Eurobarometer : Die Deutschen haben den Europa-Blues

Das Image der EU hat sich im vergangenen Jahr in Deutschland massiv verschlechtert. Nach einer Umfrage im Auftrag der EU-Kommission blickt eine Mehrheit der Deutschen pessimistisch in die Zukunft der Gemeinschaft.

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Schwierige Zeiten für Europa. Eine Mehrheit der Deutschen sieht pessimistisch in die Zukunft der EU.
Schwierige Zeiten für Europa. Eine Mehrheit der Deutschen sieht pessimistisch in die Zukunft der EU.Foto: picture alliance / dpa

In kaum einem anderen Land in der EU hat das Image der Europäischen Union im vergangenen Jahr so sehr gelitten wie in Deutschland. Wie aus einer europaweiten Befragung im Auftrag der EU-Kommission hervorgeht, verlor die EU im Ansehen der Deutschen zwischen Mai und November 2015 um elf Prozentpunkte. Nur in Estland war der Image-Verlust noch größer. Hier waren es 13 Prozentpunkte.

Eine Mehrheit der Deutschen hat ein positives Bild von der EU - doch sie schmilzt

Bei der so genannten Eurobarometer-Umfrage werden Menschen in den 28 EU-Staaten in regelmäßigen Abständen unter anderem danach gefragt, welches Bild die EU bei ihnen ganz allgemein hervorruft. Im Mai 2015 hatten 45 Prozent der Befragten in Deutschland geantwortet, sie hätten insgesamt ein positives Bild von der EU. Im vergangenen November waren es nur noch 34 Prozent, wie aus dem Eurobarometer hervorgeht. 27 Prozent der Befragten in Deutschland gaben an, sie hätten insgesamt ein negatives Bild von der EU.

Nach den Worten von Richard Kühnel, des Leiters der Berliner Vertretung der EU-Kommission, lasse sich aus den Zahlen aber nicht herauslesen, dass die EU-Bürger der Europäischen Union grundsätzlich eine Absage erteilen würden. „Es gibt einen klaren Wunsch nach europäischem Handeln“, sagte Kühnel am Dienstag. Der Umfrage zufolge unterstützt mehr als die Hälfte der Europäer, nämlich 68 Prozent der Bürger in der Euro-Zone, die Währungsunion und den Euro.

Zukunft der EU: 48 Prozent pessimistisch, 46 Prozent optimistisch

In Deutschland herrscht hingegen derzeit der Europa-Blues, was offenbar nicht zuletzt eine Folge der zähen Diskussion unter den EU-Staaten über die Lösung der Flüchtlingskrise ist. Erstmals sieht laut Umfrage eine Mehrheit (48 Prozent) hierzulande pessimistisch in die Zukunft der EU, während 46 Prozent optimistisch in die europäische Zukunft schauen. Zum Vergleich: Im Mai 2015 hatten sich noch 60 Prozent optimistisch geäußert, während sich 34 Prozent pessimistisch zeigten.

Dass in Deutschland die Schwarzseher mittlerweile in der Mehrheit sind, liegt keineswegs im EU-Trend. Denn im Durchschnitt der EU-Staaten zeigten sich nach der letzten Eurobarometer-Umfrage 53 Prozent optimistisch und 41 Prozent pessimistisch. Zu den Ländern, in denen der EU-Optimismus besonders weit verbreitet ist, gehört übrigens auch Polen: Hier blicken 70 Prozent der Befragten optimistisch in die Zukunft der EU.

Deutsche befürworten EU-Einwanderungspolitik stark - andere Europäer weniger

Der Stimmungs-Absturz in Deutschland mit Blick auf die EU hat möglicherweise auch mit der Enttäuschung darüber zu tun, dass die EU und ihre Mitgliedstaaten mit einer gemeinsamen europäischen Einwanderungspolitik nicht weiterkommen. Gerade in Deutschland ist die Zustimmung zu einem europäischen Ansatz bei der Einwanderungspolitik konstant hoch; im Mai 2015 wurde sie hierzulande von 84 Prozent befürwortet, und auch im vergangenen November waren es immer noch 82 Prozent. Dagegen äußerten im Schnitt aller EU-Staaten zuletzt nur 68 Prozent ihren Wunsch nach einer europäischen Einwanderungspolitik.

Dabei ist die Flüchtlingskrise nicht das einzige Thema, das die EU derzeit einer selten dramatischen Bewährungsprobe aussetzt: Populistische Parteien sind EU-weit im Aufwind, und obendrein steht der „Brexit“ als Schreckens-Szenario im Raum. Das Jahr 2016, so lautete am Dienstag die Prognose von Richard Kühnel, werde für die EU „vielleicht das schwierigste seit Beginn der europäischen Integration“.

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