Politik : „Europa ist zurzeit kein Vorbild“

Der Klimaökonom Ottmar Edenhofer über den nächsten Report des Weltklimarats (IPCC), China und das Drama von Kopenhagen

Foto: picture-alliance/ZB Foto: picture-alliance/ ZB
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Der Weltklimarat (IPCC) hat die Liste der Autoren vorgestellt, die bis 2014 den fünften Sachstandsbericht zum Klimawandel erarbeiten sollen. Darunter sind 31 Autoren aus Deutschland. Was muss der nächste IPCC-Bericht leisten?

Die Aufgabe lässt sich ziemlich einfach definieren. Der IPCC muss die Öffentlichkeit darüber informieren, was die Folgen des Klimawandels sind. Was geschieht zwischen zwei und drei Grad durchschnittlicher Erwärmung im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung? Und was zwischen 1,5 und zwei Grad? Wir benötigen hierzu genaue regionale Informationen. Ein ambitionierter Klimaschutz wird sich nur rechtfertigen lassen, wenn klar ist, was die Folgen ungebremsten Klimawandels sind. Darüber hinaus benötigen die Länder diese Informationen für ihre Strategien, um sich an den nicht mehr vermeidbaren Klimawandel anzupassen.

Soll es nur um die Folgen gehen?

Nein, der zweite wichtige Punkt ist die Beantwortung der Frage, welche Möglichkeiten es gibt, das Zwei-Grad-Ziel oder das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Aus meiner Sicht ist dabei das Wichtigste, dass der gesamte Fächer der Lösungsstrategien dargestellt wird: Emissionsreduktion durch erneuerbare Energien und gesteigerte Energieeffizienz, die Kernenergie, die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (CCS). Wir werden die Möglichkeiten des Kohlenstoffkreislaufmanagements ausloten, ebenso die Folgen von Abholzung und die Folgen des Reisanbaus. Wir werden uns auch mit den Maßnahmen beschäftigen, die versuchen, die Strahlungsbilanz der Erde direkt zu beeinflussen. Der IPCC muss klar sagen, was die Kosten dieser Optionen sind, was die Risiken, was die unbeabsichtigten Nebenwirkungen sein können. Zum Beispiel Schwefelpartikel in der Stratosphäre einzubringen, ist eine risikoreiche Option.

Haben die Konjunkturpakete dem Klima geholfen?

Die Konjunkturpakete waren in der Mehrheit nicht klimapolitisch ausgerichtet. Dementsprechend hatten sie auch kaum klimaentlastende Wirkung. Wenn die Wirtschaftskrise überwunden sein wird, werden wir bei den Emissionen zum ursprünglichen Wachstumspfad zurückkehren. Dass der G-20-Gipfel am Wochenende nicht einmal mehr über das Klima diskutiert hat, zeigt, welche Wirkung das Scheitern des Kopenhagener Gipfels hat. Dennoch gibt es durchaus Hoffnungszeichen. Wir werden in den nächsten Monate genau analysieren müssen, was in China geschieht. China ist längst die Werkbank der Welt. Infolge der Finanzkrise will China seine enormen Leistungsbilanzüberschüsse abbauen. China will dies nicht hauptsächlich durch Wechselkursanpassungen zustande bringen, sondern durch eine Erhöhung der heimischen Löhne und durch eine drastische Erhöhung der heimischen Investitionsquote. Es wird in den Straßenbau, in Flughäfen, in Seehäfen, in Elektrizitätsnetze, Kraftwerke und Telefonnetze investiert werden. Damit legt China seinen Emissionspfad für mehrere Dekaden fest. China will die Kohlenstoffintensität seines Sozialproduktes bis 2020 um 40 bis 50 Prozent gegenüber dem Jahr 2005 senken. Wenn China dieses Ziel ernst nimmt, wäre das ein großes Hoffnungszeichen. Denn durch diese Entscheidung schafft China überhaupt den nationalen Spielraum dafür, zu einem späteren Zeitpunkt überhaupt internationale Verpflichtungen eingehen zu können. Es ist möglich, dass China diese Ziele verfehlt. Es ist aber ebenso wahrscheinlich, dass diese Ziele erreicht werden, weil es die chinesische Staatsführung nach meiner Einschätzung sehr ernst meint. Erreicht es sie aber, wäre das Land auf einem Pfad, der mit dem Zwei-Grad-Ziel vereinbar wäre. Aber nicht nur für China öffnet sich hier ein Fenster der Möglichkeiten, sondern auch für die USA und Europa. Denn auch hier muss das Energieversorgungssystem modernisiert werden.

Derzeit sieht es nicht so aus, als wollten die EU und die USA diese Chance nutzen.

Das stimmt. Für die Umstellung brauchen wir einen CO2-Preis. Die Industrie braucht das Signal, dass der Deponieraum für Kohlendioxid in der Atmosphäre knapp wird. Daran hängen die Investitionsentscheidungen. Vor Kopenhagen hatte die Industrie erwartet, dass sie umsteuern muss, weil es zu diesem Preissignal kommt. Diese Erwartung ist enttäuscht worden. Das ist das wirkliche Drama von Kopenhagen. Selbst die Hauptemittenten wissen nicht, wie sie sich in den Klimaverhandlungen positionieren sollen. Dabei ist es aus meiner Sicht nicht so wichtig, ob das globale Abkommen in drei oder fünf Jahren zustande kommt. Wichtig ist die Erwartung, dass es zu einem solchen Abkommen kommen wird.

Mit den USA wird nicht zu rechnen sein.

Die Verhandlungsstrategie der USA ist im Augenblick schwer zu verstehen. China zögert international, hat aber national große Ambitionen. Beide großen Mächte haben aber Schwierigkeiten, sich multilateral zu irgendetwas zu verpflichten. Auch Europa ist bisher den Beweis schuldig geblieben, dass Wirtschaftswachstum dauerhaft vom Emissionswachstum entkoppelt werden kann. Die Reform des Emissionshandels ist im Augenblick kein Thema – leider. Mit der europäischen Vorbildwirkung ist es zurzeit nicht weit her.

Das Gespräch führte Dagmar Dehmer.

Ottmar Edenhofer (48) gehört zu den

Koordinatoren des Weltklimarats (IPCC). Er ist Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Professor an der TU Berlin.

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