Erst Krieg, jetzt Straße : Immer mehr Syrer fliehen in die Türkei

In Istanbul leben rund 100 000 Syrer auf öffentlichen Plätzen. Die Türkei ist am Ende ihrer Kapazitäten. Dabei werden wohl noch viel mehr Menschen vor dem Bürgerkrieg ins Nachbarland fliehen.

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Syrer fliehen in Massen in die Türkei.
Syrer fliehen in Massen in die Türkei.Foto: dpa

Nieselregen fällt vom grauen Himmel, es ist an diesem Novembertag unangenehm kühl in Istanbul. Mohammed und seine Familie kauern unter dem steinernen Bogen eines römischen Aquädukts in der Innenstadt. Die Kinder sind barfuß. „Hier leben wir“, sagt Mohammed, der als Schuster in der nordsyrischen Stadt Aleppo arbeitete, bis er vor etwa einer Woche aus Syrien floh, um dem Krieg zu entkommen. „Wir haben kein Zelt, wir haben keine Wohnung, wir haben nur Gott.“

Mohammed hat sein letztes Geld für die 1100 Kilometer lange Busfahrt von der syrischen Grenze nach Istanbul ausgegeben. Jetzt müssen der 26-Jährige, seine Frau und seine drei Kinder hungern, wenn sich kein Anwohner erbarmt und ihnen ein Almosen gibt. Einige Syrer in der Stadt ernähren sich von dem alten Brot, das Tierfreunde für Hunde und Katzen in den Parks auslegen. Rund 100.000 Bürgerkriegsflüchtlinge leben derzeit auf den Straßen und in den Parks von Istanbul. Sie hoffen auf Jobs für sich und ihre Familien, doch nur die wenigsten schaffen es. Hilfsorganisationen befürchten eine dramatische Verschlimmerung der Lage in den kommenden Wintermonaten.

Doch die Türkei, die nach den Worten ihres Außenministers Ahmet Davutoglu inzwischen rund 700 000 Syrer aufgenommen hat, ist am Ende ihrer Kapazitäten. Rund 200 000 Flüchtlinge leben in Auffanglagern in der Grenzregion, die verbleibende halbe Million Menschen sind bei Verwandten untergekommen, haben irgendwo eine Wohnung gefunden oder leben auf der Straße. Wie Mohammed.

Die Zahl der Vertriebenen wächst und wächst

Die Gesamtzahl der derzeit 2,2 Millionen Flüchtlinge außerhalb Syriens dürfte in den kommenden Wochen noch weiter steigen: Bis zum Jahresende rechnen die Vereinten Nationen mit rund drei Millionen Vertriebenen. Die türkische Menschenrechtsgruppe Mazlumder schätzt die Zahl der Syrer in der Türkei schon jetzt auf eine Million.

In eines der offiziellen Lager der türkischen Regierung will der Turkmene Mohammed seine Familie auf keinen Fall bringen – er traut den syrischen Arabern nicht, die das Gros der Flüchtlinge in den Camps bilden. „Die vergewaltigen unsere Frauen“, sagt er. „Es ist schlimm.“ Auch Abdurrahman, ein anderer Flüchtling, hat auf dem Weg zum Bosporus einen weiten Bogen um die Lager gemacht. Bevor seine Frau und drei seiner vier Kinder in Hama durch eine Bombenexplosion starben, arbeitete Abdurrahman als Autowäscher. Jetzt sitzt er in Istanbul auf der Straße und hofft auf Hilfe

Nicht überall werden sie herzlich empfangen

Laut einer Studie der Menschenrechtsorganisation IHD hat so gut wie keiner der Syrer eine offizielle Arbeitsgenehmigung für die Türkei. Wenn sie tatsächlich einmal Arbeit finden, werden sie meist in illegalen Betrieben zu Hungerlöhnen angeheuert. Laut IHD verdient ein Syrer nur ein Drittel von dem, was Türken gezahlt wird. Mazlumder hat die türkische Regierung deshalb aufgerufen, sich um die Flüchtlinge in den großen Städten wie Istanbul zu kümmern. Doch derzeit weiß niemand so recht, was aus ihnen werden soll. In einigen Stadtbezirken wie dem Händlerviertel Kücükpazar am Goldenen Horn sind Flüchtlingsfamilien in verfallenden Häusern untergekommen. Nach Untersuchungen von Hilfsorganisationen zahlen viele von ihnen Wuchermieten.

Nicht überall werden die Neuankömmlinge von den Istanbulern mit offenen Armen empfangen. „Die fahren alle funkelnagelneue Autos“, erbost sich ein Ladenbesitzer in Kücükpazar. „Wo haben die das Geld her?“, fragt er und schiebt die Antwort gleich hinterher: „Die schicken ihre Kinder zum Betteln auf die Straße, so geht das.“ Unter dem Bogen des Aquädukts sucht Mohammed nach Essbarem für seine Kinder. Auf die Frage, was aus ihm und seiner Familie wird, wenn er in Istanbul keine Arbeit findet, zuckt er mit den Schultern und sagt: „Dann gehen wir wieder zurück nach Syrien und kämpfen im Krieg mit.“

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