Politik : Erdogan geht gegen Konzern vor

Hotel der Koc-Holding half Demonstranten.

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Istanbul - Steuerermittlungen gegen einen der größten Konzerne der Türkei haben den Verdacht geweckt, dass die Regierung sich für eine angebliche Parteinahme des Unternehmens für die Protestbewegung vom Gezi-Park rächen will. Vergangene Woche tauchten Beamte des Finanzamtes in Polizeibegleitung beim Raffinerieunternehmen Tüpras und bei der Erdgasfirma Aygaz auf. Beide gehören zum Familienkonzern Koc, der neben vielen anderen Unternehmen auch das Divan-Hotel gleich neben dem Gezi-Park im Istanbuler Stadtzentrum betreibt. Im Divan hatten auf dem Höhepunkt der Proteste im Juni viele Demonstranten Schutz vor Wasserwerfern und Tränengas der Polizei gefunden. Darunter war auch die deutsche Grünen-Chefin Claudia Roth.

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte die Koc-Holding nach den Unruhen kritisiert und erklärt, Unterstützer der regierungskritischen Demonstranten würden für ihre Haltung bezahlen. Die Opposition will das Thema im Parlament zur Sprache bringen. Schon vor einigen Jahren hatte Erdogan mit einem umstrittenen Steuerverfahren gegen den Medienkonzern Dogan im In- und Ausland viel Kritik auf sich gezogen.

Die Familie Koc gehört zum türkischen Wirtschafts-Hochadel. Über Generationen haben die Kocs ein Geflecht aus Firmen und Beteiligungen aufgebaut, das sie sehr reich gemacht hat. Mit mehr als 70 000 Beschäftigten und einem Umsatz von rund 40 Milliarden Dollar im Jahr ist die Koc-Holding die einzige türkische Vertreterin in der Forbes-Liste der 500 größten Unternehmen weltweit. Der Mischkonzern engagiert sich nicht nur im Energiesektor, sondern auch im Bankgeschäft, im Einzelhandel, in der Auto- und in der Rüstungsindustrie. Nach Bekanntwerden der Razzien verloren die Aktien von Tüpras und Aygaz stark an Wert.

Erdogans Minister weisen jeden Zusammenhang zwischen den Ermittlungen und den Gezi- Protesten zurück. Die unabhängige Zeitung „Taraf“ meldete, die gerichtliche Genehmigung für die Razzia stütze sich auf starke Hinweise auf Steuerhinterziehung. Dennoch bleibt offen, ob es wirklich nur Zufall war, dass die Finanzbehörden so bald nach Erdogans Kritik an Koc gegen das Unternehmen aktiv wurden. Selbst regierungsnahe Unternehmer kritisieren das Vorgehen. Der Fall könnte der Wirtschaft der Türkei ernsthaft schaden, warnen Kritiker. Immerhin repräsentiert die Koc-Holding nach eigenen Angaben rund neun Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der Türkei. Der Kommentator Semih Idiz schrieb deshalb, die Regierung wetze das Messer für „die Gans, die goldene Eier legt“. Thomas Seibert

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