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Ebola breitet sich aus : Der Weg des Virus in die Industrienationen

Bisher galt: In Industrienationen können Ebolapatienten sicher versorgt werden. Doch jetzt steckte sich in den USA bereits die zweite Krankenschwester an. Kann so etwas auch in Deutschland passieren?

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Zum Schutz. Wie hier in der Schweiz werden weltweit Übungen durchgeführt. Dennoch können Infektionen nicht ausgeschlossen werden.
Zum Schutz. Wie hier in der Schweiz werden weltweit Übungen durchgeführt. Dennoch können Infektionen nicht ausgeschlossen werden.Foto: dpa

Bisher galt: In Industrienationen können Ebola-Patienten sicher versorgt werden, das Risiko für die Ärzte und das Pflegepersonal sei gering. Am Mittwoch bestätigte jedoch das Krankenhaus „Texas Health Presbyterian“ in Dallas, dass sich eine weitere Krankenschwester mit dem tödlichen Virus angesteckt hat. Sie hatte sich um den erkrankten Liberianer Thomas Eric Duncan gekümmert. Damit kämpfen in den USA und in Spanien derzeit insgesamt drei Pflegekräfte um ihr Leben, die nie in Westafrika waren. Die zuständigen Behörden suchen nun nach Fehlerquellen.

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Wie kam es zu den Ansteckungen?

Vermutlich haben sich die beiden Krankenschwestern infiziert, bevor feststand, dass Duncan an Ebola litt. Das ist das Zwischenergebnis einer Prüfung durch die US-Seuchenschutzbehörde CDC. In dem Krankenhaus in Dallas kam es zu einer Pannenserie. Am 26. September schickten die Ärzte den Patienten mit Bauchschmerzen und Fieber nach Hause, ohne seine Reisegeschichte zu beachten. Zwei Tage später brachte ihn ein Krankenwagen mit hohem Fieber, schwerem Durchfall und Brechattacken zurück. Er wurde dann zwar isoliert, aber erst zwei Tage später lag das Ergebnis des Bluttests vor.

Beide Krankenschwestern kamen in dieser Zeit mehrfach mit den ansteckenden Körperflüssigkeiten in Kontakt, sagte CDC-Direktor Tom Frieden. Sie und andere Pfleger trugen keine einheitliche Schutzkleidung. Übervorsichtig schichteten sie mehrere Lagen übereinander und nutzten Klebeband. „Das macht das Ausziehen nur noch komplizierter“, sagte Frieden. Die CDC empfahl Ärzten und Pflegern bisher keinen Ganzkörperschutzanzug, sondern eine leichtere Schutzkleidung, die sie mit einer Atemschutzmaske und einer Brille kombinieren. Die gewohnte Ausrüstung sollte helfen, Fehler zu vermeiden. Nun hat sie ihre Richtlinien verändert und schreibt Schutzkleidung vor, die den gesamten Körper bedeckt.

Was ist bei der Behandlung zu beachten?

Je schlechter es dem Patienten geht, desto schlimmer werden Durchfall, Erbrechen und teilweise Blutungen. Diese Körperflüssigkeiten sind voller Viren. Die Haut kann beim Ablegen der Schutzkleidung versehentlich verseuchte Oberflächen berühren. „Gefährlich ist, dass man sich im Alltag automatisch an Augen, Nase oder Mund fasst“, sagt der Berliner Arzt Thomas Kratz, der zuletzt in Sierra Leone im Ebola-Einsatz war. Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ legen deshalb nicht nur strenge Regeln fest, sondern haben ein „Buddy-System“. Niemand geht allein in die Risikozone, niemand geht allein wieder raus. Die Mitarbeiter achten gegenseitig darauf, dass ihre Kollegen sich nicht durch Unachtsamkeiten anstecken.

Könnte die Krankenschwester weitere Menschen infiziert haben?

Die CDC weiß bisher von drei Kontaktpersonen. Allerdings war die Pflegerin entgegen der Vorschriften mit einem Linienflug nach Ohio gereist, bevor sich die zuvor infizierte Krankenschwester am Freitag mit verdächtigen Symptomen meldete. Am Montagabend flog die zweite Pflegerin von Cleveland nach Dallas. Kurz darauf bekam sie Fieber. Die Seuchenschutzbehörde ruft nun die 132 Passagiere des Fliegers auf, sich bei einer Hotline zu melden. Medizinisches Personal soll sie befragen und Verdachtsfälle beobachten. Alle Passagiere werden derzeit identifiziert und benachrichtigt.

Um Pannen künftig zu vermeiden, steht eine Ebola-Eingreiftruppe der CDC bereit, die innerhalb weniger Stunden in dem betroffenen Krankenhaus eintrifft. Besonders wichtig sei, dass es im Ernstfall sofort Verantwortliche gibt, die ständig die Infektionskontrolle überwachen, sagte Frieden. Auch das An- und Ausziehen von Schutzkleidung.

Wie gut werden deutsche Ärzte informiert?

Damit das Gerüst des Infektionsschutzgesetzes greifen kann, muss jeder Haus- oder Notarzt Ebola erkennen und im Verdachtsfall das Gesundheitsamt alarmieren. Das ist jedoch fraglich, denn das Robert-Koch-Institut (RKI) informiert weniger aktiv als die CDC. Wer am Mittwoch die Webseite des RKI – gesetzlich beauftragt mit der „Erkennung, Verhütung und Bekämpfung von Krankheiten, insbesondere der Infektionskrankheiten“ – anklickt, bekommt zunächst vermittelt, dass es für das RKI Wichtigeres gibt als Ebola. Die „Blutdruck-Entwicklungen seit 1998“ zum Beispiel. Doch immerhin: Es finden sich, etwas kleiner und am Rand der Seite präsentiert, auch "aktuelle Informationen" über die Fieberseuche aus Westafrika. Wobei diese schon fünf Tage alt sind. Dass der Ebola-Patient aus Leipzig bereits verstorben und eingeäschert ist, erfährt der Interessierte ebenso wenig wie die Tatsache, dass sich in Texas erneut eine Pflegerin mit dem Virus infiziert hat.

Im Gesundheitsministerium verweisen sie auf die fachliche Zuständigkeit und die „geballten“ Website- Informationen des Bundesinstituts. Man veröffentliche dort einen wöchentlichen Newsletter. Das „epidemiologische Bulletin“ habe Gesundheitsämter, Kliniken und Versicherungen per Sonderausgabe informiert. Im Deutschen Ärzteblatt, der Hauspostille aller praktizierenden Mediziner, seien etliche Artikel darüber veröffentlicht worden. Und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung habe mit dem Verband der Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst einen „Erreger-Steckbrief Ebola“ erarbeitet und verteilt.
Von der Aktualität abgesehen sind die RKI-Informationen reichlich und versiert – vom Umgang mit Ebola-Verdachtsfällen über diagnostische Methoden bis hin zu Präventionsmöglichkeiten. Und Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) stehe mit dem Bundestinstitut in „sehr engem Kontakt“, versichern seine Mitarbeiter. Absprachen erfolgten mehrmals täglich. Ebenso intensiv: die Abstimmung mit den Bundesländern. Denn Infektionsschutz ist nicht Bundes-, sondern Ländersache. Was jede Menge Koordination erfordert, ein zentrales Anordnen von Berlin aus jedoch verhindert.

Ist die Behandlung gesichert?

Experten beklagen, dass die sieben Behandlungszentren, die auf hochansteckende Krankheiten spezialisiert und jetzt die Anlaufstellen für Ebola-Kranke sind, zu ungleich verteilt seien. Der Gesundheitsminister kann diese Meinung zwar teilen, er kann es aber nicht ändern. Über die Behandlungsplätze vor Ort – also dass beispielsweise in Berlin bis zu 24 Patienten behandelt werden können, im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen dagegen nur drei – entscheiden letztlich die Länder und ihre Kliniken. Und neben den Landesgesundheitsbehörden und den Gesundheitsämtern vor Ort dürfen auch Auswärtiges Amt und Innenministerium mitreden, etwa was die Einreisebestimmungen betrifft.

Werden die Kontrollen jetzt verschärft?

Im Infektionsschutzgesetz ist zentral geregelt, welche Maßnahmen im Falle einer Epidemie ergriffen werden müssen. Und internationale Gesundheitsvorschriften regeln beispielsweise auch die Ausstattung der Flughäfen, für die ansonsten auch die Bundesländer zuständig sind. So sind etwa die Airports in Frankfurt/Main, Hamburg, München und Düsseldorf mit besonderen Sicherheitsvorkehrungen ausgestattet. Treten bei einem Passagier verdächtige Symptome auf, werden die Flüge auf solche Flughäfen umgeleitet, die Betroffenen werden dort dann isoliert, untersucht und von dort gegebenenfalls in die speziellen Behandlungszentren weiter transportiert.

Ob das reicht? An diesem Donnerstag reist Gröhe nach Brüssel, um mit seinen EU-Kollegen über den Umgang mit der Ebola-Epidemie zu beraten. Nötig seien gemeinsame Standards für die Schengen-Außengrenzen, sagte er. Umfassende Gesundheitskontrollen an Flug- und Bahnhöfen hat bislang nur das EU-Mitglied Großbritannien eingeführt. Die EU-Kommission empfiehlt derzeit keine Kontrolle von Reisenden. Ihre Wirksamkeit werde als zu gering erachtet, sagte ein Vertreter der Kommission am Mittwoch. Und Menschen, bei denen die Krankheit bereits ausgebrochen sei und die sie damit weiterverbreiten könnten, seien in der Regel zu schwach, um zu reisen.

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