Ermittlungen in Boston und Toronto : Die Spur des Terrors

Tatort Öffentlichkeit: Die Anklage gegen den mutmaßlichen Attentäter von Boston enthält weitere Details des Anschlags. Was ergab die Vernehmung bisher?

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Hier lag eine der beiden Bomben.
Hier lag eine der beiden Bomben.Foto: AFP

Die Umstände der Anklageerhebung waren ungewöhnlich. Normalerweise werden Beschuldigte vor Gericht mit den Anklagepunkten konfrontiert. Im Fall des 19-jährigen Dschochar Zarnajew begaben sich die Richterin und mehrere Anwälte zum Krankenbett des Angeklagten, der mit ernsten Verletzungen im Halsbereich in einer Bostoner Klinik liegt und kaum in der Lage ist zu sprechen.

Wie läuft die Kommunikation mit

einem Angeklagten, der nicht spricht?

Laut Gerichtsprotokoll versammelten sich Bundesrichterin Marianne Bowler, zwei Staatsanwälte, drei öffentliche Verteidiger und ein Arzt um das Bett. Der Arzt fragte: „Wie geht es Ihnen? Können Sie ein paar Fragen beantworten?“ Zarnajew nickte bestätigend. Die Richterin belehrte ihn über seine Rechte, darunter die Verweigerung der Aussage. Die Anklage lautet auf Verwendung einer Massenvernichtungswaffe und böswillige Zerstörung von Eigentum. Auf die Frage, ob er sich einen Anwalt leisten könne, sagte Zarnajew „Nein“ – das einzige Wort, das er während der Anhörung sprach. Ansonsten kommunizierte er durch Nicken und Kopfschütteln. Die Richterin sagte zum Abschluss, er wirke auf sie „aufmerksam, geistig zurechnungsfähig und bei klarem Verstand“.

US-Medien berichteten nun unter Berufung auf die Ermittler, Zarnajew habe bereits am Sonntag Fragen beantwortet, als er zu Bewusstsein kam. Bei dieser ersten Vernehmung nutzte das FBI eine Sonderklausel, laut der Fragen mit dem Ziel, Gefahr von der Öffentlichkeit abzuwenden, ohne Belehrung über Rechte wie die Aussageverweigerung gestellt werden dürfen. Zarnajew habe ausgesagt, dass ihm keine weiteren Bomben in Boston oder Anschlagspläne an anderen Orten bekannt seien und zugegeben, dass er und sein Bruder Tamerlan Urheber des Anschlags auf den Marathon waren, wobei Tamerlan die treibende Kraft war. Sie hätten alleine gehandelt, ohne Kontakt zu einer Terrororganisation. Unklar blieb, ob Zarnajew auch da mit Gesten, die Ja und Nein bedeuten, antwortete, ob er sprach oder Aussagen aufschrieb.

Welche neuen Details über die Tat

ergeben sich aus der Anklage?

Die Anklage stützt sich unter anderem auf Aufnahmen von Überwachungskameras. Sie zeigen Dschochar und Tamerlan im Zeitraum vor den Explosionen, wie sie mit „Knapsacks“ – großen schwarzen Tornistern – auf dem Rücken die Umgebung des Zieleinlaufs betreten. Mehrere Minuten beobachteten sie gemeinsam das Rennen. Dann ging Tamerlan zum Ort, wo später die erste Bombe explodierte. Drei Minuten später ging Dschochar an die Stelle, wo später der zweite Sprengsatz detonierte, legte seinen „Knapsack“ ab, blickte lang auf sein Mobiltelefon und machte eventuell ein Foto. In den 30 Sekunden vor der ersten Explosion hielt Dschochar das Telefon an sein Ohr. Als die erste Bombe hochging, wandten sich alle Köpfe in diese Richtung, die Gesichter spiegeln Entsetzen. Dschochar dagegen blieb äußerlich ruhig und ging wenig später in schnellen Schritten weg, ließ aber den „Knapsack“ zurück. Zehn Sekunden später explodierte die zweite Bombe.

Wie geht es in dem Verfahren nun weiter?

Zarnajew drohen weitere Anklagen durch die Justiz des Staates Massachusetts, zum Beispiel wegen Beteiligung an der Ermordung eines Campus-Polizisten des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in der Nacht zu Freitag und wegen der Entführung eines Autos und zeitweiliger Geiselnahme des Besitzers. Die Ermittler untersuchen zudem eine Pistole, die von den Brüdern benutzt und deren Seriennummer unkenntlich gemacht wurde. Beide hatten keinen Waffenschein. Geprüft wird auch, ob Tamerlan in einen Dreifachmord in Waltham, Massachusetts, im September 2012 verwickelt war. Er war mit einem der Opfer, der 25-jährigen Brendan Mess, befreundet. Die Ermittler suchen weiter nach möglichen Verbindungen zu Terrorgruppen im Kaukasus, haben bisher aber keine Belege dafür gefunden.

Ist der ältere Bruder bei seinem Aufenthalt in Dagestan radikalisiert worden?

Das ist unklar. Möglicherweise hatte sich Tamerlan Zarnajew bei seinem Besuch 2012 auf die Suche nach seinen familiären und kulturellen Wurzeln begeben. Offen bleibt, ob er dort von Islamisten beeinflusst oder einer Gehirnwäsche unterzogen worden sein könnte. Sicher ist, dass die islamistische Fraktion der antirussischen Rebellen aus dem benachbarten Tschetschenien auch in Dagestan agiert.

Der Anführer der tschetschenischen Guerilla, Doku Umarow, hat 2007 ein „Emirat Kaukasus“ ausgerufen. Zu dem fiktiven islamischen Staat zählen Tschetschenien, Dagestan und weitere Regionen. Als „Emirat Kaukasus“ firmiert gleichzeitig auch Umarows Truppe. Sie ist islamistisch geprägt und vermutlich mit Al Qaida verbündet. Umarow propagiert nicht nur den Kampf gegen Russland, sondern auch gegen die USA und Israel. Die USA stuften das „Emirat Kaukasus“ 2011 als Terrororganisation ein und boten eine Belohnung von fünf Millionen Dollar für Hinweise zur Ergreifung Umarows.

Der Krieg zwischen Russland und Tschetschenien brach in den 1990er Jahren beim Kollaps der Sowjetunion aus. Die brutalen Angriffe russischer Truppen haben den Widerstand, eine schwer bewaffnete Separatistenmafia, radikalisiert. Der große Held der Rebellen, Schamil Bassajew, tat sich später mit Al Qaida zusammen und war für Terrorangriffe mit hunderten Toten verantwortlich. 2006 tötete ihn der russische Geheimdienst FSB.

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