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Euro-Land Slowakei : Arm, aber zum Zahlen gezwungen

23.07.2012 16:34 Uhrvon
Der Durchschnittslohn in der Slowakei beträgt 762 Euro. In Italien oder Spanien ist er mehr als doppelt so hoch. Trotzdem zahlt die Slowakei für den ESM. Foto: dpaBild vergrößern
Der Durchschnittslohn in der Slowakei beträgt 762 Euro. In Italien oder Spanien ist er mehr als doppelt so hoch. Trotzdem zahlt die Slowakei für den ESM. - Foto: dpa

Als die Slowakei in den Euro aufgenommen wurde, war der Jubel groß. Doch heute soll das Land, wie die anderen EU-Länder, Garantien im Rahmen des ESM übernehmen. Dabei ist die Slowakei eines der ärmsten Länder der EU. Allmählich schlägt die Stimmung um.

In den Minuten, die er vorne am Rednerpult steht, ist Richard Sulik der mächtigste Mann Europas. Fernsehsender aus aller Welt haben ihre Korrespondenten nach Bratislava geschickt, um zu hören, was er sagen wird. Es ist der 11. Oktober 2011, die Slowakei stimmt über die Erweiterung des Euro-Rettungsschirms ab – und wenn die Abgeordneten Nein sagen, blockieren sie damit die ganze Europäische Union. Richard Sulik schwitzt, er stützt die Hände auf das massige Rednerpult aus dunklem Holz, fast 20 Minuten nimmt er sich, um seine Argumentation aufzubauen. Nur wenige Sekunden dauert es, bis alle merken: Er wird nicht einlenken, er bleibt bei seinem Nein.

Er sagt: „Wir reden nicht von Millionen, sondern von Milliarden, die eines Tages unwiderruflich aus der Slowakei abfließen. Diese Schäden werden wohl noch die nächsten zwei Generationen abbezahlen. Da gelte ich lieber in Brüssel als Außenseiter, als dass ich mich vor meinen Kindern schämen muss.“

In seinem eng geschnittenen Anzug wirkt Richard Sulik am Rednerpult wie ein Fremdkörper, sein Stil passt nicht hierher. Der Plenarsaal in Bratislava stammt aus den 80er Jahren, die Wände sind holzvertäfelt. Die Bänke strahlen die schwere Würde aus, die sich das Land damals in den letzten Jahren des Sozialismus verordnet hat. Als er seine Rede hält, ist Richard Sulik noch Parlamentspräsident, mit seinen 43 Jahren der jüngste in der Geschichte des Landes. Hinter ihm auf der Regierungsbank sitzt Iveta Radicova, die Premierministerin, die er mit seiner Ablehnung um ihr Amt bringen wird.

Sulik sagt: „Die Slowakei ist nicht verantwortlich für die Rettung der Welt. Wir haben die Probleme nicht gemacht, wir haben keinen Grund zu zahlen.“

Heute empfängt Richard Sulik seine Besucher in einem kleinen Konferenzraum, versteckt gelegen an einem endlos langen Flur im Parlamentsgebäude von Bratislava. Fünf mal sechs Schritte misst das Zimmer, jeder Winkel ist vollgestellt mit Stühlen und Sesseln. „Unsere Räume sind bescheiden“, sagt Sulik zur Begrüßung, es klingt wie eine Entschuldigung. Das vergangene Jahr war für ihn ein Abstieg: Weil er mit seiner Partei den Euro-Rettungsschirm EFSF abgelehnt hat, ist die Mitte-Rechts-Regierung gestürzt und er war seinen Posten als Parlamentspräsident los. Bei den Neuwahlen in diesem Frühjahr hat es Suliks Partei „Freiheit und Solidarität“ (SaS), zuvor stattliche zwölf Prozent stark, nur noch knapp über die Fünfprozenthürde geschafft. Seither residiert Sulik hier in dieser Kammer für die Opposition.

Und der Finanzpakt? Der wurde ein paar Tage nach seiner Rede doch noch verabschiedet, dann eben mit den Stimmen der Opposition.

„Das ist eine Tragödie, die unser Land erlebt“, sagt Sulik. „Die Slowakei hat nach dem Sozialismus einen steinigen Weg hinter sich gebracht, die ersten Ergebnisse haben sich eingestellt. Und jetzt schicken wir Milliarden von Euro in Länder, die nicht bereit waren, sich der neuen Zeit anzupassen. Das ist zum Heulen.“

Solche Sätze sind es, wegen denen ihn manche für einen Helden halten, der sein Amt für seine Überzeugung geopfert hat und der den Mut aufbringt, gegen alle Partner in der EU anzukämpfen.

Es sind Sätze, die heute so oder ähnlich auch ganz andere sagen. Der Internationale Währungsfonds IWF beispielsweise will Griechenland keine weiteren Finanzhilfen gewähren. Die hält das Land für nötig, weil es mit seinen Reformen nicht zügig genug voran kommt. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ meldet, der IWF habe seinen Rückzug bereits signalisiert. Damit werde eine Pleite Griechenlands im September wahrscheinlicher, denn viele Regierungen der Euro-Zone seien ebenfalls nicht mehr bereit, neue Geldspritzen für das Land zu schultern.

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