Empathie und die Flüchtlinge : Die unheimliche Not der anderen

Warum haben die einen Empathie für Flüchtlinge, die anderen nicht? Das Rätsel berührt eine zentrale Frage der Gattung Mensch. Ein Essay

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Pegida-Anhänger ziehen mit Plakaten durch Dresden. Bei einem Ableger der rechten Bewegung in Brandenburg werden ähnliche Parolen gerufen und Transparente gezeigt.
Pegida-Anhänger ziehen mit Plakaten durch Dresden. Bei einem Ableger der rechten Bewegung in Brandenburg werden ähnliche Parolen...Foto: AFP

Zwei New Yorker Therapeuten treffen sich beim Joggen am Strand von New Jersey. Sagt der eine: „You are fine! How am I?“ Das ist schon der ganze Witz. Ein schöner Witz, er hat es in sich. „Ihnen geht es gut! Wie geht es mir?“ In sein Gegenüber kann ein guter Therapeut oder Psychoanalytiker sich besonders gut einfühlen. Das gehört zum Beruf. Von seinem Kollegen erhofft, erwartet er hier umgekehrt für sich selber Mitempfinden, Einfühlung. Das ist der Affekt, der in den abertausend Ehrenamtlichen geweckt wurde, die augenblicklich dafür sorgen, dass Geflüchtete aus zerfallenden oder zerrütteten Staaten im Mittleren Osten, in Asien, dem Maghreb oder Afrika südlich der Sahara in Deutschland willkommen geheißen werden. Jene Ehrenamtlichen und Gutwilligen also, auf die sich die regierende Koalition stützt, wo sie ihr Leitmotiv „Wir schaffen das!“ verteidigt.

Rein faktisch hat sich im Alltag der allermeisten wenig verändert

Noch vor wenigen Wochen, im Juni, wurde Kanzlerin Angela Merkel vorgeworfen, dass sie bei einem Bürgerdialog in Rostock der Teenagerin Reem Sahwil erklärte, ihr Aufenthaltsstatus als Asylsuchende sei nicht gesichert. Nicht alle würden bleiben dürfen, hatte die Kanzlerin bedauert. Das Mädchen brach in Tränen aus, die Öffentlichkeit war erschüttert von der Kanzlerin, sie zeige zu wenig Empathie. „Merkel muss endlich erkennen, dass Flüchtlinge ein Gewinn für Deutschland sind“, kritisierte nicht nur die „Süddeutsche Zeitung“. Inzwischen wird derselben Merkel vorgeworfen, mit ihrem Zitieren des Grundgesetzes, wonach es für Anträge auf Asyl keine Obergrenze gibt, das Gegenteil zu demonstrieren: zu viel Empathie. Merkel wurde als Mutter Teresa karikiert, Medien beschwören den angeblichen Steuerungsverlust der Politik. Vorübergehend schien geradezu ein Überschuss an Mitempfinden vorhanden. Medial und durch gezielte, rechte Propaganda auf lokaler Ebene wurde die Empathie heruntergekocht, das Ressentiment hingegen geschürt. Das Bundeskriminalamt zählte 2015 bereits 104 Gewalttaten gegen Herbergen von Asylbewerbern, 53 davon Brandstiftungen.

Dabei hat sich rein faktisch im Alltag der allermeisten wenig verändert. Der Wirtschaft verzeichnet Rekordüberschüsse, die Arbeitslosigkeit ist auf ein Rekordtief gesunken, die Renten sind gestiegen, und Flüchtlinge in Person bekommen weiterhin vor allem die Ehrenamtlichen und Behördenmitarbeiter zu Gesicht. Aber die generelle Empathiebereitschaft scheint abzunehmen.

Erbittert streiten ein paar Berliner Nachbarn am Küchentisch. Ein wohlhabender Handwerksmeister erklärt seine Unruhe darüber, dass ein „Strom an Fremden massenhaft ins Land drängt“. Horden aus den Gebieten der Armut hätten sich aufgemacht, unser Sozialsystem zu plündern. „Was wollen die hier? Uns hat auch keiner was geschenkt!“ Seine alte Mutter, einst aus Ostpreußen vertrieben, schimpft über ihre geringe Rente. „Das darf nicht wahr sein – alte, deutsche Leute leben in Armut, aber für Dahergelaufene gibt man Milliarden aus!“ Sicher, schlimm sei das da, wo diese Leute herkommen. „Aber“, greift die alte Dame zur aktuellen Formel eins der Abwehr: „Wir können nicht alle retten!“

„Wer zahlt denn das Ganze?“

Eine Frau, zu deren Vergangenheit Flucht und Not gehört und die Schutz gefunden hat, lehnt die Schutzsuchenden der Gegenwart ab. „Ihr habt doch selber so was erfahren!“ argumentiert ein andrer Nachbar. „Ihr seht doch die Bilder von denen, die durch kalte Flüsse waten, die in Containern hausen!“ Das humanitäre Gerede, das habe er satt, wirft der Sohn ein. „Wer zahlt denn das Ganze? Hier, ich, wir!“

Wie Pfeile schießen die Ausrufezeichen hin und her. Rentnerin und Sohn empören sich über die Naivität der anderen Ansichten. Dann müssen sie los, raus mit dem Cockerspaniel, der ihnen über alles geht. In der Fürsorge für das Tier sind sie rührend. Den anderen am Tisch bleibt es rätselhaft: Wie kann jemand, der selber Not erlitten hat, für das Leid von anderen so wenig empfinden? Der aus Dresden stammende Dichter Durs Grünbein hat angesichts von Pegida-Demonstranten gefragt: „Wo kommt diese unglaubliche Kälte her? Da sind alte Frauen dabei, die auch mal Mütter waren. Warum haben die kein Mitleid, wenigstens mit den Kindern?“

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