Diktatur der Software : Der Morgen des Überwachungskapitalismus

Eine Versicherung will den Lebenswandel ihrer Kunden per App erfassen. Das ist nur der Anfang. Unser Gastautor Christopher Lauer berichtet von der Front und kommt zu dem Schluss: Es ist Zeit für Verbote.

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Apple is watching you: Mit der "Apple Watch", einer Uhr, die den Puls messen und die Schritte zählen kann, liefert Apple ein Stück Hardware zur (Selbst-)Überwachung.
Apple is watching you: Mit der "Apple Watch", einer Uhr, die den Puls messen und die Schritte zählen kann, liefert Apple ein Stück...Foto: AFP

Jetzt mal angenommen, Sie stehen im Supermarkt an der Kasse, wollen grade zum Portemonnaie greifen und statt Ihnen eine Rechnung zu präsentieren, sagt der Kassierer, Sie könnten auch an einer Umfrage teilnehmen und den Einkauf dadurch bezahlen. Würden Sie das machen? Würden Sie Fragen zu Ihrer sexuellen Orientierung, zu Ihrem Vermögen, zu Ihren Vorlieben und Abneigungen, zu Ihrem Lebensstil beantworten, um Ihren Wocheneinkauf für vermeintlich umsonst zu bekommen? Vielleicht gäb’s noch ein lustiges Plüschtier oder ein Messerset als Werbegeschenk dazu. Das wär doch super, oder?

Der Fall Generali zeigt: Das Gesundheitssystem wird zertrümmert werden

Die meisten Menschen würden, hoffe ich, so was als totalen Quatsch abtun und darauf bestehen, an der Kasse mit Geld zu bezahlen, um dann ihre Kundenkarte zu zücken und sich zumindest so vermessen zu lassen. Was früher als harmloser Punktesammelspaß daherkam, zieht immer weitere Kreise: Der größte Versicherer Europas, Generali, kündigt an, Menschen, die sich selbst durch sogenannte Gesundheitsapps überwachen lassen, Rabatte und Boni bei der Krankenversicherung zu gewähren. Es passiert also genau das, was ich im Sommer angesichts der Einführung der Apple-Watch und Apples „Health App“ angekündigt habe: Das Gesundheitssystem, wie wir es kennen, wird zertrümmert werden.

Die Idee der Krankenversicherung war es nie, dafür zu sorgen, dass sich Leute gesund verhalten. Sie war es, dass Leute nicht sterben, wenn sie krank werden. Die Solidarität wird jetzt durch die Identifikation eines vermeintlichen Individualversagens ersetzt.

Christopher Lauer ist Mitglied des Abgeordnetenhauses Berlin. Er war Mitglied der Piratenpartei und zuletzt deren Berliner Landesvorsitzender. Im September hat Lauer seinen Austritt aus der Partei erklärt.
Christopher Lauer ist Mitglied des Abgeordnetenhauses Berlin. Er war Mitglied der Piratenpartei und zuletzt deren Berliner...Foto: dpa

Dabei kommt Generalis System erst mal harmlos daher, es ist ja freiwillig. Es wirkt auf den ersten Blick wie ein tolles Anreizsystem, ich mach’ meine Übungen, lass’ mich vermessen, bekomme ’nen Rabatt oder ein lustiges Geschenk, alles tipptopp. Dass die Versicherung dadurch für alle teurer wird, die an diesem freiwilligen Vergnügen nicht teilnehmen, ist zwar nicht offensichtlich, aber Tatsache. Und wenn man schon mal damit anfängt, den Preis der Krankenversicherung durch persönliche Daten zu individualisieren, warum dort haltmachen? Man hat doch auch Bewegungsdaten. Die könnte man, total praktisch, doch mit dem Kriminalitätsatlas der Stadt Berlin vergleichen. Wer also eine Versicherung gegen Diebstahl und Raub abschließt, fährt günstiger, wenn er sich nur durch die sicheren Teile einer Stadt bewegt. Biste ja selbst schuld, wenn du dich in ein Gefahrengebiet begibst. Halt dumm für die, die dort wohnen, aber wo gehobelt wird, da fallen Späne. Und warum sollten dicke Menschen nicht mehr für ein Busticket bezahlen, wenn der Bus durch ihr Übergewicht doch mehr Kraftstoff verbraucht? Warum müssen die Dünnen die Dicken quersubventionieren?

Überwachungskapitalismus heißt: Was der Algorithmus produziert, wird als Realität deklariert

Alles was individuell angepasst werden kann, wird individuell angepasst werden. Die Kreditwürdigkeit, der Preis für eine Reise, ein Mietfahrzeug oder die Bestellung beim Lieferservice. Das Prinzip lässt sich unendlich weiterspinnen, am Ende geht es immer um dasselbe: Die Daten, die wir täglich produzieren, werden in Algorithmen gepumpt, deren Wirkmächtigkeit einfach mal so behauptet wird, und die Aussagen, die dieser Algorithmus dann trifft, werden als Realität deklariert. Willkommen im Überwachungskapitalismus.

Der Begriff Überwachungskapitalismus wurde durch die US-amerikanische Wissenschaftlerin Shoshana Zuboff geprägt und von ihr wie folgt definiert: Die durch uns produzierten Daten sind Güter. Sie werden durch Überwachung produziert. Diese Überwachungsgüter haben einen Wert, sind also Überwachungskapital. Es entsteht ein Überwachungskapitalismus, in dem unser Verhalten zur Ware wird. 2015 wird ein Buch Zuboffs über den Überwachungskapitalismus erscheinen.

Mit seiner Ausgabe vom 13. September dieses Jahres veröffentlichte der „Economist“ einen Special Report zum Thema Werbung und Technologie mit der markanten Überschrift „Surveillance is advertising’s new business model“. Übersetzt heißt das so viel wie: Überwachung ist das neue Geschäftsmodell der Werbung. Auf zwölf Seiten wird das technisch Mögliche eines Teils dieser neuen Überwachungsindustrie beschrieben. Einfach ausgedrückt: Alle Informationen, die Sie bei der Nutzung Ihrer Elektronik produzieren, sind bereits Ware. Es ist möglich Männer mit Beziehungsproblemen zu identifizieren, weil sie nach Schokolade und Blumen suchen, Menschen mit Schulden, weil sie sich über die Durchführung einer Privatinsolvenz informieren. Wenn ich also an dieser Stelle über den entstehenden Überwachungskapitalismus schreibe, ist das kein Zwischenruf aus dem Elfenbeinturm, es ist ein Bericht von der Front.

Die Probleme, die entstehen, sind mannigfaltig und liegen auf der Hand: Aktiv in die Nutzung einer Kundenkarte einzuwilligen und sie beim Einkauf aus eigener Entscheidung zu zücken ist das eine. Nicht zu wissen, welche Aussagen ein Algorithmus durch das Ansurfen einer Webseite oder durch das Verwenden eines Suchbegriffes trifft das andere. Habe ich wirklich HIV, oder informiere ich mich nur für ein Schulreferat darüber? Habe ich selbst Schulden oder suche ich einfach viel nach dem Begriff, weil ich Schuldnerberater bin? Bin ich Alkoholiker oder suche ich seit Stunden nach dem einen Wein, den ich vor fünf Jahren im Urlaub in Spanien trank und danach nie wieder gefunden habe? Das wird insbesondere dann zum Problem, wenn einmal falsche Informationen gespeichert wurden, ohne dass der Betroffene überhaupt weiß, dass sie gespeichert wurden. Wir wissen momentan schlichtweg nicht, wann wer welche Daten wie erhebt und wie diese dann weiterverarbeitet werden.

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