es in der EU Richtlinien für Fischfang, aber laut World Wide Fund for Nature (WWF) überschritten die politisch festgesetzten Fangquoten die wissenschaftlichen Empfehlungen in den vergangenen Jahren um durchschnittlich 41 Prozent. Der Greenpeace-Fischeinkaufsführer 2013 listet nur noch zwei gänzlich unbedenkliche Fischarten auf: den Afrikanischen Wels aus Zuchttanks und Karpfen aus dem Zuchtteich. Hering nur, wenn er nicht aus dem Nordatlantik kommt. Oft wird, was in EU-Meeren nicht mehr gefischt werden darf, importiert – aus Ländern, die sich um den Lebensraum Meer noch weniger kümmern. Bis die EU ihr Geld in den Bau von Aquafarmen statt in die Modernisierung der Fangflotten steckt, lautet der Tipp zum vertretbaren Fischkonsum also: selber angeln. Aber wer kann das schon?

Selber melken geht auch nicht. Ist vielleicht auch weniger wertvoll als gedacht. Wer bei Milch an Calcium für den Knochenbau denkt, an Milchbart und Kakaogenuss, sollte sich gewahr sein, dass die Abgase einer einzigen Milchkuh wegen ihrer Fütterung (Stichwort: Soja, s. u.) laut WWF in etwa so klimaschädlich sind wie die eines Kleinwagens, der 18 000 Kilometer im Jahr gefahren wird. Die deutsche Landwirtschaft verursacht einer WWF-Studie zufolge Treibhausgase mit dem Äquivalent von 65 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Und noch ein Problem hängt an der mit EU-Geld subventionierten Milch: Die Überschüsse gehen als Milchpulver nach Afrika, wo sie – wie die Hühnchen – den dortigen Markt zerstören. Also Sojamilch in den Kaffee? Moment. Erst noch eine Frage zum Kaffee.

Trinkt die Coffee-to-go-Gesellschaft ökologisch sinnvoll aus dem Recycling-Pappbecher, der hinterher wieder Müll wird? Oder wäre eine Tasse besser, die mit Putzmittel und Wasser gereinigt in die Weiterverwendung zurückgeht? Auch hier: keine einfache Antwort. Einerseits liegen Einwegbecher in der Öko-Gesamtbilanz laut einer niederländischen Studie um rund 20 Prozent vor Tassen oder Bechern aus Keramik. Andererseits hänge das vom Gebrauch der Keramikprodukte ab. Nutzt man die fünf Mal ohne zwischendurch zu spülen, beginnen sie, umweltverträglicher zu werden.

Aber zurück zur Sojamilch im Kaffee: Sie könnte eine gute Idee sein, wäre Soja nicht eine Stufe zuvor schon völlig unmöglich geworden. Weil die Hochleistungsnutztiere, allen voran die Fleischrinder, Hochleistungsfutter benötigen, erhalten sie Soja. Das kommt meist aus Südamerika, wo für den Anbau Wald- oder Savannenflächen urbar gemacht oder bestehende Agrarflächen umgenutzt werden. Folge: Andere landwirtschaftliche Produkte werden verdrängt, deren Preise steigen, und für die ärmere Bevölkerung wird der Einkauf zum Problem. Auch der Sojamilchtrinker macht sich also am Ende mitschuldig am Elend der anderen. Zum Weglaufen. Apropos!

BEKLEIDUNG

Bewegung ist zweifelsfrei gesund, aber die als naturnah beworbene Outdoor-Bewegung ist nicht gänzlich naturnah. Die Stoffe der dazugehörigen regenfesten und atmungsaktiven Funktionskleidung enthalten perfluorierte und polyfluorierte Kohlenwasserstoffe, chemische Verbindungen, die sich schwer wieder abbauen. Wie die Umweltschutzorganisation Greenpeace 2012 feststellte, lassen sich Spuren davon vom Schnee in den Alpen bis in die Tiefsee hinein nachweisen. Und vor allem in den chinesischen Flüssen, denn die meisten Funktionsjacken werden in China hergestellt. Eine ökologischere Alternative zur Winter-Funktionskleidung wären Pelze – aber die gehen aus anderen Gründen nicht. Dasselbe Dilemma findet sich auch beim Leder. Leder ist einerseits Haut toter Tiere, aber Kunstleder ist der Sondermüll von morgen.

Auch der normale Müll ist ein Problem. Einkaufen ist zum Hobby geworden. Seit die Menschen nicht mehr ganztags mit Überleben beschäftigt sind, haben sie Langeweile. Shopping hilft wenigstens zeitweise dagegen. 80 neue Kleidungsstücke kauft sich jeder Deutsche im Jahr. Das geht, weil die Waren billig sind, und billig sind sie, weil sie in der Regel in Bangladesch, Indien oder China und oft in ausbeuterischen und sogar lebensgefährlichen Verhältnissen hergestellt werden. Im April starben mehr als 1000 Näherinnen, als das Fabrikgebäude Rana Plaza bei Dhaka einstürzte. Das alles macht Shopping fragwürdig. Und dann braucht die Beute des jüngsten Einkaufsbummels Platz, also muss Altes weichen. Gerne fliegt es in eine der Altkleiderboxen. Der Altkleidersammlungsinformationsdienst „Fairverwertung“ hat für die dort anfallenden Mengen ein eindrückliches Bild gefunden: Wenn man die Kleidersäcke, die jedes Jahr zusammenkommen, in Lkw packte, wären das 47 000 Lkw, eine Schlange von Kiel bis München. Und diese Mengen an Klamotten kommen dann weniger wohltätigerweise Bedürftigen zugute, sondern sind vor allem ein millionenschweres Geschäft. Der Großteil wird von Verwertungsfirmen aufgekauft und weitervermittelt, meist nach Afrika. Anfangs hieß es, die einheimische Textilbranche werde dadurch zerstört. Dann hieß es, das stimme nicht, die Textilbranche etwa in Tansania sei hochsubventioniert gewesen und erst an Subventionsstreichungen zugrunde gegangen. Inzwischen flutet Billigware aus Asien auch Afrikas Märkte. Und „Mitumba“, wie die europäischen Altkleider in Afrika heißen, zeigt gute Seiten: Diese Kleidung ist für jeden bezahlbar. Und vom Aussortieren bis zum Umnähen sind neue Arbeitsplätze entstanden. Was ja etwas Ähnliches wie eine klare Antwort wäre. Die allerdings für den Elektromüll schon nicht mehr gilt.

ELEKTROGERÄTE

Wohl kaum ein Haushalt in Deutschland, in dem keine ungenutzten Elektrogeräte vor sich hin dämmern. Ein Klassiker dürfte der Brotbackautomat sein. Bei Umzügen oder Großaufräumaktionen fliegen die Geräte rituell auf den Müll. Ergebnis: 600 000 Tonnen Elektroschrott fallen in Deutschland jährlich an. Meist wird er zur Entsorgung in Entwicklungsländer verschifft, wo er beim Verbrennen giftige Dämpfe abgibt und die Menschen dort krank macht.

Insgesamt wird gerne festgestellt, dass moderne Elektrogeräte beim Stromsparen helfen. Da moderne Geräte – beispielsweise extraenergieeffiziente Kühlschränke – meist in Haushalten vorkommen, die über gutes Einkommen verfügen, wird dieser Effekt aber dadurch wieder bedroht, dass sich die Anzahl der Elektrogeräte in eben diesen Haushalten vervielfacht hat, dass am Ende also gar kein Strom gespart wird. Davon abgesehen kommen viele dieser Geräte aus China, einem Giganten der schmutzigen Kohleenergie. Eins der sich neuerdings verbreitenden Elektrogeräte ist jedenfalls das E-Book, mitsamt der an ihm hängenden Frage, ob man damit eher den Wäldern die Abholzung für den Buchdruck erspart oder die Verlage ruiniert? Die Antwort steht aus, und schon soll einem anderen Elektrogerät die Zukunft gehören: dem Elektroauto. Keine Emissionen, kein Krach. Wird mit ihm endlich alles gut? Leider auch nicht. Wie das Freiberger Ökoinstitut Ende 2012 in einer Untersuchung festgestellt hat, ist die Klimabilanz von Elektrofahrzeugen nur dann ausgewogen, wenn zusätzliche Kapazitäten erneuerbarer Energien in den Strommarkt gebracht werden. Solange die erneuerbaren Energien nur ein Viertel der Stromerzeugung bestreiten, ist für den Betrieb der Elektroautos Strom aus fossilen Brennstoffen nötig – und die Emissionsfreiheit dahin. Auch die Frage nach der Speichertechnik ist nicht geklärt: Derzeit üblich sind Lithium-Ionen-Batterien, deren Herstellung rohstoffintensiv und deren Recycling problematisch ist. Wenn man die dabei entstehenden Emissionen dem Elektroauto anrechnet, liegt es ökologisch mit dem Verbrennungsmotor etwa gleichauf.

ENERGIE

Löse niemals ein Problem, indem du ein neues erzeugst. So steht es in einer Präsentation der Fraunhofer Gesellschaft zur Ökobilanz der Photovoltaik, und das lässt bereits ahnen, dass auch hier keine reine Freude zu erwarten ist. Stattdessen steht dem umweltfreundlichen Strom, den die Solarmodule herstellen, deren extrem aufwendige Herstellung gegenüber, angefangen bei der Siliziumgewinnung aus Quarz bis zur Herstellung der Zellen, die den Einsatz von Schwermetallen erfordert. Auch beim Recycling der Solarzellen gibt es Probleme. Verglichen mit der Gesamtökobilanz von Atomkraftwerken allerdings ist die Photovoltaik sauber – und die Technik wird ja auch immer besser.

Immer schlechter ging es dagegen mit E10, dem Ökosprit. Anfang 2011 auf den Markt geschoben als bessere Variante des Normalbenzins, wurde es vom Verbraucher boykottiert. Weniger aus technischen, denn aus psychologischen Gründen. Man wollte sich nicht bevormunden lassen. Aber auch inhaltlich fand sich alsbald Kritik. E10 ist ein Benzin mit einem höheren Bioethanolanteil. Früher wurde Bioethanol aus Biomasse hergestellt, aus abbaubarem Abfall, etwa den Agrarüberschüssen der Industrieländer – gerne Mais und Zuckerrohr. Inzwischen wird die Biomasse aber extra angebaut, Monokulturen entstehen, in Deutschland wächst besonders die Fläche für Maisanbau. Dieselben Probleme gibt es beim Biodiesel. Greenpeace hat Ende August bei sechs Tankstellen in Klagenfurt, Innsbruck und Wien Diesel-Proben genommen und testen lassen. Ergebnis: Alle Proben wiesen einen hohen Anteil an Palmöl auf. Im Vergleich zu Testergebnissen von 2008 habe sich der Palmöl-Anteil im Jahr 2013 von maximal fünf Prozent auf bis zu 60 Prozent vervielfacht. Die Erhöhung des Biodiesel-Anteils ist aus Greenpeace- Sicht also nur mit dem Import von Palmöl möglich, für dessen Gewinnung gigantische Flächen Urwald abgeholzt werden.

TOURISMUS

Der Widerspruch, in dem die Industrieländerbürger leben, lautet, dass sie vielleicht in der Natur am glücklichsten sind, dass sie die aber in dem Moment, in dem sie die betreten, schon zerstören. Allein die Urlaubsanreisen und -abreisen belasten das Klima. Laut WWF trägt der Tourismus zur Erderwärmung mit rund fünf Prozent der Treibhausgasemissionen bei. Von zertrampelten Korallenriffs ganz geschwiegen. Also für den kleineren CO2-Fußabdruck die Ferien im Spaßbad verbringen? Auch doof. Und sind es denn nicht erst die Touristen, die Tierreservate oder Naturschutzgebiete attraktiv machen, weil sie kommen und Geld ausgeben? Pest oder Cholera. Sogar im Urlaub.

Ein Fazit dieser wahllosen Aufzählung dürfte sein, dass die Bewohner der Industriegesellschaften sich häufiger im Verzicht üben sollten. Motto: Keine Wahl ist auch eine Wahl. Dieser Schluss gilt natürlich nicht für den morgigen Wahlsonntag.

– zusammengestellt von Fatina Keilani und Ariane Bemmer

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