Doping bei Olympia : Russland hat dem ganzen Sport geschadet

Im Dopingskandal verliert gerade nicht nur Russland, das als Betrüger dasteht. Die olympische Idee wurde beschädigt. Ein Kommentar.

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Die russische Fahne 2014 in Sotschi.
Die russische Fahne 2014 in Sotschi.Foto: dpa

Es muss schon viel auf dem Spiel stehen, wenn ein Staat seinen Geheimdienst ins Rennen schickt. Russland wollte der Welt seine Stärke beweisen, dieses Riesenreich, das doch immer um seinen Platz streiten muss. Und warum nicht mit olympischen Erfolgen, der Medaillenspiegel kann doch nicht lügen?

Siegesgewiss hat der Staat den Sport manipuliert. Aus falschem Ehrgeiz sollte der russische Inlandsgeheimdienst FSB gedopte Athleten vor dem Auffliegen schützen. So belegt es ein Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur. Jetzt wirkt Russland auf einmal ziemlich schwächlich. Und nicht einzelne Athleten stehen als Betrüger da, sondern zuerst der Staat mit seinem Sportministerium, das alles gelenkt hat.

Hilft es da weiter, eine historische Linie in die achtziger Jahre zu ziehen, in die Zeit der Olympiaboykotte in Moskau und Los Angeles 1980 und 1984? Russland zetert jetzt jedenfalls über einen Kalten Krieg im Sport. Es war in der Tat nicht gerade geschickt von der Anti-Doping-Agentur der USA, schon vor der Veröffentlichung des Berichts einen Ausschluss der Russen von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro anzuregen. Auf solche Fehler stürzt sich der russische Sportminister genauso wie auf die Dopingvergangenheit amerikanischer Supersportler wie Lance Armstrong.

Doping in autoritären Systemen: Befehl und Gehorsam

Auch in freieren Gesellschaften findet Doping statt, jede Menge sogar. Aber zumeist privat organisiert. Und somit schwerer nachweisbar, als wenn sich staatliche Stellen bis hin zum Geheimdienst einmischen. Das Doping des Westens folgt der Logik der individuellen Bereicherung. Das Doping in autoritären Regimen der von Befehl und Gehorsam. Packt einer aus der Befehlskette aus wie der langjährige Leiter des Moskauer Doping-Kontrolllabors, kann er das ganze System zum Einsturz bringen.

Der aktuelle Fall hat daher einerseits eine russische Dimension, eine ziemlich tragische. Denn wenn ein Staat einen angeordneten Betrug nötig hat, sagt das doch einiges über sein Selbstbewusstsein aus. Es hat Russland nicht gereicht, bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi ein guter Gastgeber zu sein. Sie mussten auch noch die Besten sein. Auch um den Preis der Manipulation.

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Andererseits lenkt die russische Komponente des Falls von etwas ab: Hier verliert gerade nicht nur Russland. Es ist eine Niederlage des gesamten Sports. Weil die olympische Idee beschädigt wird. Russische Leichtathleten werden schließlich nicht ins olympische Dorf einziehen, nicht in der Mensa mit Athleten aus der ganzen Welt am Tisch sitzen dürfen. Russischen Sportlern aus anderen Sportarten könnte es ähnlich gehen. Kommt das Internationale Olympische Komitee wirklich daran vorbei, die gesamte russische Mannschaft von den Spielen in Rio auszuschließen?

Staatsdoping verhindert Chancengleichheit

Mit solch monströsen Fällen wie dem russischen Staatsdoping ist auch der Schein der Chancengleichheit im Sport nicht mehr aufrechtzuerhalten. Und wieder einmal ist alles nicht durch einen positiven Befund in Blut oder Urin ins Rollen gekommen, also durch das Dopingkontrollsystem. Die meisten prominenten Dopingfälle seit Ben Johnson sind eben nicht innerhalb des Sports aufgedeckt worden. Mal waren es amerikanische Steuerfahnder, mal deutsche Journalisten oder eben russische Whistleblower.

Eine kuriose Gleichzeitigkeit – und da wird es wieder politisch – ist, dass der prominenteste Whistleblower der Welt, Edward Snowden, im russischen Exil lebt. Er hat die Datensucht der USA demaskiert. Und die beiden prominentesten Whistleblower des Sports leben in den USA im Exil, die russische Leichtathletin Julia Stepanowa und eben jener langjährige Leiter des Moskauer Doping-Kontrolllabors, Grigori Rodschenkow. Sie haben die russische Gewinnsucht demaskiert. Es ist eine universale Sucht, das kann sich der russische Sport zugute halten. Und doch verlangt er eine harte Sanktion. Sonst würde der Wettbewerb um olympische Medaillen wertlos.

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