Ein Lobbyist besonderer Art : Anwalt der Vielfalt

Mit Thilo Sarrazins Überfremdungswarnung fing alles an: Warum Farhad Dilmaghani mit der Initiative "DeutschPlus" für die Einwanderungsgesellschaft wirbt.

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Fordert einen Gipfel gegen Rechtsextremismus von Kanzlerin und Ministerpräsidenten: "DeutschPlus"-Vorsitzender Farhad Dilmaghani.
Fordert einen Gipfel gegen Rechtsextremismus von Kanzlerin und Ministerpräsidenten: "DeutschPlus"-Vorsitzender Farhad Dilmaghani.Foto: Promo

Kein politisches Ereignis ist seit dem Sommer leidenschaftlicher debattiert worden als der Zuzug von Flüchtlingen. Die Veränderung Deutschlands durch Menschen mit anderen Wurzeln als die der Alteingesessenen ist auch Kernthema von "DeutschPlus". Die "Initiative für eine plurale Republik" gibt Anstöße, erarbeitet Konzepte und schafft Vorbilder, damit sich Deutschland vom Einwanderungsland zur Einwanderungsgesellschaft entwickelt.

"Wir empfinden uns auch als Zukunftsentwurf der deutschen Gesellschaft – und somit auch als Gegenstück zu Pegida", sagt ihr Gründer und Vorsitzender Farhad Dilmaghani. In erster Linie seien die "DeutschPlus"-Aktivisten engagierte Bürger, die etwas zurückgeben wollten von dem, was sie an Unterstützung erfahren hätten. "Während Pegida warnt, Deutschland schaffe sich ab, sagen wir: Deutschland wird aus dem Prozess der Einwanderung gestärkt hervorgehen, wie es auch in der Vergangenheit schon der Fall war."

Die Erwähnung des Satzes "Deutschland schafft sich ab" ist kein Zufall: Als die Initiatoren "DeutschPlus" im September vor fünf Jahren gründeten, beherrschte Berlins Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) mit seinem gleichnamigen Buch die Schlagzeilen. Die Freunde des pluralen Deutschlands fühlten sich herausgefordert – und ergriffen die Initiative.

Längst halten der Deutsche mit iranischen Wurzeln und seine Mitstreiter die gesellschaftliche Entwicklung gegenüber Einwanderung in Deutschland für so reif, dass sie Integration und Vielfalt zum Staatsziel machen wollen. Drei Vorteile nennt der ehemalige Staatssekretär für Arbeit und Integration in Berlin: Die Entwicklung in Richtung Einwanderungsgesellschaft würde dann unumkehrbar. Eine neue Verfassungsnorm würde alle staatlichen Organe auf das Staatsziel verpflichten. "Schließlich würde sich auch die individuelle Rechtsposition von Zuwanderern verbessern, die Akzeptanz von Vielfalt würde langfristig Teil der Alltagskultur."

Braucht Deutschland einen Gipfel gegen Rechtsextremismus?

Der Projektförderverein mit rund 300 Fördermitgliedern und 3000 Unterstützern würde gerne eine Leitbilddebatte nach kanadischem Vorbild anschieben, wie sie der Rat der Migration fordert. Den Begriff „Einheit in Vielfalt“, den Bundespräsident Joachim Gauck geprägt hat, hält Dilmaghani für eine gute Beschreibung dieses neuen Selbstverständnisses.

Seine fast 20-jährige Erfahrung an der Schnittstelle von Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft hat Dilmaghani mit "DeutschPlus" auch im Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt (AA) genutzt. Im Projekt "WeltweitWir – Diversität im Auswärtigen Amt" ging es darum, junge Migranten für den diplomatischen Dienst zu begeistern – ein Ziel, das auch der Leitung des Hauses wichtig ist.

Dilmaghani geht davon aus, dass 30 Prozent der Deutschen einer Gesellschaft mit höherem Migrantenanteil positiv gegenüberstehen, genauso viele sie ablehnen und der Rest noch für beide Positionen zu gewinnen ist. Diese Auseinandersetzung will er aufnehmen. Mit den vielen Flüchtlingen sei "einiges aus den Tiefenschichten der deutschen Gesellschaft sichtbar geworden, was vorher weniger sichtbar war", meint er.

Aktuell fordert "DeutschPlus" einen Rechtsextremismus-Gipfel der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten. "Es gibt in Deutschland viele Millionen Menschen, denen das Auftrumpfen der Rechtsextremen Angst macht", sagt Dilmaghani. Angesichts von mehr als 500 Anschlägen auf Flüchtlingseinrichtungen seit Beginn des Jahres und fast 1500 rechten Straftaten allein im September bei weniger als 15 vorläufigen Festnahmen müsse die Politik das Problem endlich "zentral angehen".

Der Text erschien in der Agenda-Ausgabe vom 1. Dezember 2015.

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