Egoismus in der Gesellschaft : Lassen Sie mich durch, weil ich es bin!

Ein junger Mann attackiert Sanitäter, die gerade ein Kind wiederbeleben - weil der Rettungswagen sein Auto blockiert. Wie kann man so empathielos sein? Eine Kolumne.

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Grässlich, aber üblich. Die "Mir-doch-egal-Hauptsache-ich"-Typen nehmen besonders im Straßenverkehr zu.
Grässlich, aber üblich. Die "Mir-doch-egal-Hauptsache-ich"-Typen nehmen besonders im Straßenverkehr zu.Foto: DPA

Wer bisher glaubte, Kinder in Not seien etwas, auf das durchweg mit Empathie reagiert würde, darf das seit vergangenem Freitag im „Leider falsch“-Ordner abheften. Da hat ein 23-jähriger Berliner Rettungskräfte attackiert, die einen Einjährigen reanimierten. Grund: Der Sanitätswagen hinderte ihn am Ausparken – und er musste doch zur Arbeit.

Der junge Mann hat nicht verstanden, dass das Überleben des Kindes wichtiger war als sein pünktlicher Arbeitsantritt. Dass es sogar dann immer noch wichtiger gewesen wäre, wenn er bei unpünktlichem Erscheinen den Job verloren hätte. Stattdessen tobte er, Motto: Mir doch egal, wer da gerettet wird, demolierte den Rettungswagen und sieht sich nun mit Strafanzeigen konfrontiert.

Wie kann man so grässlich sein?

„Die Menschheit scheint heutzutage deutlich stärker zu manipulativem, aggressivem, egoistischem und antisozialem Verhalten zu neigen“, heißt es in „Psychologie der Werte“ von Dieter Frey. Und: „Aggressives und antisoziales Verhalten korreliert deutlich mit geringer Empathie.“

Wer eine Lebensrettungsmaßnahme behindert, weil er Termine hat, zeigt dieses Empathiedefizit in dramatischem Ausmaß. Zu was für Ungeheuerlichkeiten wird so einer zur Durchsetzung seiner Belange noch fähig sein? Schon wird debattiert, ob der Mann für grundsätzlich straßenverkehrsunfähig zu erklären sei und den Führerschein abgeben müsse. Sicher nicht die schlechteste Idee. Denn was hätte er gemacht, wenn er schon in seinem Auto gesessen und der Rettungseinsatz seine Weiterfahrt blockierte hätte? Hätte er ihn völlig impulskontrollgestört weggerammt?

Der Vorfall steht nicht allein. Er reiht sich – wenn auch als besonders krasses Beispiel – ein in die Entwicklung, die Frey und andere Sozialpsychologen beobachten. Die einer allgemeinen Verrohung. Eine mutmaßliche Ursache dafür wird gesehen in einem „steigenden Konkurrenzdruck basierend auf einem hohen Lebenswohlstand“. Was eine Gefährdungslage ist, in der sich nahezu alle Menschen in der westlichen Hemisphäre befinden. Geplagt von zu hohen Erwartungen fallen sie einer egomanischen Erbarmungslosigkeit anheim, in der alles zur Zumutung ihnen gegenüber umgedeutet wird. Manchem reicht schon eine rote Ampel, um in Rage zu geraten. Wieso schaltet das Scheißding jetzt um, wo ich komme, morst ihre angeschwollen pochende Halsschlagader.

Empathielosigkeit wird normal, und dann wird es fürchterlich

Antisoziale Empathielosigkeit lässt sich im Alltag in vielen Formen besichtigen. Wo immer sich die Starken gegenüber den Schwachen körperlich durchsetzen, wenn sie beispielsweise die alte Frau wegdrängeln, die auch in die U-Bahn einsteigen möchte. Wenn sie vom Auto aus den Menschen auf dem Zebrastreifen förmlich die Absätze runterfahren oder wild hupen, um ihrer Empörtheit über irgendeine Situation Ausdruck zu verleihen, ohne daran zu denken, dass sie damit lauter Unbeteiligte erschrecken.

Vieles davon ist dabei, normal zu werden. Ist halt so. Ist aber schlecht. Die verschobene Grenze für akzeptierte Empathielosigkeit verschiebt auch die Grenze für diejenigen weiter nach hinten, die auffallen (wollen) und zum Nachrichtenstoff und damit auch Reflexionsanlass werden. Es gilt also, die Empathiefähigkeit zu stärken, sonst schafft man eine Welt, in der man nicht mehr gern lebt. Dazu muss man sie aber als etwas verstehen, was nicht sowieso da ist. Empathie kann (und muss) man lernen und trainieren. Das wusste schon Charles Darwin. Auch wenn bis heute nicht geklärt ist, ob Empathie eine Persönlichkeitseigenschaft ist oder ein situationsspezifischer Zustand, eins ist wohl klar: „Eine völlige Abwesenheit von Empathie ist mit dem Dasein als Mensch nicht vereinbar.“ Heißt es bei Frey – und in dem Sinne hat der 23-Jährige mit seinem Auftritt in der Moabiter Melanchthonstraße diese Grenze bereits kurz überschritten.

Vom Alter passt er übrigens in das Erklärungsmuster der Psychologen: als einer aus der Digital-Natives-Generation, deren ausuferndes Beschäftigen mit lediglich computeranimierten Figuren und Schicksalen die Empathiefähigkeit im echten Leben Studien zufolge tatsächlich beeinträchtigt. Wie viel netter wäre es doch, wenn jede und jeder ab sofort ein bisschen mehr statt weniger die Belange der anderen mitdenken würde? Niemand müsste sich im Dauerkampf um Beachtung wähnen, denn alle wüssten: Ich bin nicht allein. Da sind auch noch andere, denen ich nicht egal bin, die mir umgekehrt aber auch nicht egal sein dürfen.

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