Dorstfeld in Dortmund : Das Hauptquartier der Neonazi-Szene

Aufmärsche, Überfälle, Mordanschläge. Der Dortmunder Stadtteil Dorstfeld ist eine Hochburg der deutschen Neonazi-Szene. Und ein Beispiel dafür, was passiert, wenn sich Staat und Bürger den Rechtsextremisten nicht konsequent entgegenstellen.

von und Toralf Staud
Demonstration der Stärke. 700 Neonazis marschieren im vergangenen September durch die Straßen von Dortmund. Foto: Ullstein Bild
Demonstration der Stärke. 700 Neonazis marschieren im vergangenen September durch die Straßen von Dortmund. Foto: Ullstein BildFoto: ullstein bild

DortmundDer Dortmunder Stadtteil Dorstfeld wirkt wie ein kleines Dorf, obwohl er nur fünf U-Bahn-Stationen vom Zentrum entfernt ist. Im Mittelalter florierte der Flecken, weil er am Übergang einer Handelsstraße über die Emscher lag. Ab 1849 brachte eine Steinkohle-Zeche Arbeit und Wohlstand, aber das ist lange vorbei. Gut 15.000 Menschen wohnen heute in Dorstfeld, das Viertel ist eine etwas trostlose Mischung aus Fachwerkhäusern, Bergbauarchitektur und grauen Plattenbauten. Und es ist die Hauptstadt der neuen deutschen Nazi-Szene.

An Laternenpfählen und Stromkästen haben Rechtsextremisten mit Aufklebern ihr Revier markiert. „Nationaler Sozialismus oder Untergang“ ist darauf zu lesen. Und: „Organisiert die Anti-Antifa“, daneben „Todesstrafe für Kinderschänder“. Jeden Tag werden Aufkleber von Passanten abgerissen, jeden Tag werden wieder neue geklebt. An eine Hauswand ist in Großbuchstaben gesprüht: „Nationaler Widerstand“, daneben das verbotene Keltenkreuz. Mehrere Neonazi-WGs haben sich in dem Stadtteil angesiedelt.

Wer als Journalist nach Dorstfeld kommt, macht schnell Bekanntschaft mit der Szene. Meist dauert es nur eine Viertelstunde, bis der erste Neonazi auftaucht und zum Mobiltelefon greift. Per SMS oder über Twitter wird nach Verstärkung gerufen. Kurze Zeit später beginnt eine ganze Gruppe die Reporter auf Schritt und Tritt zu verfolgen und zu bedrohen. Sie sehen Dorstfeld als ihr Hoheitsgebiet, in dem niemand „Fremdes“ etwas zu suchen hat – kein Migrant, kein Obdachloser, kein Punk und kein Vertreter der „Systempresse“.

Dortmund ist ein beängstigendes Beispiel dafür, was passiert, wenn gut organisierte Neonazi-Kader in eine Stadt ziehen, Polizei und Justiz gemächlich reagieren, auch die Bürger das Problem lange Zeit nicht wahrnehmen – und dafür, wie schwierig es ist, die Nazis wieder loszuwerden, wenn sie erst ihre Strukturen aufgebaut haben.

Bildergalerie: Tagesspiegel-Rechtsextremismusexperte Frank Jansen berichtet von seiner Arbeit

"Die braune Gefahr" - Veranstaltung mit dem Rechtsextremismus-Experten Frank Jansen
Frank Jansen (rechts) erzählte von seinen Recherchen und Erfahrungen zum Thema Rechtsextremismus.
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1 von 5Foto: Kai-Uwe Heinrich
17.02.2012 13:49Frank Jansen (rechts) erzählte von seinen Recherchen und Erfahrungen zum Thema Rechtsextremismus.

Vor allem aber lässt sich in Dortmund besichtigen, was die rechtsextreme Szene momentan gefährlich macht: Neben die altbekannten Skinhead-Gruppen und die NPD ist in den vergangenen Jahren ein neuer Typ Rechtsextremisten getreten, die sogenannten Autonomen Nationalisten, die sich AN abkürzen. Hinter dieser Selbstbezeichnung stecken junge Neonazis, die sich nicht durch eine besondere Ideologie vom Rest der Szene unterscheiden, sondern vor allem durch ihr Äußeres: Sie kleiden sich modern und sportlich, mit ihren Kapuzenpullis, Turnschuhen und Basecaps sind sie für flüchtige Betrachter kaum von anderen Jugendlichen oder linken Autonomen zu unterscheiden.

Die Erkennungszeichen: Kapuzenpullis von Thor Steinar oder Ansgar Aryan und schwarze Outdoorjacken von unpolitischen Marken wie North Face und Jack Wolfskin. Und auf den bunten Ansteckern, die typischerweise an den Basecaps hängen, stehen Nazi-Slogans wie „Frei, Sozial & National“, „Fuck Israel“ oder „Good night left side“.

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