EU-Armutsrisiko : „Weniger eine Finanz- als eine Verteilungskrise“

Je größer die Einkommensunterschiede in einem Land sind, desto höher ist auch das Armutsrisiko. Das geht aus einem aktuellen Vergleich des Statistischen Bundesamtes hervor. Deutschland liegt im EU-Vergleich zwar im Mittelfeld. Die Gefährdungsquote ist hierzulande dennoch so hoch wie nie zuvor.

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An Bedürftige verteilen Bremens „Suppenengel“ viermal in der Woche Heißes.
An Bedürftige verteilen Bremens „Suppenengel“ viermal in der Woche Heißes.Foto: picture alliance / dpa

In Deutschland ist das Armutsrisiko um einiges geringer als im EU-Durchschnitt. Dies ist das Ergebnis eines Vergleichs, den das Statistische Bundesamt unter Bezug auf das Europäische Statistikamt Eurostat jetzt veröffentlicht hat. Demnach galt im Jahr 2010 mit 15,8 Prozent jeder sechste Bundesbürger als armutsgefährdet. Im Schnitt kommen die EU-Staaten auf 16,9 Prozent. Doch die Nachricht ist nur bei flüchtigem Hinsehen eine gute. Auch hierzulande ist die Gefährdungsquote weiter gestiegen und hat einen Höchststand erreicht – trotz der seinerzeit wieder gut angesprungenen Konjunktur. Und fast alle direkten Nachbarländer schneiden besser ab.

Es sei „alarmierend, dass von unseren Nachbarstaaten nur Polen eine höhere Armutsgefährdungsquote aufweist“, sagte der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge dem Tagesspiegel. Auch die großen Sozialverbände werteten das Ergebnis als keineswegs beruhigend. „Wir haben eine Rekordarmutsgefährdung bei sinkenden Arbeitslosenzahlen“, betonte der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider. Es sei beunruhigend, dass die Armutsgefährdung trotz guter Konjunktur „nicht zurückgeht oder gleich bleibt, sondern schleichend steigt“, sagte VdK- Präsidentin Ulrike Mascher.

Wie zu erwarten, befinden sich die Schlusslichter des Armutsvergleichs in Südosteuropa. Das höchste Armutsrisiko besteht demnach in Bulgarien (22,3 Prozent) und Rumänien (22,2), gefolgt von den Krisenstaaten Spanien (21,8) und Griechenland (21,4). Beim Nachbarn Österreich indessen liegt es um mehr als drei Prozentpunkte unter dem Deutschlands. Holland kommt auf nur elf Prozent. Und Tschechien glänzt mit der niedrigsten Gefährdungsquote aller EU-Staaten, sie beträgt grade mal 9,8 Prozent.

Lebt es sich für die Menschen in der Tschechischen Republik wirklich so viel besser als in deutschen Landen? Um die Quoten zu verstehen, ist es nötig, sich die Armutsdefinition der Statistiker genauer anzusehen. Ihr zufolge gilt als armutsgefährdet, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung eines Landes verfügt – staatliche Leistungen inklusive. Die beschriebene Armut ist also eine relative, weil sie sich am Lebensstandard der anderen bemisst. In Rumänien liegt die Gefährdungsschwelle für Alleinlebende dementsprechend bei 105 Euro im Monat, sie ist die niedrigste im EU-Vergleich. In Luxemburg dagegen beginnt das Armutsrisiko bereits bei einem Einkommen von weniger als 1626 Euro. Oder um beim tschechischen Beispiel zu bleiben: Dort lag die Armutsschwelle für Alleinstehende im Jahr 2010 bei knapp 373 Euro im Monat. In Deutschland beginnt das Armutsrisiko schon, wenn man monatlich weniger als 952 Euro und im Jahr keine 11 426 Euro aufs Konto bekommt.

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