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Ein Nachruf : Nancy Reagan hat einen Präsidenten gemacht

"Dragon Lady" oder "Queen Nancy" - Nancy Reagan, die Ehefrau des ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, war eine extravagante und einflussreiche First Lady.

Christoph von Marschall
Die Frühere US-First-Lady Nancy Reagan ist gestorben. Sie wurde 94 Jahre alt.
Die Frühere US-First-Lady Nancy Reagan ist gestorben. Sie wurde 94 Jahre alt.Foto: dpa

In wenigen Politikerehen war die Anerkennung für den entscheidenden Einfluss der Ehefrau, die freilich offiziell im Hintergrund blieb, so unbestritten wie bei den Reagans. Als sie gemeinsam Karriere machten, waren die öffentlichen Regeln für das Verhältnis der Geschlechter noch andere. Nach außen gab sie die Ehefrau, die ihren Gatten anhimmelte – auch die Größenverhältnisse unterstrichen das; sie war mehr als einen Kopf kleiner als er.

Tatsächlich war sie treibende Kraft hinter seiner Karriere. Ohne Nancy hätte es weder den Gouverneur von Kalifornien Ronald Reagan gegeben noch den 40. Präsidenten der USA. Er regierte die Weltmacht von Januar 1981 bis Januar 1989. Und er schrieb in Berlin Weltgeschichte mit dem Satz: "Mr. Gorbatschow, tear down that wall!" Wenige Monate später fiel die Mauer.

Sie rettete ihn finanziell, als seine Karriere als Filmschauspieler kurz nach ihrer Heirat 1952 einen Tiefpunkt erreichte. Sie rettete ihn politisch, als seine Präsidentschaft durch den Iran-Contra-Skandal 1987 in eine tiefe Krise geriet. Als heraus kam, dass der 40. Präsident der USA heimlich Waffenverkäufe an den Iran gebilligt hatte, um mit dem Erlös die antikommunistischen Milizen in Nicaragua zu unterstützen, und Reagan sich zunächst weigerte, den Fehler einzugestehen und sich zu entschuldigen, brachte Nancy ihre eigenen Berater ins Weiße Haus und drängte auf die Ablösung des Stabchefs, Donald Regan. Das Team um Ronald Reagan nannte sie "Dragon Lady" oder "Queen Nancy".

Auch in dieser Frage setzte sie sich am Ende durch. Regan musste gehen. Das Team um Ronald Reagan nannte sie "Dragon Lady" oder "Queen Nancy".

Am 4. März 1987 distanzierte sich der Präsident im Fernsehen von dem Iran-Contra-Geschäft auf eine Weise, die als Entschuldigung verstanden wurde, ohne dass er das Wort benutzte. Bald stiegen seine Umfragewerte wieder.

Die Reagans brachten den Optimismus zurück

Schon früher hatte Nancy Reagan energisch in die Personalpolitik ihres Mannes eingegriffen, wenn seine Karriere kriselte. Sie sei die Kraft im Hintergrund gewesen, die über "Hire and Fire"“ entschied, schreiben die Biografen. Sie brachte den Wahlkampf um die Nominierung als Gouverneurskandidat 1966 und als Präsidentschaftskandidat 1980, als es eng wurde, wieder ins richtige Gleis.

Als die Nachricht, dass Nancy Reagan im Alter von 94 Jahren in ihrem Zuhause in Los Angeles gestorben sei, am Sonntag Morgen Ortszeit in Kalifornien die Runde machte, brachten die US-Medien alle diese Wendepunkt der amerikanischen Geschichte wieder in Erinnerung: Wie er den Amerikanern mit seiner positiven Wahlkampfführung den Optimismus zurück gab: "It’s morning again in America!" Dieser Optimismus hatte unter seinem Vorgänger Jimmy Carter gelitten. Die Ölkrise weckte Zweifel am fortwährenden Wirtschaftswachstum. Der gescheiterte Versuch, die Amerikaner in der US-Botschaft in Teheran zu befreien, die Anhänger des Ajatollah Khomeini dort nach der Islamischen Revolution genommen hatten, weckte Zweifel an Amerikas militärischer Weltmachtrolle.

Reagan gab den US-Bürgern und Amerikas Wirtschaft das Selbstvertrauen zurück. Das gelang nicht im ersten Anlauf. Nach seinem Amtsantritt dauerte es einige Jahre, bis die Senkung der Steuersätze Wirkung zeigte, das Wachstum ansprang und die Arbeitslosenrate sank. Aber mit seinem Diktum „Der Staat ist nicht die Lösung, der Staat ist Teil des Problems“ beeinflusste Reagan das Denken einer ganzen Generation von Amerikanern. Mit seiner Bereitschaft zum Rüstungswettlauf zwang er, das ist zumindest die Überzeugung vieler Amerikaner, die Sowjetunion in die Knie.

Als First Lady brachte Nancy Reagan einen neuen Stil ins Weiße Haus. Da es unpopulär war, Steuergelder für die überfällige, aber zugleich aufwändige Renovierung der ersten Adresse der Nation zu verwenden, warb sie um private Spenden – mit Erfolg. Mehr als 800.000 Dollar gingen ein, damals eine enorme Summe. Ein Spender gab weitere 200.000 Dollar für ein neues Porzellan-Service für 220 Gäste – es war die erste Neuausstattung seit mehr als einem Jahrzehnt.

Ähnlich wie zwei Jahrzehnte zuvor unter John F. und Jacky Kennedy hatte die Präsidentschaft unter den Reagans wieder eine Glamour-Seite, auf die Amerikaner stolz sein konnten. Erst so wurde der beschämende Schock der Watergate-Affäre überwunden. Wenig später zählte Nancy in einer Gallup-Umfrage zu den „meist bewunderten Frauen“ in Amerika.

Nancy verstand es, den Glamour zu nutzen

Ähnlich hatte Nancy es als "First Lady" in Kalifornien gehalten. Auch dort empfand sie die Gouverneurs-Residenz, die sie vorfand, nicht repräsentativ genug. Privatleute finanzierten den Umzug in eine bessere Adresse.

In ihren Memoiren fanden Nancy und Ronald Reagan bewegende Worte für einander. "Er gab mir alles, was ich von einem Mann erwarte – und noch viel mehr", schrieb sie in dem 1989 veröffentlichten Buch "My Turn. The Memoires of Nancy Reagan". Er revanchierte sich mit der Liebeserklärung: Bei ihr zu sein sei wie "die Rückkehr in einen warmen Raum aus der Kälte draußen". Mit ihr sei er "nie gelangweilt gewesen". Das einzige, was er zu bemängeln habe, sagte er mit dem für ihn so typischen ironischen Charme: „Sie hat einen Feigling aus mir gemacht. Wenn sie nicht in meiner Nähe ist, habe ich Angst um sie.“

Tatsächlich war es umgekehrt. Einer der schlimmsten Tage in ihrem Leben war der 30. März 1981, als ein Attentäter Ronald Reagan vor dem Washington Hilton niederschoss. Er überlebte. "Sorry, Darling. Ich habe versäumt, mich rechtzeitig zu ducken", sollen seine ersten Worte an sie gewesen sein, als er aus der Narkose aufwachte.

In den letzten Jahren vor seinem Tod 2004 litt Ronald Reagan unter Alzheimer und entschwand langsam in seine eigene Gedankenwelt, mit immer weniger Kontakt zur Realität. "Der Cowboy ist in den Sonnenuntergang geritten", schrieben US-Medien unter Anspielung auf seine Standardrollen als Filmschauspieler. Jetzt ist ihm seine zierliche Frau hinterher geritten.

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