Digitales Leben : Unser täglich Netz

Für viele von uns ist der digitale Alltag eine Art zweites Leben, das sich fundamental vom ersten Leben unterscheidet, das vor etwa 20 Jahren beendet wurde. Ein Kommentar zur Tagesspiegel-Serie "Digitales Leben".

Arno Makowsky
"Mein digitales Leben" ist der Titel einer Serie im Tagesspiegel.
"Mein digitales Leben" ist der Titel einer Serie im Tagesspiegel.Foto: Karl Grünberg

Sebastian überwacht mit dem Handy seine Pflanzen. Christina schreibt Krimis auf Twitter. Sabia, 13, erweckt seine Legofiguren mit einer speziellen Software zum Leben. Sarah berichtet auf einem Blog über den Alltag mit ihren Kindern. Und Elisabeth, 76 Jahre alt, sagt: „Das Internet ist das Tor zur Welt, auch wenn man selbst nicht mehr laufen kann.“

Sebastian, Christina, Sabia, Sarah und Elisabeth kennen wir alle. Sie sind unsere Freunde, Kollegen, Nachbarn. Sie sind Teil eines weltumspannenden digitalen Lebensstils, den wir längst alle praktizieren. Kann sich jemand daran erinnern, wann er oder sie morgens nicht schon vor dem Frühstück die erste Mail gecheckt, die erste App geöffnet hat? Wann er oder sie bei sämtlichen Fragen des Alltags – gegen wen spielt der FC Bayern nächsten Samstag, wo wird diese Ausstellung über August Macke eröffnet – nicht automatisch Google befragt? Ein Leben ohne Smartphone ist für die meisten von uns unvorstellbar.

Ist das nun gut oder schlecht? Genauso könnte man fragen, ob es gut ist, dass es Autos gibt oder Rollkoffer-Touristen am Hackeschen Markt. Es ist so, und es wird sich nicht mehr ändern. Informatiker der Universität Bonn haben herausgefunden, dass Smartphonebesitzer 53 mal am Tag ihr Handy kontrollieren. Durchschnittlich. Teenager, Journalisten und andere Internet-Junkies tun es mutmaßlich doppelt so oft.

Die Alternative heißt: ein bewusster Umgang mit den fast unbegrenzten digitalen Möglichkeiten

Für viele von uns ist der digitale Alltag eine Art zweites Leben, das sich fundamental vom ersten Leben unterscheidet, das vor etwa 20 Jahren beendet war. Damals gab es Schnurtelefone, herunterkurbelbare Autofenster und die Pet Shop Boys auf dem Walkman. Also, bitte: keine Verklärung, das ist alles besser heute. Außerdem verfährt man sich nicht mehr dauernd, seitdem es Navis gibt.

In unserem zweiten Leben tun wir ständig Dinge, deren Bedeutung wir vor 20 Jahren noch nicht kannten: mailen, simsen, scrollen, downloaden, einloggen, liken. Heute sind wir immer: on. Vor dem Job, nach dem Job, noch im Schlaf hören wir das Handy in der Küche piepen, und wenn die Menschen morgens auf die U-Bahn warten, sind ihre Gesichter beschienen vom kalten Licht der Displays. Das ist die Kehrseite, die manche in den Wahnsinn oder in den Burnout treibt. „Digital detox“ nennen es die Amerikaner.

Auf das Smartphone zu verzichten, ist für die meisten im Alltag nicht möglich und auch nicht wünschenswert. Die Alternative heißt: ein bewusster Umgang mit den fast unbegrenzten digitalen Möglichkeiten. Ausloten, was zu mir passt, was mir nützt – und was mir schadet. Auch wenn es wie ein Widerspruch klingt: Es gibt sogar Apps, die Suchterscheinungen zu bekämpfen helfen. Die meisten sorgen dafür, dass bei übermäßigem Konsum das Handy signalisiert: „Entspann dich, dein Gerät hat jetzt Pause.“

Der Tagesspiegel beginnt heute eine Serie mit dem Titel „Mein digitales Leben“. In den Reportagen geht es nicht um Technik, sondern um ganz normale Menschen und wie sie ihren Alltag mit dem Netz leben. Es sind faszinierende Geschichten, zum Beispiel die von Sebastian, Christina, Sabia, Sarah und Elisabeth. Sie beweisen, dass die Digitalisierung nicht des Teufels ist, sondern vieles im Alltag leichter, besser, interessanter macht.

Wenn man eines dabei nicht vergisst: Das wahre Leben spielt sich nicht im Internet ab.

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