Diskriminierung : Wie geht es Homosexuellen in Deutschland?

"Das ist auch gut so!" – und nun? Viele Männer und Frauen tun sich auch zehn Jahre nach Wowereits Outing schwer damit, offen schwul oder lesbisch zu sein.

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Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Hunderttausende tanzten am Samstag beim Christopher Street Day durch die Straßen Berlins, und mit der WM der Frauen wird intensiv über Homophobie im Fußball diskutiert. Das Thema Homosexualität ist präsent wie selten. Aber der Umgang damit bleibt verkrampft.

Wie respektiert fühlen sich Lesben und Schwule in Deutschland?

Das kommt ganz darauf an, wo man gerade ist. In den großen Städten, allen voran Berlin, können Lesben und Schwule so offen leben, wie es noch vor zwei Jahrzehnten völlig undenkbar gewesen wäre. Der Freund, die Freundin kommt mit zum Betriebsfest, die Kollegen zeigen sich aufgeklärt und tolerant, die Eltern lieben und akzeptieren ihre homosexuellen Kinder. Nicht zuletzt hilft eine riesige Infrastruktur für Lesben und Schwule: vom Reisebüro bis zum Altersheim.

Eine neue Selbstverständlichkeit also? Auf dem Land sieht es ganz anders aus. Unlängst zeigte ein Dokumentarfilm des WDR, wie sehr sich lesbische und schwule Jugendliche in der Provinz verleugnen müssen, wie sehr sie gehänselt werden.

Auch gibt es Anzeichen, dass die heile Homo-Welt der Städter womöglich eine trügerische ist. „Schwule Sau“ und „Schwuchtel“ sind auch auf Berliner Schulhöfen Schimpfwörter Nummer eins. Nicht zuletzt deswegen will der Senat das Thema Homosexualität in der Grundschule behandelt wissen. Selbst in Kreuzberg auf der Oranienstraße kann es passieren, dass ein Schwuler, der vor einer Szene-Bar sitzt, beschimpft wird. Das Gefühl, bei einem öffentlichen Kuss latent bedroht zu sein, schwingt bei einigen Homos immer mit – Heteros dürfte das fremd sein. Und schließlich gibt es zwischen Respekt und Selbstverständlichkeit Unterschiede. Dass mit dem Satz „Ich besuche meine Schwester und meine Schwägerin“ der Besuch bei einem Lesbenpaar gemeint sein könnte, muss doch meistens erklärt werden.

Wichtig ist auch die Frage: Ist jemand schwul, lesbisch, bi- oder transsexuell (so die Abkürzung für alle Menschen, die zwischen den Geschlechtern stehen)? Letztere werden ohnehin vom öffentlichen Diskurs vernachlässigt. Aber auch Lesben werden in den Medien marginalisiert, wie die Münchner Kommunikationsforscherin Elke Amberg in einer Studie schreibt: „Die Berichterstattung über Homosexuelle dominieren schwule Männer.“ Lesben dürften nur vorkommen, wenn sie gut aussehen oder Mütter sind – wenn sie also dem traditionellen Bild einer heterosexuellen Frau entsprechen. Die Kulturwissenschaftlerin Claudia Bruns von der Humboldt-Universität (HU) Berlin spricht von einem „Bonus für Schwule“, die als „elegant, geschmackvoll und kultiviert“ wahrgenommen würden. Das öffentliche Bild der Frau, die eine Frau liebt, sei dagegen „denkbar ungünstig“.

Wird das Thema Homosexualität in unserer Gesellschaft offen genug behandelt?

Es geht darum, dass alle ihre Eignungen und Neigungen auf vielen Gebieten entfalten können, unabhängig von den Erwartungen der Gesellschaft. Davon profitieren Homo- und Heterosexuelle. Derzeit ist allerdings beim Thema Geschlechterrollen ein konservatives Rollback zu spüren. Man denke an die „Jungs-sollen-wieder-Jungs- sein“-Debatte. Mancher empfindet auch den rosa Wahnsinn für kleine Mädchen in den Spielzeuggeschäften als Anzeichen dafür.

Fühlen sich Schwule und Lesben, wenn sie als solche angesprochen werden, auf ihre Sexualität reduziert?

Niemand will das, auch Heterosexuelle nicht. Doch es gibt unterschiedliche Maßstäbe in der Wahrnehmung: Sagt eine Frau, dass sie mit ihrem Freund am Wochenende einen Ausflug gemacht hat, wird das nicht als Statement in Sachen sexuelle Orientierung wahrgenommen. Sagt ein Schwuler denselben Satz, „bekennt“ er sich zu seinem Schwulsein. Womöglich wird ihm sogar unterstellt, er ginge mit seiner Sexualität hausieren. Lesben und Schwule wägen daher oft ab, wie und wann sie die eigene Homosexualität im Gespräch thematisieren.

Was ist im Kampf um Gleichberechtigung erreicht worden, wo herrscht Unrecht?

Dafür, dass erst 1969 die Strafbarkeit männlicher Homosexualität abgeschafft wurde, ist viel erreicht worden. Weibliche wurde im Gesetz nicht erwähnt, weil Frauen eine selbstbestimmte Sexualität nicht zugestanden wurde. Seit 2002 können Lesben und Schwule in Deutschland eine eingetragene Partnerschaft eingehen, die „Homo-Ehe“. Allerdings bleibt diese eine Ehe zweiter Klasse. Kritiker bemängeln, dass das Ehegattensplitting für sie nicht gilt. So profitiert ein lesbisches Paar mit Kindern nicht von Steuervorteilen, kinderlose Hetero-Paare dagegen schon. Auch bei Adoptionen sind Homosexuelle benachteiligt. Zwar dürfen Lesben und Schwule das leibliche Kind ihrer Partnerin oder ihres Partners adoptieren. Aber gemeinsam ein fremdes Kind anzunehmen, ist ihnen verboten. Gerade CDU und CSU beharren entgegen zahlreicher Untersuchungen darauf, dass Kinder Mutter und Vater brauchen – obwohl etwa eine Studie im Auftrag des Bundesjustizministeriums belegte, dass Kinder in Regenbogenfamilien genauso gut heranwachsen wie in anderen Konstellationen.

Gehört das Thema Homosexualität in den Unterricht an Grundschulen?

Natürlich. Grundschüler haben noch nicht die Vorurteile von Jugendlichen und sind daher dem Thema gegenüber viel aufgeschlossener. Das ist Konsens unter Pädagogen. Daher gehörte es auch zu der 2009 vom Abgeordnetenhaus beschlossenen Initiative „Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“ (ISV), Unterrichtsmaterial über Homosexualität für die Grundschulen zu entwickeln. Dennoch wird diskutiert, ob Grundschüler darüber sprechen sollten. Die Debatte verweise darauf, dass Homosexualität eben doch noch nicht im Mainstream angekommen sei, sagt die Kulturwissenschaftlerin Claudia Bruns. Dies gelte umso mehr, als Homosexuelle im „Standard-Schulbuch“ nicht zu finden seien.

Hat das Outing von Prominenten wie Klaus Wowereit und Anne Will etwas für mehr Toleranz bewirkt?

Die Sichtbarkeit von Homosexuellen werde durch Prominente extrem verstärkt, sagt Jörg Steinert vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD) in Berlin: „Sie zeigen, dass auch Lesben und Schwule Leistungsträger sind.“ Gerade das Outing von Klaus Wowereit, der sein Schwulsein mit einer starken, positiven Botschaft verband („Das ist gut so“), habe noch immer eine Strahlkraft. Diese reiche bis ins Ausland, sagt Steinert. Homo-Gruppen aus repressiven Staaten wie Russland staunten immer wieder, dass in Deutschland Politiker so offen schwul agieren können.

In welchen Bereichen ist Homosexualität am stärksten tabuisiert?

„Mit einem Analritter dusch ich nicht“, gab ein Fußballer in einer neuen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu Protokoll. Die Studie bestätigte, dass Homophobie im Umfeld von Deutschlands beliebtestem Spiel besonders verbreitet ist. Das gilt für den gesamten Sport. In dessen archaischem Rollenverständnis, wo Mann gegen Mann kämpft, wird Homosexualität als Schwäche gewertet. Es gibt nur einen einzigen offen schwulen Goldmedaillengewinner bei Olympischen Spielen: den australischen Wasserspringer Matthew Mitcham im Jahr 2008. Auch offen lesbische Sportlerinnen sind die Ausnahme, stehen Sportlerinnen doch unter Druck, ihre Weiblichkeit beweisen zu müssen. Lesbischsein im Frauenfußball ist trotz aller gegenteiligen Beteuerungen ein heikles Thema.

Die Diskussion über Homophobie im Fußball überdeckt, dass es in anderen Bereichen der Gesellschaft wenig besser aussieht. Unternehmensvorstände müssen nach wie vor heterosexuelle Männer sein. Oder die, die sich erfolgreich als solche ausgeben. Selbst in der vermeintlich homofreundlichen Kultur wird die Luft dünn, wenn es nach oben gehen soll. Wo sind die großen, ernst zu nehmenden homosexuellen Schauspielerinnen und Schauspieler? Oder offen schwule Chefredakteure bedeutender Medien? Laut LSVD sind branchenübergreifend 50 Prozent der Homosexuellen im Job ungeoutet, aus Angst vor offenen oder subtilen Diskriminierungen.

Interessanterweise gibt es in der Politik die meisten offen schwulen Spitzenvertreter: Klaus Wowereit, Guido Westerwelle oder Volker Beck von den Grünen. Der Sozialwissenschaftler Andreas Heilmann von der HU Berlin spricht von einer „Normalität auf Bewährung“. Die Politiker müssten ihr Schwulsein aber durch andere eindeutig männliche Verhaltensweisen kompensieren: wie etwa Wowereit durch einen recht machohaften Politikstil. Trotzdem können offen schwule Politiker als untrügliches Zeichen gelten, dass die deutsche Gesellschaft sich grundlegend modernisiert.

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