Erinnerungen an das Jahr 1982 : Wie Grüne einst Gaddafi besuchten

Am 8. Juli 1982 fand sich eine etwa 20-köpfige Delegation aus Mitteleuropa in Tripolis ein. Mit an Bord: die damaligen Spitzengrünen Otto Schily und Roland Vogt - und der Journalist Benedict Maria Mülder. Eine Zeitreise.

Benedict Maria Mülder
Grün zu Grün: Eine Delegation der deutschen "Grünen" besuchte den Verfasser des "Grünen Buchs", Muammar al-Gaddafi, im Jahr 1982.
Grün zu Grün: Eine Delegation der deutschen "Grünen" besuchte den Verfasser des "Grünen Buchs", Muammar al-Gaddafi, im Jahr 1982.Foto: AFP

Zu Beginn der 80er Jahre, Grüne und Friedensbewegung im Rausch, im Kampf gegen die Nachrüstung, für die einen ein Kampf gegen die Nato, für die anderen gegen die Raketenstationierung in Ost und West. Darüber tobte der Streit. Da bot sich 1982 eine österreichische Gesellschaft für Nord- und Südfragen in Wien an, einen neuen Bündnispartner zu beschaffen. Sie lud ein zum Treffen nach Tripolis, zu dem libyschen Obristen Muammar al Gaddafi. Eine fast 20-köpfige Delegation fand sich am 8. Juli 1982 in Tripolis ein, unter ihnen der Grünen-Mitgründer und spätere (SPD-)Innenminister Otto Schily, die Hessin Gertrud Schilling und Roland Vogt (beide von den Grünen) sowie Alfred Mechtersheimer, der Aussteiger aus der CSU. Aus Italien waren Alexander Langer und Adriano Sofri, ehemals in der trotzkistischen Lotta Continua organisiert, mit von der Partie. Dazu Graswurzelbewegte aus Belgien, England, Spanien und Deutschland. Von "pikierten Grünen in Bonn" berichtete wenig später der "Spiegel" - pikiert angesichts der Tatsache, dass sich auch ihr Vorstandsmitglied Roland Vogt mit dem Diktator traf. Das sei als ,Privatbesuch von Herrn Vogt’ zu sehen, meinte seinerzeit Grünen-Bundesgeschäftsführer Lukas Beckmann. Nicht alle in der Delegation waren erfreut, dass ich damals (als Journalist der „Taz“) mitreiste. Hier die Chronologie der damaligen Debatte nach meinen Notizen von der fünftägigen Reise:

ERSTER TAG

Wir werden empfangen wie eine Staatsdelegation. Am Flughafen geht die Kontrolle schnell und unkompliziert. Nur der Koffer von Otto Schily wird versehentlich – wie es später heißt – durchsucht. Auf dem Flughafen sehen wir keine Uniformen, dafür aber das überlebensgroße Porträt Gaddafis. Übergroß und deutlich geschrieben die Parolen, die viele noch aus den 70er Jahren kennen, Kampf gegen Imperialismus, Zionismus, Faschismus und Reaktion. Das Gaddafi-Grün ist überall zu sehen. Es hat es vor allem – wie man merkt – den Grünen angetan. In ersten Gesprächen untereinander warnt Mechtersheimer noch früh vor Vereinnahmung, weist aber gleichzeitig auf den gemeinsamen Feind, den US-Imperialismus, hin. Roland Vogt möchte erreichen, dass die Reise „garantiert privat ist“, doch kann er sich bei den anderen Teilnehmern damit nicht durchsetzen. Mechtersheimer nimmt es gelassen, „wenn der so empfindlich ist, ist er kein Politiker, sondern taugt nur für eine Sekte“.

Wegen des Ramadans finden die Veranstaltungen mit den Funktionären, Abgesandten aus dem damaligen Bonner Volksbüro Libyens, bis tief in die Nacht statt. Sie machen uns keine Hoffnung, dass es wirklich zu einem Treffen mit „Bruder Gaddafi“ kommt – wegen der Krise im Libanon. Dafür stimmen sie uns auf den dritten Weg ein, vorneweg mit dem „Grünen Buch“ (Gaddafis Werk zu Demokratie und sozialer Ordnung aus muslimischer Sicht, Anm. der Red.). So unterstützten die Revolutionskomitees die Friedensbewegungen auf der ganzen Welt, so sei die Lohnarbeit bereits in Libyen abgeschafft, gäbe es zur Volksherrschaft keine Opposition, „außer vom Ausland. Hier regiert sich das Volk selbst“, sagen die libyschen Funktionäre und lösen damit einigen Unmut aus. Otto Schily hält das Grüne Buch wohl nicht für die Lösung aller Dinge, beklagt die Nachahmung von europäischer und amerikanischer Kultur in Industrie und Architektur in Libyen, „aber dies entspreche wohl der Entwicklung ihres Landes“, wie er höflich sagt, „und das akzeptieren wir“.

Die Libyer wollen lieber eine Diskussion über die Lage im Libanon, über die israelische Invasion. Am liebsten wäre ihnen eine Protesterklärung der Grünen und Graswurzelrevolutionäre auf libyschem Boden.

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21.10.2011 09:21Die Hand des Öls geschüttelt: Gaddafi und der Westen.

ZWEITER TAG

Während des Abendessens wird die Nachricht von einem US-Manöver bestätigt und TV-Bilder zeigen eine Militärveranstaltung mit Gaddafi. Alles grün, er redet zu seinen Offizieren über Israel. So viel versteht man. Die Faust wird hoch- gereckt und dann spricht er zu seinen Soldaten. Angeblich sind die Amerikaner ausgerückt zu einem Manöver im Golf von Sirte und wollen den 32. Breitengrad überschreiten. „Wenn das passiert, schießen wir zurück“, sagen die Libyer. Die Graswurzelleute wollen am liebsten gleich ein Friedensschiff chartern. Es ist wie in Berlin, wo allein das Gerücht, eine Hausbesetzung stehe bevor, reicht, um die Küche zum Brodeln zu bringen.

„Libysche Taktik, die haben gewusst, was läuft, und haben uns deshalb so kurzfristig eingeladen“, meint Mechtersheimer. Er ist fasziniert von dem Gedanken, die Geiselrolle durchzuspielen. Eine deutsche Grüne erhält begeisterte Zustimmung von den libyschen Partnern, als sie fragt, ob ein Schiff zu Verfügung gestellt werden könnte. Während die Libyer keinen Hehl daraus machen, dass sie im Falle eines Angriffs schießen würden, setzen die deutschen Grünen auf ein unbewaffnetes Schiff, „im Namen der internationalen Friedensbewegung“ (Roland Vogt). Damit soll das amerikanische Manöver gestört werden. Otto Schily will am liebsten andere Probleme diskutieren, doziert über gewaltfreien Widerstand, setzt sich aber ab von der Parole „lieber grün als tot“. Diesmal will Roland Vogt sogar die internationale Presse informieren. Otto Schily warnt davor, jede symbolische Übertretung der Amerikaner im Golf von Sirte mit realer Gewalt beziehungsweise Verteidigung zurückzuschlagen. „Wer reinkommt, soll auch wieder rauskommen können“, betont Schily.

Die Libyer bedanken sich in ihrer Schlussrede trotzdem, dass die Alternativ- und Friedensbewegung in Europa eine so gute Position beziehe und auf ihrer Seite stehe. Schließlich wird kleinlaut eingeräumt, dass es schwierig werden könnte, so schnell ein Schiff zu finden. Dafür hat der Spanier Paco Casero gleich einen Alternativvorschlag zur Hand. Er empfiehlt einen Hungerstreik. Roland Vogt hält sogar eine Kombination von Hungerstreik und Schiffsaktion für möglich. Einziges Problem, bisher hätten die Grünen in Deutschland noch nicht über die Probleme im Golf von Sirte diskutiert. Dann konzentriert sich die Debatte auf eine Erklärung im Namen der Delegation und eine internationale Pressekonferenz. Aber den Gedanken an ein Schiff haben einige Teilnehmer längst nicht aufgegeben. Gertrud Schilling will eine gewaltfreie Aktion, zeigen, wie praktischer Widerstand gegen die USA aussehen kann, „wir müssen umgehen mit unseren Ängsten, müssen was tun“.

Adriano Sofri zeigt am deutlichsten, was er davon hält. Nämlich gar nichts. Er habe kein Interesse an kollektiven Aktionen. „Ich bin hier zu einem Informationsbesuch“, betont er.

Und Alexander Langer ergänzt: „Unsere Wirksamkeit muss sich im eigenen Land zeigen. Hier können wir keine grüne Internationale praktizieren. Unsere Aktion könnte als gestellt angesehen werden.“ Er warnt vor „grotesken“ Schritten.

Es ist zwei Uhr früh. Auch die Libyer scheinen sich nicht ganz einig zu sein, ob sie ein Schiff ausfahren lassen wollen oder nicht. Roland Vogt betont noch einmal, dass wir jetzt eine große Schiffsgesellschaft aus westdeutschen Grünen und zwei Österreichern starten könnten. Ein Hungerstreik wäre dazu ein adäquates Mittel, es sei ja Ramadan, man könnte auch Palästina mit einbeziehen, Solidarität mit allen Hungernden, auch mit denen in der Sahelzone.

Mechtersheimer schlägt schließlich eine Erklärung der europäischen Friedens- und Alternativbewegung vor. Ein Appell an die Amerikaner, vorsichtig zu handeln und gleichzeitig an die libysche Regierung, nicht kurzfristig zurückzu- schlagen, schon gar nicht gewaltsam, „was unseren tiefen Prinzipien widerspricht“.

DRITTER TAG

Ort ist das ideologische „Zentrum zum Studium des Grünen Buches“. Das US-Manöver hat sich inzwischen als quasi selbst verschuldetes der Libyer entpuppt. Sie haben es geduldet, wie sich herausstellt. Alexander Langer hat dies von der italienischen Botschaft erfahren. Doch darüber wird nicht weiter gesprochen. Unter der Leitung eines ehemaligen Außenministers dient die Tagung der „Vertiefung der Beziehungen zwischen der Friedensbewegung und Libyen“. Mechtersheimer kommt bei der Vorstellung als ehemaliger Oberst der Bundeswehr und wichtiger Vordenker der Friedensbewegung besonders gut weg.

Die libyschen Sprecher fordern, dass sich der Kampf in Europa mit anderen in der Welt verbinden müsse. Wenn sich die Herrschenden in der Dritten Welt mit den Herrschenden in Europa verbündeten, müssten sich ja auch die revolutionären Kräfte verbünden. Das Grüne Buch sei eine Anleitung dazu. Von daher habe man die Revolution in Libyen schon begonnen. „Volkskongresse sind unsere Basis“, so der Sprecher, „darin bündelten sich die führenden Kräfte.“

Otto Schily verweist darauf, dass sich auch in Europa neue politische Inhalte neue politische Formen suchten, zum Beispiel Bürgerinitiativen ohne Vorstand und bezahlte Funktionäre, sie sprächen gleich im Namen des Volkes. Sollte das libysche Volkskomitee als parapolitische Organisation dies ebenso halten, fände er es gut. Er betont, dass sich im politischen Organ gleichwohl der Widerspruch entfalten können müsse. Mehrheiten könnten sich irren.

Adriano Sofri distanziert sich vom Avantgardeanspruch des libyschen Revolutionskomitees. Ihre Festlegung auf Koran und Islam kritisierte er, „das würde für mich nicht gehen, zum Islam überzutreten“. Er wolle die internationale Avantgarde viel mehr nutzen, um die Staatsmacht abzubauen, er wolle keine Revolution machen, um die Staatsmacht zu bekommen. In Italien gäbe es viele, die nicht an Politik partizipieren wollen. „Wir haben den Luxus, frei zu sein und am politischen Leben nicht teilnehmen zu müssen.“ Es sei ein Risiko, die Menschen täglich zu politisieren, siehe China, siehe Iran. „Ich hoffe nicht“, sagt er zu den Libyern, „Sie machen diesen Fehler.“

Die Diskussion war erstmals aufgeräumt, hat auch unangenehme Sachen nicht ausgespart. Auf der Rückfahrt singen die Deutschen zusammen mit den Italienern ein fröhliches „Baniera Rossa“ (eines der bekanntesten internationalen Arbeiterlieder, Anm. der Red.). Einige äußern die Befürchtung, dass es zu einer Spaltung zwischen Tauben und Falken in der europäischen Delegation gekommen sei. Werden wir nun Gaddafi sehen oder nicht? Die Ungeduld wächst.

Debatte im Militärzelt; Klub der Freundschaft. Die Revolutionskomitees, so wird erklärt, dienten dem Volke und nicht nur einer einzigen Gruppe oder Partei. Sie seien eine Lösung für die Menschheit. Parteien versuchten lediglich, Erfolge an sich zu reißen, dienten nur den Mitgliedern. Die Revolutionskomitees hingegen seien eine internationale Bewegung, am Wohlstand der Menschen interessiert, zu vergleichen mit der Friedensbewegung. „Auch wenn die westliche Propaganda sie als Terrororganisation darstellt, könnten wir hier selber feststellen, dass das Propaganda der Imperialisten ist.“ Die Rede kommt auf die von Libyen an Regimegegnern verübten Liquidationen. „Diese Sachen sind im Ausland von vielen falsch verstanden worden“, sagen die Mitglieder der Revolutionskomitees, „doch das nehmen wir nicht übel, ist Frucht der Propaganda.“ Was im Ausland geschah, fußte auf Beschlüssen des Volkskongresses: „Viele Verbrecher sind keine politischen, sondern Wirtschaftsverbrecher“, die Geld des Volkes außer Landes gebracht hätten.

Kurz nach Mitternacht ist es so weit. Wir sitzen im neonlichtbestrahlten grünen Zelt wie die Schafe um den „Führer“ herum, der im weißen Umhang und in grüner Hose auf einem beigen Bürostuhl sitzt, neben sich ein rot-schwarzes Telefon. Und schon beginnt seine zweistündige Ansprache. Der Frieden sei unsicherer geworden, insbesondere im Nahen Osten. Die zionistische Politik führe zur Bedrohung des Weltfriedens. Und die Amerikaner hätten versucht, tausende Soldaten im Libanon landen zu lassen, was zu einem Weltkrieg hätte führen können. Dies sei auch ein Test für die Friedensbewegung. Es müsse zu tagtäglichen Protestaktionen in Europa kommen. Die Israelis sollten militärisch und wirtschaftlich boykottiert werden. Dazu müsse der Druck auf die Amerikaner verstärkt werden, das rassistische Regime, das den Frieden bedrohe, nicht weiter aufzurüsten. Gaddafi verweist auf den Kongress gegen Imperialismus, Zionismus und Rassismus in Tripolis, der gerade in diesen Tagen stattfinde und 80 Staaten mit 300 internationalen Organisationen zusammengeführt habe. Die Solidarität gegen die zionistische Aggression müsse auch unsere Bewegung zeigen, fordert er. Die Bewegung, die durch Schily gegründet worden sei, habe das menschliche Bewusstsein wieder wachgerufen. Jetzt müsse sie mehr als nur Europa erfassen, doch ihr fehle eine Ideologie, aus der ein Programm entstehe. „Wir und Sie gehören alle zur Opposition, wir müssen ein Programm haben, wenn wir Bestehendes kritisieren“, sagt Gaddafi. Alle bisherigen Institutionen basierten auf Ausbeutung und Diktatur. Die Reichen lebten auf Kosten der Armen, das gelte für die Einzelnen wie auch für die Länder. „Kriege sind eng verbunden mit ausbeuterischen Systemen“, sagt Gaddafi. „Institutionen, die auf Ausbeutung beruhen, haben Interesse am Krieg. Wir müssen alternative Wirtschaftssysteme suchen.“ Er mahnt, auch die Arbeiter auf unsere Seite zu ziehen, sie „zu bewegen, sich selbst zu befreien“. Er kritisiert die „unechten Interessenvertretungen“ wie die UN. Für einige Milliarden Menschen redeten dort nur einige Vertreter. Seine Kritik an Profitmacherei, Wettrüsten und Umweltzerstörung formuliert er so geschliffen, als habe er gerade statt des Grünen Buches das grüne Programm gelesen. Der Mensch sei eine Maus geworden, sagt er, ziemlich parasitär. Er hoffe, dass die Menschen durch den Kampf „Ihrer Bewegung“ den Sieg erringen.

Gaddafis Hauptziel ist die Beseitigung von Institutionen. Parteien, Regierungen, Gewerkschaften und Armeen sollten verschwinden. Wenn Regierungen und Armeen verschwänden, werde es Frieden geben, sagt Gaddafi. Aber diese Instrumente müssten zerstört werden. Denn nur so verschwinde auch das Böse. Dann hätten die Massen das Gefühl, befreit zu sein und wären glücklich. Er fordert dazu auf, eine internationale grüne Bewegung zu gründen. Die grüne Farbe müsse den Sieg erringen, sagt er, sie sei Ausdruck des Friedens. Die schwarze und auch die rote Farbe jedoch müssten verschwinden. „Wir in Libyen haben die Revolution gemacht, um dieses Ziel zu erreichen.“ Grün, betont er noch einmal, sei nicht nur die Farbe der Hoffnung, sondern auch des Paradieses, das Feuer sei jedoch genau das Gegenteil davon. „Wenn Sie das Grüne Buch gelesen haben, können wir weiterdiskutieren“, sagt er. Konkret fordert er dazu auf, die militärischen Basen in Westeuropa zu beseitigen und keine neuen zu errichten. „Wir unterstützen Ihren Kampf gegen die Stützpunkte in Europa. Wir sind bereit, Ihnen Mittel für Ihren Kampf zur Verfügung zu stellen, und ich möchte mich bedanken, dass Sie geduldig waren.“ Am Ende Applaus.

VIERTER TAG

Erst am nächsten Tag eine kurze Aussprache. Alle versprechen den Kampf gegen die Nato-Nachrüstung. Alexander Langer glaubt, Gaddafi könne auf politischer Ebene in Italien Einfluss nehmen, über die Sozialisten sogar auf die Außenpolitik. Er kann sich auch vorstellen, dass Libyen sich an italienischen Staatsunternehmen beteiligt. Gaddafi beendet das Ganze mit einem salbungsvollen Schlusswort: „Wir haben eine gemeinsame Ideologie, das sind die Ideen des Grünen Buches“, sagt er. „Es scheint, wir haben eine gemeinsame Bewegung gegründet.“

FÜNFTER TAG

Bei 41 Grad im Schatten eine Höllenfahrt durchs Land. Verstepptes, karges Gelände, plötzlich Rebstöcke, an denen wir von Herzenslust naschen können. Natürlich sind die Trauben gespritzt. Quellen von Oasen gleichen Pfuhlen, die wir zu Hauf kennen. Eine Müllbeseitigungsaktion – gewaltfrei, versteht sich – wird allerdings nicht unternommen. Umso mehr schmecken die Melonen im durstigen Schlund.

Und weiter hinauf in die Ausläufe das Atlasgebirges, 300 Meter. Die Hügelkette sieht aus wie aneinandergereihte Warzen, porig und rissig. Davor das Land mit wenigen grüngrau überhängenden Bodenpflanzen. Eigenwillige Schönheit. Verwundet inzwischen von den scharfen Klingen einer vierspurigen Autobahn. Das Essen oben können wir aus Höflichkeit nicht ablehnen. Die Libyer fasten den Tag über. Wir bekommen es umso fetter. Steaks und Pommes und immer wieder. Unterwegs sehen wir auch zwei Kamele, Störche und zwei Schafe dazu. Der Weg zurück nach Tripolis führt durch üppigere Vegetation. Olivenhaine, knorrige alte Bäume, Pinien und Tannen. Im Bus wieder Gesang, „Gott erhalte Franz den Kaiser“. Da waren die Österreicher unter sich. „Bandiera Rossa“ haben wieder alle gesungen. Und Familie Vogt singt „We shall overcome“.

Benedict Maria Mülder ist freier Journalist und lebt in Berlin.

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