Die Wulff-Affären : Vom Hauskredit bis zum Bobbycar

09.02.2012 10:31 UhrVon Antje Sirleschtov, Jost Müller-Neuhof
Foto: dpa

Die Vorwürfe gegen Christian Wulff sind zahlreich. Dabei fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Welches Gewicht haben die Anschuldigungen?

Seit neun Wochen steht Christian Wulff nun schon im Scheinwerferlicht einer kritischen Öffentlichkeit. Die Vorwürfe türmen sich auf – von Krediten für sein privates Haus über umstrittene Upgrades in Flugzeugen bis hin zu der Frage, ob der ehemalige Ministerpräsident von Niedersachsen im Jahr 2010 das Parlament in Hannover belogen hat.

Urlaub auf Sylt

Beim neuesten Vorwurf geht es um seine Beziehung zu dem Berliner Medienunternehmer David Groenewold. Der Filmproduzent hatte Ende Oktober 2007 mit Wulff und seiner Frau Bettina Urlaub im „Hotel Stadt Hamburg“ auf der Nordseeinsel Sylt gemacht und die Gesamtrechnung per Kreditkarte bezahlt, berichtete die „Bild“-Zeitung am Mittwoch.

Dass Groenewold Christian Wulff dadurch einen persönlichen Vorteil verschafft haben könnte, wies Wulffs Anwalt Gernot Lehr scharf zurück. Wulff habe, so Lehr, den ihn betreffenden Teil der Rechnung bei der Abreise in bar an Groenewold bezahlt. Doch es gibt noch einen weiteren Verdacht, über den die Zeitung schreibt – den der Vertuschung einer Vorteilsnahme. Groenewold hat nämlich am 16. Januar 2012, also knapp fünf Jahre nach dem Urlaub mit Wulff, im „Hotel Stadt Hamburg“ angerufen, eine Kopie der damaligen Rechnung sowie die Zusage des Hotelpersonals erbeten, keine Informationen über den Urlaub an Journalisten herauszugeben. Das hat Hoteldirektor Bernd Knochenhauer am Mittwoch auch bestätigt. Genauso wie einen persönlichen Besuch Groenewolds am 19. Januar. „Wir geben nie Rechnungskopien auf Anruf heraus“, sagt der Hotelmanager, weshalb der Wulff-Freund Groenewold die Kopie persönlich abgeholt habe. Berichte über einen Versuch des Unternehmers, Quittungen, Meldescheine und Ähnliches an sich zu nehmen, wies der Hoteldirektor jedoch zurück. „Weder hat Herr Groenewold das verlangt, noch hätten wir einem solchen Ansinnen stattgegeben“, sagte Knochenhauer am Mittwoch. Dass sich der Filmproduzent Groenewold von der Freundschaft zum Ministerpräsidenten Wulff geschäftliche Vorteile versprach, wies auch dessen Anwalt zurück und drohte mit presserechtlichen Konsequenzen. Weder sei Groenewold an der in Rede stehenden Landesbürgschaft beteiligt gewesen, noch sei diese überhaupt zum Tragen gekommen.

Groenewolds Anwalt Christian-Oliver Moser sagte dem Tagesspiegel, er habe diesem geraten, sich die Hotelquittung zu besorgen: „Wir wollten die Situation von damals auf Sylt aufklären und dokumentieren, falls es weitere Anfragen der Presse dazu gibt. Aus dem gemeinsamen Aufenthalt haben wir gegenüber der Presse nie ein Geheimnis gemacht. Deshalb gab ich meinem Mandanten den Rat, sich eine Kopie der Rechnung zu besorgen. Die Originalrechnung konnte er mehr als vier Jahre später nicht mehr finden. Herr Groenewold hatte ohnehin einen Termin auf Sylt, deshalb passte ihm das gut.“

Fazit: Die Staatsanwaltschaft Hannover untersucht, ob ein Anfangsverdacht für eine Vorteilsnahme durch Wulff und den Versuch der Vertuschung dessen gegeben ist. Der Fall Groenewold ist noch nicht ausgestanden.

Hauskredit I

Am 13. Dezember 2011 war bekannt geworden, dass Wulff für die Finanzierung seines Hauses im niedersächsischen Burgwedel 2008 einen Kredit von der Ehefrau des Unternehmers Egon Geerkens über 500 000 Euro erhalten hatte. Anlass der Kreditaffäre ist eine Aussage Wulffs 2010 vor dem niedersächsischen Landtag. Zwei Abgeordnete der Grünen wollten vom damaligen Ministerpräsidenten wissen, ob Wulff geschäftliche Beziehungen zum Unternehmer Geerkens oder einer Firma mit seiner Beteiligung habe. Wulff verneinte das. Mittlerweile ist bekannt, dass das formal zwar korrekt gewesen sein mag, dass Egon Geerkens jedoch sowohl wirtschaftlich als auch bei der Abwicklung des Kredits hinter seiner Frau Edith gestanden hat. Wulff hat den Kredit der Geerkens’, die er als alte Freunde der Familie bezeichnet, später bedauert und auch erklärt, die Anfrage der Grünen im Landtag 2010 zwar „korrekt beantwortet“ zu haben. Dennoch sehe er inzwischen, „dass hier ein falscher Eindruck entstehen konnte“.

Fazit: Tauchen keine neuen Sachverhalte in dieser Sache auf, ist die Hauskredit-Affäre I für Wulff juristisch wohl ausgestanden.

Hauskredit II

Im Zusammenhang mit dem Haus steht eine zweite Affäre. Dabei handelt es sich um die Ablösung des Privatkredits durch eine Finanzierung bei der Baden-Württembergischen Landesbank, der BW- Bank. Wiederum auf Vermittlung des Unternehmerfreundes Geerkens schloss Wulff kurz nach Bekanntwerden des Privatkredits im März 2010 eine Finanzierung über rund 500 000 Euro in Form eines so genannten rollierenden Geldmarktdarlehens ab. Dabei handelt es sich um ein kurzfristiges Darlehen (meist ein bis drei Monate), bei dem der Darlehensnehmer nur den Basiszins Euribor plus eine Bankmarge bezahlt. Diese Zinsen waren nach der Finanzmarktkrise gerade 2010 außerordentlich niedrig (zwischen 0,3 und 2 Prozent). Wulff musste dafür allerdings das Risiko plötzlicher Zinssprünge tragen. Experten gehen davon aus, dass nur vermögende Kunden oder solche mit guten Beziehungen so einen Kredit erhalten. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart prüfte, ob die BW-Bank Wulff eine Finanzierung zu Vorzugskonditionen eingeräumt hatte, das Gleiche prüfte intern auch die BW-Bank selbst. Das Ergebnis: Die Staatsanwälte sahen keinen Anfangsverdacht. Die bankinterne Prüfung ergab, Wulff habe das Darlehen zu durchaus banküblichen Zinsen erhalten.

Fazit: Der Anschein einer Vorteilsnahme durch Christian Wulff mag bis heute bestehen, juristisch ist die Hauskredit-Affäre II wahrscheinlich ausgestanden.

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