Egon Bahr 1950 über die CDU : Soziales Gewissen einer Partei

Wie Egon Bahr 1950 als Tagesspiegel-Reporter vom Arbeitnehmerkongress der CDU berichtete. Hier dokumentiert zur Erinnerung an den verstorbenen SPD-Politiker.

Egon Bahr
Egon Bahr (1922 - 2015) arbeitete vor seiner Politiker-Laufbahn als Journalist. Unter anderem beim Tagesspiegel.
Egon Bahr (1922 - 2015) arbeitete vor seiner Politiker-Laufbahn als Journalist. Unter anderem beim Tagesspiegel.Foto: Wikipedia/Creative Commons/Bundesarchiv, B 145 Bild-F030521-0007 / Reineke / CC-BY-SA

"Manches Wort, das man hörte, hätte auch in einer SPD-Versammlung gesprochen werden können." In den Fünfzigerjahren schrieb Egon Bahr als Journalist für den Tagesspiegel. Aus Bonn und aus Berlin. Zur Erinnerung an den am 20. August 2015 im Alter von 93 Jahren verstorbenen SPD-Politiker, Gestalter der deutschen Ostpolitik und Vertrauten Willy Brandts dokumentieren wir hier einen zeitgeschichtlich hochinteressanten Bericht Bahrs, der am 24. November 1950 unter der Überschrift "Soziales Gewissen einer Partei" im Tagesspiegel erschien. Hier die Tagesspiegel-Seite von 1950 als PDF.

Der Essener Kongreß der christlich-demokratischen Arbeitnehmerschaft hat ein Gesicht der CDU gezeigt, wie es auf dem Parteitag in Goslar kaum wahrnehmbar gewesen ist. In Essen fühlte man sich politisch und geistig der sowjetischen Zone näher als in Goslar. Die Mahnung der CDU-Sozialausschüsse an den deutschen Gewerkschaftsbund, daß jede Abweichung von der parteipolitischen und religiösen Neutralität die Einheit der Gewerkschaftsbewegung gefährden müsse, die Entwicklung eines Programms für die Neuordnung der Wirtschaft und die Forderung auf eine gemeinsame Arbeitsbasis der beiden größten deutschen Parteien gaben dem Essener Kongreß einen stärkeren politischen Akzent, als zu erwarten war. Manches Wort, das man hörte, hätte auch in einer SPD-Versammlung gesprochen werden können.

Doch blieb es nicht bei der Kritik. Der Arbeitsminister von Württemberg-Hohenzollern, Wirsching, entwickelte ein zwar sozialistisches, aber unmarxistisches Wirtschaftsprogramm, das für die Entscheidungen über die Neuordnung der Wirtschaft und über das Mitbestimmungsrecht der Arbeitnehmer richtungweisend werden kann. Gegen den Marxismus grenzte Wirsching seinen Standpunkt durch die Maxime ab: der Mensch und seine Bedürfnisse müssen im Mittelpunkt der Wirtschaft stehen; gegen den dogmatischen Sozialismus durch die These: persönliche Freiheit ist ebenso wichtig wie soziale Gerechtigkeit. Wirsching verlangte auf evolutionärem Wege eine Wandlung der überkommenen Wirtschaftsordnung, zumal sich gezeigt habe, daß auch die freie Marktwirtschaft nicht ohne gewisse Lenkung auskommen könne.

"Manches Wort, das man hörte, hätte auch in einer SPD-Versammlung gesprochen werden können." Was Egon Bahr 1950 im Tagesspiegel über die CDU schrieb.
"Manches Wort, das man hörte, hätte auch in einer SPD-Versammlung gesprochen werden können." Was Egon Bahr 1950 im Tagesspiegel...Screenshot: Tsp

Ergänzt man diese Forderungen durch die mit starkem Beifall aufgenommene Äußerung Kaisers, daß die Sozialpolitik nicht ein lästiges Anhängsel der Marktwirtschaft sein dürfe, so ergibt sich eine Opposition gegen den augenblicklichen Kurs der CDU - eine Opposition, welche die innere Problematik dieser Partei zeigt. Die Warnung an den Deutschen Gewerkschaftsbund, die Einheit der Gewerkschaften nicht durch die Preisgabe einer absoluten Neutralität zu gefährden, bekam besonderes Gewicht durch die Anwesenheit ausländischer Gäste, unter denen sich auch die Präsidenten der christlichen Gewerkschaften Frankreichs und Belgiens, Gaston Tessier und August Cool, befanden.

Ein Nachruf in Bildern
Egon Karl-Heinz Bahr wurde am 18. März 1922 in Treffurt geboren.Weitere Bilder anzeigen
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20.08.2015 10:38Egon Karl-Heinz Bahr wurde am 18. März 1922 in Treffurt geboren.

Einen Tagesspiegel-Gastbeitrag von Egon Bahr über Bonn und Berlin aus dem Jahr 2014 lesen Sie hier. Einen Bericht von Wolfgang Prosinger über dessen letzte Begegnung mit Egon Bahr kurz vor dessen Tod lesen Sie hier. Es ging in dem Gespräch um Franz Josef Strauß.

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