Elbphilharmonie Hamburg : Disharmonie um eine ewige Baustelle

Die Elbphilharmonie soll ein Wahrzeichen für Hamburg werden. Doch sie wird einfach nicht fertig – und alle streiten darüber, warum.

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29.07.2009 08:31Hamburg baut sich ein neues Wahrzeichen: Nach jahrelangen Planungen wurde am 2. April 2007 der Grundstein für die Elbphilharmonie...

Misstöne, wo man auch hinhört. Der rund 100 Meter aus dem Wasser ragende Kulturpalast namens Elbphilharmonie soll Hamburg in die Weltliga der Konzerthallen hieven und ist als architektonisches Wunderwerk in der Hafencity längst auserkoren, Wahrzeichen für die Stadt zu werden. Doch die Großbaustelle auf dem Sockel eines früheren Kakaospeichers ist nur noch ein Ärgernis. Inzwischen vermag niemand mehr zu sagen, wann das Bauwerk fertiggestellt sein wird und vor allem nicht zu welchem Preis.

Die Stadt, der Baukonzern Hochtief und die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron sind derart zerstritten, dass inzwischen Gerichte eingeschaltet wurden. Und weil alles aus dem Ruder gelaufen ist, soll nach dem Regierungswechsel im Vorjahr nun ein zweiter Untersuchungsausschuss nach Gründen dafür suchen. Der Sachverhalt ist so komplex, dass es bis zum Jahresende und darüber hinaus unzählige Sitzungen geben wird. Am Donnerstagabend saß der ehemalige Bürgermeister Ole von Beust (CDU) mehr als vier Stunden im Zeugenstand, und er weiß bereits, dass er im November noch einmal Rede und Antwort stehen muss.

Deutschlands größte Kulturbaustelle sollte ursprünglich 186 Millionen Euro kosten, davon 77 Millionen aus dem Hamburger Etat. Selbst vor dem Hintergrund einer Verteuerung auf 241,3 Millionen Euro, davon 114,3 Millionen für die öffentliche Hand, sagte die Hamburger Bürgerschaft 2007 einstimmig Ja zur Elbphilharmonie. Inzwischen lässt sich die Belastung für den Steuerzahler auf 323,5 Millionen Euro taxieren, wobei der Abschlussbericht des ersten Untersuchungsausschusses gar von 351,3 Millionen Euro spricht. Skeptiker vermuten, dass noch einige Millionen dazukommen werden.

Schon seit Anfang November dreht sich kein Betonmischer mehr und kein Baukran. Alle Arbeiten ruhen, weil Architekten und Hochtief sich über die Statik der Dachkonstruktion streiten. Und weil das so ist, rückt der Termin der Fertigstellung des Projektes mit Hotelkomplex, 43 Eigentumswohnungen und einem Parkhaus immer weiter nach hinten. Bei Baubeginn 2007 wurde noch von einer Eröffnung 2010 gesprochen, doch in dem Jahr reichte es gerade mal zum Richtfest. Der 2007 bestellte Intendant Christoph Lieben-Seutter ist nur noch genervt und winkt ab, wenn er Fragen zur Elbphilharmonie gestellt bekommt. Kaum jemand traut noch der bisher letzten Ankündigung: Ende 2014 soll es so weit sein.

Dabei war es anfangs nach Aussagen anderer Zeugen offenbar Ole von Beust, der noch Tempo gemacht hat, der bereits bei Ausschreibung, Auftragsvergabe und Vertragsgestaltung Schnelligkeit vor Gründlichkeit habe walten lassen und sogar einen zusätzlichen Streit mit dem Baukonzern Strabag riskierte, auch wenn er dies in der Befragung vor dem Ausschuss bestritt. Ja, er trage die Verantwortung, jedoch keinerlei Schuld an dem Politikum, juristisch bedinge dies Vorsatz oder Fahrlässigkeit. „Ich sehe nicht, dass ich aus damaliger Sicht irgendwelche Fehler gemacht habe“, sagte er. Erst 2008 sei er zum ersten Mal von seinen Fachleuten auf ernsthafte Probleme aufmerksam gemacht worden, sagte Beust. In der Folge musste der Projektkoordinator Hartmut Wegener gehen. Beust betonte, dass er zuvor immer seiner Lenkungsgruppe vertraut habe. Die FDP spricht Beust daher eine „erschreckende Sorglosigkeit“ zu. Die Linke wirft ihm vor, ein „System der Verantwortungslosigkeit“ aufgebaut zu haben.

Der Untersuchungsausschuss stellte inzwischen fest, dass der Bürgerschaft vorgelegte Senatsdrucksachen zu diesem Thema wohl nicht in allen Fällen korrekt abgefasst waren. Damit konfrontiert, antwortete Beust, es tue ihm leid, aber er habe unmöglich alle Drucksachen selbst im Detail kontrollieren können. Das obliege der Fachbehörde.

Das Landgericht Hamburg hat am Freitag einen Klageantrag der Stadt gegen Hochtief auf Schadenersatz wegen Bauverzögerung zugelassen. Die Stadt unterstellt dem Baukonzern, er betreibe mit dem Zeitfaktor Kostenpoker. Die Baufirma wies dies zurück. Ihr seien erst diese Woche Änderungswünsche der Architekten zugestellt worden, die zu Mehrkosten führten. Womöglich komme es gar zu einem Rückbau bestehender Bauten.

Immerhin: Eines ist die Elbphilharmonie schon jetzt – ein Anziehungspunkt für Touristen, für die selbst eine Führung durch das nicht fertige Gebäude eine Attraktion darstellt.

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