Dreikönigstreffen : Die FDP im Abstiegskampf

Es sollte der Aufbruch in ein besseres Jahr für die FDP werden. Und Parteichef Philipp Rösler legte sich beim Dreikönigstreffen in Stuttgart auch mächtig ins Zeug. Bis eine Nachricht alles veränderte. Am Ende bleibt nur noch Rainer Brüderle gelassen.

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Die Viererkette. In der gibt es keinen Chef mehr. Und auch keinen Spielmacher. Reiner Brüderle neben Patrick Döring, Philipp Rösler und Guido Westerwelle (von links).
Die Viererkette. In der gibt es keinen Chef mehr. Und auch keinen Spielmacher. Reiner Brüderle neben Patrick Döring, Philipp...Foto: dpa

Es ist 12 Uhr 40 am Freitagmittag, und Philipp Rösler ist wahrscheinlich der Einzige, der nichts von der Katastrophe ahnt. Er weiß es schlicht nicht, er hat sein Handy nicht dabei, und selbst, wenn es jetzt in seiner Tasche leise vibrieren würde, drangehen könnte er sowieso nicht. Denn er steht oben auf der Bühne, hinter einem Rednerpult, und soll gerade das Unmögliche vollbringen: die FDP im Stuttgarter Staatstheater aus ihrer Agonie befreien, der Partei in ihrer schwersten Krise mit Umfragewerten von zwei Prozent eine Perspektive geben. Rösler hat ein paar hundert Leute vor sich, und er redet und redet. Schon fast eine Stunde, über Wachstum und Zuwanderung und Zukunft.

Die da unten lesen es per Eilmeldung auf ihren Smartphones um 12 Uhr 40 alle, sie tuscheln, sie reichen ihre Handys weiter, manche drängeln sich aus den Reihen hinaus. Und es ist mehr als ein böses Omen in diesem Augenblick. Es ist Tatsache und ein Sinnbild: Er da oben weiß nichts davon, dass nur ein paar Kilometer entfernt, im Saarland, die Jamaika-Koalition von CDU, Grünen und der FDP begraben wird.

Die Atmosphäre im Parkett und den Rängen wird immer gespenstischer. Wieder eine Regierung weniger, an der sie beteiligt sind. Rösler steht hinter seinem gelben Pult und spricht weiter gegen den sich vor ihm ausbreitenden Schock an: Von den Erfolgen der FDP, weiß er zu berichten, von ihrer Zukunft, dass niemand verzagen soll und dass alles bald besser werden wird.

Eine Viertelstunde später, der FDP-Chef ist zum Ende gekommen mit seiner Rede und verbeugt sich vor den Applaudierenden, wird ihm Patrick Döring, sein Generalsekretär, die Nachricht zuflüstern. Rösler wird kurz erbleichen und den Kopf schütteln. Dann ist er weg. Schlimmer hätte es für ihn an diesem Tag nicht kommen können.

Jeder weiß, dass stimmt, was die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer als Ursache für den Bruch angibt. Schuld hat nur einer: die FDP. Die Stimmung bei den Parteimitgliedern ist mies. In einer angesehenen Wochenzeitung konnten sie dieser Tage bestätigt sehen, wie viel man von ihnen hält. Offen wird dort bezweifelt, dass es die FDP noch braucht. Und Rösler, den ohnehin angeschlagenen Vorsitzenden, verlässt zu allem Ärger nun auch noch das Glück. Vollständig. Denn wer wird sich in vier Wochen noch an diesen Freitag in Stuttgart, der als Aufbruch zum Besseren der FDP gedacht war, erinnern?

Im Saarland zeigt sich nach der Weihnachtspause auf drastische Art, wie ausgezehrt die Liberalen sind. So sehr, dass eine Koalition mit ihnen zu führen, und sei es auch nur eine kleine, nicht mehr möglich erscheint. Man kann das auch als Menetekel sehen. An der Saar haben sie sich mit besonders kruden Personalquerelen überflüssig gemacht.

Dabei ging es nur darum, einen Fraktionsvorsitzenden zu wählen. Keine große Sache eigentlich, die Fraktion ist klein, besteht aus vier Personen. Doch alle sind sie politisch beschädigt, seit die Affäre um die liberale Saarbrücker Stiftung „Villa Lessing“ die Partei 2010 spaltete. In jenem Sommer hatte der Vorsitzende der FDP-Landtagsfraktion, Horst Hinschberger, Strafanzeige gegen mehrere führende Parteikollegen gestellt. Einer der Angeschuldigten war der Ehrenvorsitzende der Saar-FDP, Werner Klumpp. Der Vorwurf: Untreue im Umgang mit Stiftungsgeldern, falsche Rechnungen, Scheinverträge.

Der FDP-Landesvorsitzende Christoph Hartmann stellte sich hinter Hinschberger, der die Attacke gegen die eigenen Leute ritt. Weil sich herausstellte, dass sich die Vorwürfe nicht erhärten würden, stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein. Doch erledigt war die Sache damit nicht. Klumpp schlug zurück Hinschberger musste im November 2010 seinen Posten als Fraktionsvorsitzender und Hartmann den seinen als Parteivorstand räumen.

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