Erfolge der AfD in Hessen : Rechts wählen - aus Mitleid?

Im Englischen gibt es das Phänomen des „pity voting“: Man wählt eine Partei, weil ihre Repräsentanten übertrieben hart angegriffen werden. Erklärt das einen Teil des Erfolges der AfD? Ein Kommentar.

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Ein Wahlplakat in Vierchen (Hessen), wo die AfD bei der Landtagswahl am Sonntag 18 Prozent der Stimmen holte.
Ein Wahlplakat in Vierchen (Hessen), wo die AfD bei der Landtagswahl am Sonntag 18 Prozent der Stimmen holte.Foto: Alexander Heinl/dpa

Wie viele Wähler haben bei den hessischen Kommunalwahlen für die AfD gestimmt, weil deren stellvertretende Vorsitzende Beatrix von Storch kurz zuvor eine Torte ins Gesicht geschmissen bekam? Wie viele haben für die AfD gestimmt, weil ein Berliner Hotel die Partei nach Gewaltdrohungen aus der linken Szene für die Wahlparty am 13. März wieder ausgeladen hatte? Wie viele haben für die AfD gestimmt, weil es auf eine Wahlveranstaltung mit Frauke Petry am vergangenen Sonnabend einen Buttersäure-Anschlag gab?

Exakte Antworten kann es auf solche Fragen nicht geben. Aber zumindest im Englischen gibt es das Phänomen des „pity voting“ durchaus. Ein Politiker, der sich nach einem schweren Schicksalsschlag zur Wahl stellt, kann auf solche Mitleidsstimmen hoffen. Auch drückt sich in ihnen oft ein stummer Protest gegen unfaire Methoden in der Politik an sich aus.

Nachdem die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht im Januar 2014 in einer Talkshow vom ZDF-Moderator Markus Lanz hart angegangen worden war, forderten mehr als 80.000 empörte Unterzeichner einer Petition dessen Entlassung. Auch die FDP konnte einige Male vom Mitleidsbonus profitieren und ließ sich von Anhängern der Union mit deren Zweitstimme wählen. Und fliegen Angela Merkel nicht schon deshalb viele Herzen zu, weil sie oft dieses übermüdete, sorgenzerfurchte Gesicht hat?

Es ist ein Reflex der ausgleichenden Gerechtigkeit

Mitleid mit denen, die in der Politik leiden, gemobbt oder übertrieben hart angegriffen werden: Diese Empfindung kann sich einstellen, ohne dass automatisch mit der betreffenden Person oder Partei sympathisiert wird. Es ist ein Reflex der ausgleichenden Gerechtigkeit. Allerdings ist von dort bis zur Stimmabgabe aus diesem Grund eine gewisse Nähe notwendig.

Kein Konservativer wird aus Mitleid mit Sahra Wagenknecht die Linke wählen, kein Linker die FDP und kein Grüner die AfD. Ein normaler „besorgter Bürger“ indes, der ansonsten unempfänglich für rechtspopulistische Parolen ist, könnte sich durch ein schroffes Freund-Feind-Denken in der Auseinandersetzung mit der AfD abgestoßen und zu dieser hingezogen fühlen. Dass die Partei es sehr gut versteht, in die Wählerstimmen verheißende Märtyrerrolle hineinzuschlüpfen, komplettiert das Bild.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, gibt den Medien eine Mitverantwortung am aktuellen Höhenflug der AfD. Auftritte in Talkshows wie denen von Günther Jauch und Anne Will lehnt er ab. Durch solche Einladungen würden diese Menschen unnötig „geadelt“. Vom Deutschen Katholikentag Ende Mai wurde die AfD demonstrativ ausgeladen. Klare Kante gegen rechts!

Bei den Landtagswahlen am kommenden Sonntag wird man sehen, ob durch solche Ausgrenzung die AfD geschwächt oder womöglich sogar weiter gestärkt wird.

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